Werner Lamberz – Altmarkt und libysche Wüste (Teil 2)

- Vor 50 Jahren -
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Maidemonstration 1978 in Cottbus in der damaligen Heinrich-Rau-Straße. Foto: Erich Schutt

Maidemonstration 1978 in Cottbus in der damaligen Heinrich-Rau-Straße. Foto: Erich Schutt

Am 5. April 1968, dem Vortag der einzigen Volksabstimmung in der Geschichte der DDR, sprach ZK-Sekretär Werner Lamberz vor 25.000 Menschen auf dem Cottbuser Altmarkt.
Die Kundgebung war für die Bezirksstadt der Höhepunkt einer beispiellosen Propagandawelle, die die Bürger zu einer „freudigen Zustimmung“ zur neuen, sozialistischen Verfassung bewegen sollte. Lamberz malte in Cottbus ein düsteres Bild der Entwicklung in Westdeutschland und bezeichnete die neue Verfassung als Grundlage dafür, „dass wir das große Werk des Sozialismus vollenden.“
Die Volksabstimmung am nächsten Tag endete natürlich mit einer Zustimmung für die Verfassung. Dennoch unterschied sich das Prozedere und das Ergebnis des Plebiszits von den früheren und späteren Wahlen in der DDR. Erstens war die Volksabstimmung von 1968 mit der Möglichkeit der Nein-Stimme verbunden. Und zweitens gab es eine nennenswerte Zahl von Ablehnungen. Zwar waren sich alle kritischen Wähler der Tatsache bewusst, dass die Nutzung der Wahlkabinen argwöhnisch registriert wurde. Aber im Gegensatz zu den sonst üblichen 99 Prozent stimmten nach den Informationen der Lausitzer Rundschau 94,56 % der DDR-Bürger für die Verfassung. Fast eine halbe Million stimmte dagegen. Und – Schreck für die Funktionäre in Cottbus – im Energiebezirk lag die Zahl der Gegenstimmen mit 6,57 % DDR-weit am höchsten.
 Lamberz Aufstieg
 
Das miese Ergebnis konnte dem Redner vom Altmarkt nichts anhaben. Lamberz Aufstieg in den nachfolgenden Jahren zum vermeintlichen „Kronprinzen“ verfolgte man innerhalb und außerhalb der Partei und auch im Ausland mit Hoffnungen. Er wurde mit 42 Jahren 1971 Mitglied des Politbüros und gehörte damit zum innersten Machtzirkel. Lamberz war aber nicht nur jung; er war weltgewandt, beherrschte Fremdsprachen und verkehrte in Künstlerkreisen. Beim Sturz Walter Ulbrichts erläuterte der Newcomer in Moskau die neue Linie der Honecker-Ära. Der Duz-Freund von Manfred Krug versuchte in der Biermann-Affäre das Schlimmste zu verhindern. Ab Mitte der Siebziger wurde Lamberz, seit FDJ-Zeiten mit Honecker verbandelt, als Nachfolger des SED-Chefs betrachtet. Der brauchte den geschickten Unterhändler nun in der arabischen Welt und in Afrika. Als Sonderbotschafter bemühte sich Werner Lamberz in Angola, im Kongo, Nigeria, Sambia, Südjemen und Äthiopien um Anerkennung und Devisen. Seine letzte Reise führte ihn 1978 nach Libyen. Dort regierte seit 1969 Muammar al-Gaddafi. Der zunehmend exaltierte Wüstenherrscher führte ein diktatorisches Regime, unterstützte weltweit Attentate und unterdrückte jede Opposition. Die Eskapaden seiner Söhne lösten diplomatische Konflikte aus. Dennoch gab es zwischen Washington und Berlin kaum einen Politiker, der sich nicht mit ihm ablichten ließ. Der prekäre Menschenrechtslage in Libyen standen ein für afrikanische Verhältnisse hoher Lebensstandard und ein gutes Ausbildungssystem gegenüber. In Tripolis verhandelte Lamberz im März 1978 über Militärhilfen und einen Devisenkredit.
 Tod in der Wüste
 Zum Abschluss des Besuches war ein Abstecher zum Zeltlager Gaddafis in der Libyschen Wüste vorgesehen. Beim Start zum Rückflug in die Hauptstadt stürzte der Hubschrauber, den gewöhnlich der Revolutionsführer nutzte, ab. Neben der Besatzung und dem Politbüromitglied starben drei weitere Mitglieder der DDR-Delegation. Die übliche Geheimniskrämerei führte alsbald zu wilden Verschwörungstheorien, die vom Abschuss des Helikopters durch Terroristen/Rebellen bis zur Einbeziehung der Stasi reichten. Die Cottbuser lasen in ihrer Tageszeitung zwar vom militärischen Zeremoniell in Tripolis, von Nachrufen, Beileidstelegrammen und von der Regierungskommission zur Beisetzung. Von den Ereignissen in der Wüste gab es kein Wort. Drei Monate später, beim Besuch des libyschen Staatschefs bei Erich Honecker, war von dem Unglück keine Rede mehr.
 Muammar al-Gaddafi überlebte Lamberz noch ganze 33 Jahre. Er wurde bei einem vom Westen zumindest unterstützten Regimewechsel 2011 gestürzt. Sein grausamer Foltertod spricht nicht für jene, die die Menschenrechte ständig im Munde führen und hier geflissentlich wegsahen. Sieben Jahre danach gibt es in Libyen keinen funktionierenden Staat. Regierung und Gegenregierung bekämpfen sich und rivalisierende Rebellen-/Terroristengruppierungen. Die Menschenrechtslage ist schlechter als je zuvor. Zurück zur Verfassung: Schon 1974 gab es eine Änderung. Alle Hinweise auf die deutsche Einheit und die deutsche Nation wurden gestrichen.