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»In der Not sind die Johanniter stark«

Cottbus. 2021 ist Geschichte. Im Interview blickt Andreas Berger-Winkler, Regionalvorstand Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., Regionalverband Südbrandenburg, auf das vergangene Jahr zurück und gibt einen kleinen Ausblick auf 2022.

Zum zweiten Mal wurde das neue Jahr ohne Silvesterböller & Co. begrüßt. Inwiefern war das in den Rettungseinsätzen zum Jahreswechsel spürbar? An keinem anderen Tag verletzen sich bekanntlich so viele Menschen mit Pyrotechnik.

Eins, zwei Einsätze aufgrund von Verletzungen durch Pyrotechnik waren dennoch zu verzeichnen. Es ist aber schon ein deutlicher Unterschied zu den Vorjahren, in denen solche Einsätze in einer größeren Anzahl zu verzeichnen waren. Aber auch die Einsätze aufgrund „auschweifend alkoholischer“ Silvesterfeiern gingen aufgrund der Corona-Beschränkungen zurück.

Das Jahr 2021 ist damit endgütlig Geschichte. Wie lautet Ihr Johanniter-Resümee?

Die Corona-Pandemie hatte uns weiter fest im Griff. Nach einem Frühjahr im harten Lockdown, gefolgt von einem unbeschwerten Sommer, trifft uns nun die vierte Welle mit voller Wucht. Und die schnelle Verbreitung der neuen Virusvariante Omikron lässt erahnen, dass uns weitere schwere Monate bevorstehen.

Aber nicht nur Corona hat uns im zurückliegenden Jahr gefordert – beruflich wie persönlich. Gerade ein halbes Jahr ist es her, dass ganze Ortschaften in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz durch die Starkregenfälle in der Nacht zum 15. Juli in kürzester Zeit in Trümmerfelder verwandelt wurden. Neben tausenden weiteren Einsatzkräften und Helfern waren auch die Johanniter aus Südbrandenburg in den Tagen und Wochen nach der Katastrophe vor Ort im Einsatz, haben Menschen gerettet und versorgt. Für diesen großartigen Einsatz gebührt Ihnen unsere Anerkennung und unser herzlicher Dank!

Das vergangene Jahr hat wieder einmal mehr gezeigt: In der Not sind die Johanniter stark! Wir wollen darüber aber keinesfalls aus dem Blick verlieren, was jede und jeder einzelne Johanniter tagtäglich leistet. Ohne dieses Engagement könnten die Johanniter ihren Auftrag nicht erfüllen.

Ohne das unermüdliche Engagement im Ehren und Hauptamt wäre das Jahr nicht zu bewältigen gewesen! Insbesondere möchten wir all jenen herzlich danken, die während der Feiertage den Dienstbetrieb aufrechterhalten haben.

Coronabedingt waren die Johanniter 2021 in vielen Impfzentren und auch mit mobilen Impfteams aktiv. Dabei zählt das nicht zu den Kernaufgaben der Hilfsorganisation. Wie gut haben sich die Johanniter mit dieser neuen Ausrichtung arrangiert?

Unser besonderer Dank gilt erstmal den Johannitern, die sich täglich für einen reibungslosen Ablauf in den Impf- und Testzentren und in den mobilen Impfteams engagiert haben und nun wieder erneut in unserem Team tätig werden. Als Hilfsorganisation haben wir wieder einmal bewiesen, dass wir ohne Vorlauf Verantwortung übernehmen, entsprechende Infrastrukturen aufbauen und auch betreiben können obwohl gerade der Betrieb von Impf- und Testzentren nicht zu unseren Kern- beziehungsweise Regelaufgaben gehört. Wir greifen da auf die Kompetenz und dem Engagement unserer Mitarbeiter zurück, welches wirklich der Baustein unseres Handelns ist. Die reibungslose kurzfristige Wiederinbetriebnahme und Neuaufbau vom Impfzentren und Impfstellen beweist, dass wir dieser Neuausrichtung inzwischen vollumfänglich gewachsen sind.

