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Radebeul: Musizieren im Treppenhaus?!

: Am "Schwarzen Brett" der Rosenstraße 26 (Radebeul Oberlößnitz) wurde demokratisch abgestimmt. Am Ende gab es ein klares Votum für eine sehr ausführliche und offene Bewerbung.
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 Trägt man eine so private Sache, wie eine seit vielen Jahren vertrauensvoll, achtsam und hilfsbereit miteinander umgehende Hausgemeinschaft von 6 Familien an die Öffentlichkeit? Zuerst kam der Schutzreflex mit einem Nein. Im zweiten Gedanken aber die Frage, ob man sich der Aktion des Wochenkuriers, die wohltuend vom Prinzip "bad news are good news" abweicht, zur Verfügung stellt. In demokratischer Abstimmung am "Schwarzen Brett" drückten alle Hausbewohner aus, den Mut zur Bewerbung zu haben.

Wir wohnen in einem 1902 erbauten städtischen 6-Familienhaus in der schönen Radebeuler Oberlößnitz. 3 Familien zogen hier schon als junge Leute in den 1980-er Jahren ein und sind geblieben.  Der letzte Mieterwechsel fand vor ca. 10 Jahren statt, nachdem die Vormieterin, die über 50 Jahre im Haus wohnte, ins Altersheim ging. Anfänge gemeinsamer Aktionen der Mieter gab es schon in den 80-er Jahren, als wir zur Ablösung unserer Trockenklosetts u.a. mit der Androhung - nicht zur Wahl zu gehen-, um eine Klärgrube kämpften. Selbstorganisation gab es schon immer, ob es nun die Hausordnung, die Wäscheleinen auf der Wiese oder auf dem Boden waren - geholfen haben wir uns auch damals, aber gemeinsam im Grundstück gearbeitet und gefeiert  wurde noch nicht. Irgendwie hat man die stinkenden und im Blickfeld stehenden Mülltonnen, das ungepflegte Grundstück, die desolate Einfriedung, den bröckelnden Putz, die wilden Gas- und Elektroinstallationen im Treppenhaus... als relativ normal hingenommen. Das eigene Reich begann hinter der Wohnungstür.

Nach der Wende erlebten wir, wie schön alte Häuser und Gärten aussehen können und es entwickelte sich der Wunsch, auch "unser Haus" in diesem Sinne voranzubringen. Aus finanziellen Gründen fanden wir beim städtischen Eigentümer in den 1990-er Jahren erst nach und nach in kleinen Schritten Gehör. Wir machten die Erfahrung, dass wenn die Ideen portioniert und realistisch waren, solide Planungen dazu von uns zur Verfügung gestellt wurden und eine gehörige Portion Eigenleistung angeboten wurde, Erfolg möglich war. Den großen Durchbruch gab es 2001. In Vorbereitung des 100-sten Geburtstag des Hauses entwickelte die Mietergemeinschaft  gemeinsame Ideen und Planungen für die Sanierung des  gründerzeitlichen Treppenhauses . Viele Stunden saßen die Mieter mehr im Treppenhaus als in den Wohnungen und berieten über Farben, Fliesen, Lampen, Haustür, Installationen etc. Sehr freuten wir uns, dass wir die Besitzgesellschaft der Stadt Radebeul gewinnen konnten, mit einer gewissen Eigenbeteiligung der Mieter, unsere Pläne umzusetzen.

Mit diesem Erfolgserlebnis, dass wir gemeinsame Ideen entwickeln konnten und diese Realität wurden, verschwand die Grenze, dass es nur hinter der Wohnungstür schön auszusehen brauchte. Wir feierten die Sanierung des Treppenhauses mit den Handwerkern, der Besitzgesellschaft und den Nachbarn im Hof. Der Zufall brachte es, dass die Aktion vom damaligen Vorsitzenden des Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul Thomas Gerlach entdeckt wurde und wir anstatt des 2002 nicht vergebenen Preises für eine Gartengestaltung im Rahmen des Radebeuler Bauherrenpreises einen Preis "für besonderes bürgerschaftliches Wirken" erhielten.

Seit Mitte der 90-er Jahre feiern wir auch jedes Jahr ein Hausfest. Am Vormittag gibt es einen gemeinsamen Arbeitseinsatz, ab dem Kaffeetrinken wird gefeiert. Vor 20 Jahren haben wir mit den Kindern noch Sackhüpfen, Eierlaufen und Tischtennis gespielt. Jetzt kommt ein Teil der inzwischen ausgeflogenen Kinder  zu den Festen wieder nach Hause und die ersten Enkel sind auch schon dabei. Bei dem ein Mal im Jahr stattfindenden Hausfest ist es nicht geblieben. Es gibt auch einen "Neujahrsempfang" zu dem die Reihe rum in eine Wohnung geladen wird und auch der Plan fürs neue Jahr besprochen wird. Die Pläne gehen auch über den "Gartenzaun". Mit den Nachbarn wurde vor Kurzem ein neuer Zaun gebaut.

Kurz vor Weihnachten gibt es seit einigen Jahren eine "Treppenhausweihnachtsfeier". Das Treppenhaus wird gemeinsam geschmückt es gibt Glühwein und Naschereien. Aber es wird auch musiziert, vorgelesen und gemeinsam gesungen. Um textsicher zu sein, gibt es dafür ein extra Treppenhausweihnachtsfeier-Liederbuch. Besonders beeindruckt waren wir, als ein Hausbewohner, der gerade die erste Klasse besuchte, schon ein Weihnachtsgedicht ansagen konnte. Besonders wichtig ist aber das Lachen.

Sie fragen in Ihrem Artikel: "gibt es noch Nachbarn, die sich im Treppenhaus grüßen und helfen?"

Das können wir klar mit "Ja" beantworten. Es bleibt nicht nur beim Gruß, wir sind uns zugewandt und wenn man helfen kann, ist das eine Freude. Und diese Freude überwindet auch die Hemmung, sich helfen zu lassen.

Im Urlaub betreut man untereinander die Blumen in der Wohnung, übernimmt die Hausordnung, leert den Briefkasten. Wir pflegen das Grundstück selbständig, mähen Rasen, stellen die Tonnen raus, pflegen den Gehweg an der Straße etc.. Man könnte noch einiges erzählen.

Mit dem Rezept - sich anzulächeln, sich miteinander abzustimmen, sich positiv füreinander zu interessieren, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und zu arbeiten, sowie gemeinsam zu feiern - lebt unsere gute Nachbarschaft. Wir kommen gern nach Hause, wo jeder sein Privatsphäre hat, die aber von einem gemeinsamen Reich umgeben ist, wo man die Verwirklichung gemeinsamer Ideen findet und sich gern begegnet.

Nun wir denken, wir haben in Ihrem Wettbewerb Potential.

Unser diesjähriges Hausfest ist am 16. September, da käme die ausgelobte Prämie gelegen.