André Schramm

Jobsuche mit Handicap

Käbschütztal. Menschen mit Behinderung sollten bei der Jobsuche eigentlich nicht benachteiligt werden. Doch ausgerechnet die öffentliche Verwaltung tut sich offenbar schwer bei dem Thema, wie das Beispiel einer jungen Verwaltungsfachangestellten aus dem Landkreis zeigt.

Sophia Hempel stammt aus Löthain, einem Ortsteil der Gemeinde Käbschütztal. Wenn sich die junge Frau auf den Weg zum Vorstellungsgespräch macht, beginnt das meistens mit einem Anruf bei der Verkehrsgesellschaft. „Ich frage, welcher Bus behindertengerecht ist“, erzählt sie. Das Ziel ist dann meistens Meißen. Von dort geht es mit Bus oder S-Bahn weiter zu Behörden, Stadt- und Gemeindeverwaltungen im Landkreis und darüber hinaus. Fast 60 Mal hat die 23-Jährige dieses Spiel so oder so ähnlich schon durch. Sophia ist gelernte Verwaltungsfachangestellte und seit über einem Jahr auf Jobsuche.

Auf den Rollstuhl angewiesen

„Unsere Tochter leidet seit ihrer Kindheit an spastischer Zerebralparese (beinbetont). Wenn sie einen Schub bekommt versteifen sich ihre Beine. Ohne Rollstuhl würde sie quasi umkippen“, erzählt ihre Mutter. Die Schübe kommen willkürlich und sind situationsbedingt. Sophia hat gelernt, damit umzugehen. Sie hat auch schon früh erfahren, was es heißt, nicht dazu zu gehören. In der Schule hieß es dann immer, „das kann die sowieso nicht“ oder „lass uns in Ruhe“. Ihren Realschulabschluss hat sie trotzdem geschafft. Die dreijährige Ausbildung absolvierte sie bei einem Berufsbildungswerk in Dresden. „Früh um sechs aus dem Haus, abends 17 Uhr wieder zurück“, erinnert sie sich. „Ich dachte als Verwaltungsfachangestellte habe ich gute Chancen, einen Job zu finden“, schiebt sie hinterher. Nach rund 70 Absagen ist sie sich aber nicht mehr so sicher.

Es tut uns leid...

An Gelegenheiten, sich persönlich vorzustellen, mangelte es dabei nicht. Auf fast jede Bewerbung folgte eine Einladung. „In den Gesprächen habe ich schnell gemerkt, wie schlecht die Personaler auf das Thema ‚Behinderung‘ vorbereitet waren. Einmal war ich bei einem Gemeindeamt, das überhaupt nicht barrierefrei war. Ein anderes Mal war man baff, dass ich im Rollstuhl sitze, obwohl das in meiner Bewerbung stand“, erzählt Sophia. Am Ende gab es immer die gleiche Auskunft: „Es tut uns leid…“ Einmal hat Sophia ein halbes Jahr auf die Absage gewartet.

In der Agentur für Arbeit Riesa kennt man die Probleme, mit denen behinderte Menschen bei der Jobsuche zu kämpfen haben. „Oftmals stoßen sie auf Vorbehalte, Berührungsängste und eine teilweise Unkenntnis der Arbeitgeber“, sagt Sprecherin Berit Kasten. So seien zum Beispiel die Bestimmungen des SGB IX zum Thema Kündigungsschutz, Einschaltung des Integrationsamtes oder eben Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten manchmal nicht bekannt. „In anderen Fällen passen die baulichen und personellen Gegebenheiten nicht und es sind Umbauten z.B. für einen Fahrstuhl, für Sanitäranlagen erforderlich“, so die Sprecherin weiter.

Immer der gleiche Grund

Sophia vermutet hinter der hohen Einladungsquote längst nicht mehr ehrliches Interesse, sondern Taktik. „Kein Amt will sich nachsagen lassen, dass es Menschen mit Handicap bei Stellenausschreibungen benachteiligt“, erzählt sie. Früher habe sie sich nicht getraut, nach den Gründen für die Ablehnung zu fragen. Inzwischen tut sie das regelmäßig. Dann wird das Gespräch schnell einsilbig. Ihr fehle es an Berufserfahrung bekommt sie immer wieder zu hören. Bis auf zwei kleinere Arbeitsverhältnisse stimmt das auch. Acht Monate durfte sie am Empfang der Arbeitsagentur in Riesa arbeiten. „Total super. Die Arbeit hat mir richtig gut gefallen“, schwärmt sie heute noch. Die Stelle war leider befristet. Für ein halbes Jahr war sie dann anderswo in der öffentlichen Verwaltung angestellt und musste sich mit gefrusteten Bürgern am Telefon auseinandersetzen. „Das hat nicht funktioniert“, sagt sie. 

Welche Optionen?

Natürlich ist die 23-Jährige auf einen barrierefreien Arbeitsplatz angewiesen. „Wenn mir jemand sagt, dass das baulich nicht möglich ist, akzeptiere ich das. Was mich ärgert, ist das Herumgedruckse“, sagt sie. Es werde so viel für Inklusion geworben und über Gleichstellung geschrieben, doch die Realität sehe deutlich anders aus, meint sie. Statistisch gesehen sind die Chancen bei einem öffentlichen Arbeitgeber unterzukommen tatsächlich größer als in der Privatwirtschaft. Die Beschäftigungsquote (schwerbehinderter/gleichgestellter Menschen oder sonstig anrechnungsfähigen Personen) lag 2019 im Landkreis Meißen bei 6,1 Prozent im öffentlichen Dienst, bei 3,8 Prozent in der Privatwirtschaft. Sophia hat das nichts gebracht, sie dreht sich im Kreis.

"Um Berufserfahrung zu sammeln, kann u.a. eine Probebeschäftigung in Frage kommen. Ebenso kann das Förderinstrument Eingliederungszuschuss zum Ausgleich von Defiziten in der ersten Zeit der Beschäftigung genutzt werden", teilt die Agentur für Arbeit auf Nachfrage mit. Eine Umschulung oder eine gezielte Qualifizierung nach dem Qualifizierungschancengesetz seien ebenfalls denkbar. Eine weitere Möglichkeit seien befristete Beschäftigungen unter Berücksichtigung der arbeitsrechtlichen Bestimmungen, heißt es. 

Trotz aller Niederlagen hat die junge Frau ihren Ehrgeiz (noch) nicht verloren. "Ich will jetzt auch bei Unternehmen schauen - Büro, Sekretärin oder Empfang", sagt sie. In einer Behindertenwerkstatt arbeiten – das kommt für sie nicht in Frage. 

Interessierte Arbeitgeber können sich gern bei uns melden und werden vermittelt. Kontakt: andreschramm@wochenkurier.info

 

 

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