Der so genannte bodengebundene Rettungsdienst soll in einigen Landkreisen und Kommunen im Süden Brandenburgs neu strukturiert werden. Inwiefern könnten sich hier die Johanniter einbringen beziehungsweise gibt es erste Anläufe für ein Engagement?

Kurz gesagt: Die Johanniter könnten und wollen helfen - wenn sie dürften. In den letzten Wochen und Monaten wurde auf Grund von Unterstützungsanfragen an die Hilfsorganisationen, insbesondere in kommunalisierten Rettungsdienstbereichen, deutlich – der Rettungsdienst ist überlastet.

Was führt zu dieser Überlastung?

Grund für die Überlastung sind unter anderem die Transporte im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. Die Zahl der Infektions-Transporte in Brandenburg steigt täglich an, jeder Transport eines infizierten Patienten erfordert Sorgfalt, ist aufwändig und anstrengend. Die Desinfektion eines Fahrzeugs kann bis zu einer Stunde dauern. Zudem werden die Wege zu aufnahmebereiten Krankenhäusern immer länger, die freien Betten immer weniger. Schließlich steigt auch die Zahl der infizierten Einsatzkräfte. Personelle Ressourcen sind kaum bis gar nicht vorhanden. Um dem zu begegnen werden Notlagen für die Mobilisierung des Katastrophenschutzes ausgerufen.

Die gängige Praxis, nun einfach einzelne Rettungsfahrzeuge zeitweise aus der Vorhaltung zu nehmen vor dem Hintergrund der fehlenden Ressourcen, kann nicht akzeptabel sein.

Gibt es Alternativen?

Während weitere Brandenburger Landkreise sehenden Auges auf die gleichen katastrophalen Bedingungen durch Beschlüsse zur Kommunalisierung des Rettungsdienstes zusteuern, zeigen einige Landkreise und kreisfreien Städte, dass es für die Bevölkerung besser ist, starke Partner im Bereich des Rettungsdienstes zu haben. Anfragen einzelner Rettungsdienstbereiche zur Besetzung so genannter Spitzenlast-Rettungswagen konnten bereits durch die Johanniter realisiert werden. Auf Grund der zeitlichen Befristungen ist diesen Mitarbeitern allerdings keine Perspektive gegeben.

Bessere Voraussetzungen für die Mitarbeiter wurden bereits in Brandenburger Landkreisen geschaffen. Hier wurden durch einen transparenten Vergabeprozess der Betrieb einer kompletten Rettungswache oder Rettungsdienstbereiches an die Johanniter-Unfall-Hilfe vergeben. Hier zeigt es sich auch, dass die von einigen Landkreisen argumentativ herangezogene europaweite Ausschreibung, in Brandenburg nicht zur Anwendung kommen muss.

Nach Paragraf 10 Brandenburgisches Rettungsdienstgesetz kann die zuständige Behörde - Träger des Rettungsdienstes - Leistungserbringer mit Aufgaben des öffentlichen Rettungsdienstes beauftragen. Das gilt sowohl für gemeinnützige Organisationen wie für Private.

Es kann also ein Auswahlverfahren unter Berufung auf die Bereichsausnahme erfolgen, und zwar in Gestalt eines verwaltungsrechtlichen - transparenten, fairen und diskriminierungsfreien - Auswahlverfahrens unter Beschränkung auf gemeinnützige Organisationen, die gemäß Paragraf 18, Absatz 1 des Brandenburgischen Brand- und Katastrophenschutzgesetzes im Katastrophenschutz mitwirken.

Das Land Brandenburg hat infolge der EU-Vorgaben Möglichkeiten geschaffen, ein Auseinanderdriften von Rettungsdienst und Katastrophenschutz im Interesse einer integrierten Gefahrenabwehr entgegenzuwirken. Ziel ist hier auch die Integration und Stärkung der fachlichen Qualifikation innerhalb der im Katastrophenschutz mitwirkenden freiwilligen Hilfsorganisationen, um diese Ressourcen auch im Katastrophenfall nutzen zu können.

