Der 30. Oktober in Cottbus

- Vor 30 Jahren -
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Nach dem missratenen Jahrestag am 7. Oktober 1989 stand die DDR unter Hochspannung. Die Forderungen nach freien Wahlen und einem neuen Reisegesetz wurden täglich lauter. Die Sprachlosigkeit der Parteiführung setzte sich zunächst fort und es gab Vorbereitungen für das gewaltsame Niederschlagen der Demokratiebewegung. Aber nicht nur die Demonstranten von Leipzig, Berlin, Plauen und Dresden setzten auf die Losung »Keine Gewalt«. Auch bei staatlichen Stellen und bei den Sicherheitsorganen gab es Kräfte, die die »chinesische Lösung« vermeiden wollten. In Leipzig spitzte sich die Situation am 9. Oktober dramatisch zu. Beim »Aufruf der Sechs« wandten sich neben Künstlern erstmals auch leitende Parteifunktionäre an die Bürger der Messestadt »Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch...«. Die abendliche Demonstration von 70?000 Leipzigern wird dann durch den Ruf »Wir sind das Volk!« dominiert. Die folgende Montagsdemonstration hat dann schon 120?000 Teilnehmer. Zwei Veränderungen waren offensichtlich. Es gab keine Konfrontation mit den Einsatzkräften und in den DDR-Medien werden die Demonstranten nicht mehr als Rowdy und Staatsfeinde bezeichnet. Nach Honeckers Rücktritt versuchte die neue Riege unter Egon Krenz, zu retten, was noch zu retten war. Eine Amnestie für politische Häftlinge, Entwürfe für Reisegesetze und der Aufruf zum Dialog sollten Druck aus dem Kessel nehmen. Das Wort »Wende« wurde geboren. Krenz jetzt: »Fest steht, wir haben in den vergangenen Monaten die gesellschaftliche Entwicklung in unserem Lande in ihrem Wesen nicht real genug eingeschätzt und nicht rechtzeitig die richtigen Schlussfolgerungen gezogen.«

Versuch eines artigen Dialogs scheitert


Mit dem Zauberwort Dialog sollte nun der Unmut kanalisiert und von der Straße geholt werden. Um in Cottbus Demonstrationen zu vermeiden, rief der Rat der Stadt für den 30. Oktober zu elf Diskussionsrunden auf, mit verschiedenen Themen wie »Was heißt Wende?«, „Rund um den Handel“ oder »Vertreter der Medien diskutieren über realistische Berichterstattung«. Als Gesprächsteilnehmer waren Leute der 2. Reihe angegeben. Die gesamte Parteispitze, in erster Linie für die entstandene Situation verantwortlich, hielt sich von diesem Pseudodialog zunächst fern. Das steigerte eher das vorhandene Unbehagen.
Als dann Gerüchte von einer bevorstehenden Demonstration auftauchten, veröffentlichte die Lausitzer Rundschau erneut die Einladung zu den Diskussionsrunden. Ohne eine  Begründung für die Veränderungen standen nun die Spitzen der SED-Bezirks- und Kreisleitung ebenfalls als Gesprächspartner zur Verfügung. Aber es sollte anders kommen.
Anstatt artig Fragen an die Führung zu stellen, trafen sich 20?000 (nach Angabe von Werner Walde 30?000) Cottbuser zu einer Demonstration für einen besseren Sozialismus, für Presse- und Reisefreiheit. Danach war nichts mehr wie früher.

Sabine Bürger und Cornelia Jahr


Wer waren die Frauen und Männer, die in Cottbus die friedliche Revolution einleiteten und in zwei Demonstrationen am 30. Oktober und 6. November ein festgefügtes Machtsystem zum Einsturz brachten? Neben der Cottbuser Umweltgruppe unter der umsichtigen Leitung von Peter Model und Christoph Polster gab es weitere Keimzellen des Widerstandes, die sich zunehmend vernetzten und aus denen im September 1989 die Initiativgruppe zur Bildung des Neuen Forums hervorging. Im Bezirkskrankenhaus formierte sich eine Gruppe von Mitarbeitern und Ärzten. Treibende Kraft war hier Sabine Bürger. Die Arbeitstherapeutin galt bei den »Sicherheitsorganen« als die gefährlichste Feindin des Sozialismus im Bezirk. Ihre Wohnung am Schillerplatz wurde observiert und sie selbst erkennungsdienstlich behandelt. Die mutige Frau beantragte Mitte September die Zulassung des Neuen Forums bei den staatlichen Stellen. Sie verbreitete den Gründungsaufruf für die neue Bewegung und stand mit Bärbel Bohley in Berlin in Kontakt.
Organisatorin der ersten Demonstration am 30. Oktober war die Schauspielerin Cornelia Jahr. Geplant und mit der Gruppe des Neuen Forums in Berlin abgestimmt war der Termin 6. November für die erste Cottbuser Kundgebung. Die Organisatoren wollten bei jedem Schritt streng die DDR-Gesetze einhalten. Als sich in den letzten Oktobertagen dann abzeichnete, dass zu den Protestthemen Presse- und Reisefreiheit zunehmend auch die extreme Umweltbelastung trat und sich Demonstrationen überall in der DDR abzeichneten, rief Cornelia Jahr als »Privatperson durch mündliches Weitersagen« zur Demonstration auf. Natürlich wurde sie vorgeladen und aufgefordert, die Einladung rückgängig zu machen. Man warnte sie vor der Gewalt, die sicher ausbrechen würde. Aber die tapfere Schauspielerin blieb bei ihrem Vorhaben, dass inzwischen auch von den anderen Mitgliedern der Initiativgruppe unterstützt wurde. Am 30. Oktober eröffnete Cornelia Jahr vor ihrem Theater die Demonstration mit den Worten »Viele Cottbuser haben auf diesen Tag gewartet!«. An den Verlauf der Demonstration und an die Folgen erinnern wir uns in der nächsten Woche.