Mit dem Kinderhaus »Pusteblume« in Burg haben sich 2020 die Südbrandenburger Johanniter einen Herzenswunsch erfüllt. Wie geht es im neuen Jahr mit dem Kinderhaus weiter?

Wir hoffen, mit dem Kinderhaus in Jahresverlauf mal in den »Normalbetrieb« gehen zu können. Wir haben am 1. Mai 2020 eröffnet und befinden uns seitdem im Corona-Betriebsmodus. Mal mit leichten aber überwiegend mit umfangreichen Einschränkungen für die kleinen und großen Kinderhaus-Gäste uns dem engagierten Personal.

Unser Herzensprojekt erfährt viel Unterstützung in der engeren Region und auch darüber hinaus, aber spannend ist auch die Aufmerksamkeit, die uns ehemalige Lausitzer und lang schon Weggezogene entgegenbringen. Viele bekommen auch in der Ferne über die verschiedensten Kanäle einiges mit zum Kinderhaus, und viele schätzen es, dass in ihrer früheren Heimatregion so viel soziales Engagement aufgebracht wird.

Es freut uns sehr, dass das Johanniter-Kinderhaus »Pusteblume« als Teil der Lausitz und des Spreewalds akzeptiert wird. Mit derzeit 40 Mitarbeitenden sind wir noch nicht angekommen bei der notwendigen Mitarbeiteranzahl. Leider müssen wir deshalb auch Familien einen Aufenthalt absagen, weil uns dafür das Personal fehlt. Deshalb gilt unsere größte Aufmerksamkeit im neuen Jahr der Gewinnung von weiteren Pflegekräften.

Welche Schwerpunkte wollen die Johanniter in Südbrandenburg hinsichtlich ihrer Arbeit im Jahr 2022 setzen?

Die positive Entwicklung in nahezu allen Arbeitsbereichen wäre nicht möglich, wenn es uns nicht immer wieder gelänge, trotz des anhaltenden Fachkräftemangels gerade in den sozialen Berufen jedes Jahr zahlreiche neue Mitarbeitende für uns zu gewinnen. Rund 650 Menschen haben inzwischen ihre berufliche Heimat bei den Johannitern in Südbrandenburg gefunden.

Erfreulicherweise steigt auch die Zahl unserer Ehrenamtlichen stetig weiter an. In vielen Tätigkeitsbereichen, die uns prägen, wäre ohne dieses ehrenamtliche Engagement eine erfolgreiche Arbeit nicht möglich. Mittlerweile zählen die Johanniter mehr als 450 ehrenamtliche Helfer, darunter mehr als 200 junge Menschen, die sich in unserer Johanniter-Jugend engagieren, etwa in unseren Schulsanitätsdiensten.

Dies freut uns ganz besonders, denn es zeigt, dass das Engagement für andere Menschen – allen gesellschaftlichen Veränderungen zum Trotz – nicht aus der Mode kommt. Im Gegenteil: Gerade auf junge
Menschen hat es nach wie vor eine große Anziehungskraft. Deshalb wird auch 2022 ein Schwerpunkt unserer Arbeit die Gewinnung von neuen Mitarbeitenden sein.

Welchen Herausforderungen müssen sich die Johanniter in Südbrandenburg 2022 stellen?

Trotz der Einschränkungen weiter jeden Tag verlässlich für andere da zu sein und gerade diejenigen zu unterstützen, die besonders darunter zu leiden haben.  

Haben Sie selbst abschließend noch einen Wunsch an das neue Jahr 2022?

Vor allem Gesundheit, dass uns weiterhin so viele bestehende und neue Freunde, Unterstützer sowie ehren- und hauptamtliche Mitarbeitende begleiten und wir immer mit Augenmaß den richtigen Weg finden.

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