Werner Lamberz - Altmarkt und libysche Wüste (Teil 1)

- Vor 50 Jahren -
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Der Cottbuser Altmarkt 1968. Foto: Erich Schutt

Der Cottbuser Altmarkt 1968. Foto: Erich Schutt

Frühjahr 1968: In den USA ermorden Rassisten den Bürgerrechtler Martin Luther King. Juri Gagarin kommt bei einem Testflug ums Leben. In Bonn regiert - wie könnte es anders sein - eine große Koalition, die damals tatsächlich noch groß war. Bundeskanzler war Kurt Georg Kiesinger, vor 1945 Mitarbeiter im Außenministerium. Im Osten saß Walter Ulbricht fest im Sattel. Den älteren Bürgern wurde eine Rentenerhöhung angekündigt. Bei den Olympischen Winterspielen in Grenoble trat erstmals eine selbstständige DDR-Mannschaft an. Der Bezirk Cottbus war mit sieben Eishockeyspielern von Dynamo Weißwasser vertreten. Die Rennrodlerinnen um Ortrud Enderlein brachte eine Intrige um die Goldmedaille. In Cottbus ging der Bau des Konsument-Warenhauses zu Ende. Den Bürgern werden die Pläne für die Wohnscheibe Stadtpromenade und des Sternchens vorgestellt. Die wackeren Männer der BSG Energie verpassten den Aufstieg in die 1. Liga nur ganz knapp. Auf dem VII. Parteitag der SED ein Jahr zuvor kündigte Walter Ulbricht die Erarbeitung einer neuen, einer sozialistischen Verfassung an. Das war aus der Sicht der SED-Führung unbedingt notwendig, weil die Wirklichkeit der DDR und der Text der Verfassung von 1945 inzwischen weit auseinander klafften. Dort hieß es noch im Artikel 1: "Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik; sie baut sich auf mehreren deutschen Ländern auf." Deutschland war aber längst geteilt und in zwei feindliche Militärblöcken eingegliedert. Im Osten gab es keine Länder mehr. Und nach dem Bau der Mauer war natürlich Schluss mit Freizügigkeit und dem in der Verfassung verbrieften Recht auf Auswanderung. Neue Verfassung Einheitlich am 1. Februar veröffentlichten die DDR-Zeitungen den Verfassungsentwurf. Walter Ulbricht fordert zur "großen Volksaussprache" auf und verkündet den 06. April als Termin für die Volksabstimmung: "Die Verfassung wird uns helfen, im Interesse aller Bürger der DDR und - darüber hinaus - der ganzen deutschen Nation jene großen Aufgaben zu lösen, welche die Geschichte auf die Tagesordnung der nächsten Jahre gestellt hat." Was dann kam, war ein propagandistisches Trommelfeuer von bisher unbekannter Intensität. Es sollte verdecken, dass in der neuen Verfassung grundlegende Rechte nicht mehr erhalten waren. Im Artikel 1 stand nun: "Die DDR ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land." Festgeschrieben war die Führungsrolle der SED. Die Freizügigkeit bestand nur noch innerhalb der DDR. Und das Streikrecht war natürlich abgeschafft. Zwei Monate lang lasen und sahen die Menschen in Cottbus Zustimmungserklärungen, hörten Ansprachen und wurden zu "Roten Treffs" beordert. Es ging nicht nur um Zustimmung. Erwartet wurde "Freudige Zustimmung". Ob Schuldirektor, Hausfrau oder Chefarzt, in der Bezirksstadt schien ein wahrer Begeisterungstaumel ausgebrochen zu sein. Demos auf dem Altmarkt Höhepunkt war am Vortag der Volksabstimmung, am 5. April 1968, vor 50 Jahren, eine Großkundgebung auf dem Altmarkt mit dem ZK-Sekretär Werner Lamberz und 25.000 Teilnehmern. Lamberz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Politbüromitglied und "Kronprinz" galt aber schon als Hoffnungsträger innerhalb der Partei. Das ND berichtete: "Die Renaissancegiebel des Altmarktes sind geschmückt: AUs allen Fenstern winken Menschen Werner Lamberz zu 'Sozialismus wir sein an Rhein und Saar wie an Elbe und Oder'. Diese Worte von Werner Lamberz nehmen die Teilnehmer der Kundgebung mit Begeisterung auf. Während der Kundgebung tönen Sprechchöre über den Platz 'Unsere Verfassung ist gut und wichtig - sag morgen ja, dann bist du richtig.' " Heute sind Demos auf dem Altmarkt wieder an der Tagesordnung. Die Teilnahme ist natürlich Privatsache. Die ehemaligen DDR-Bürger sehen Kundgebungen mit vorgefertigten Transparenten skeptisch. Sie wissen aus Erfahrung, dass beim Streit um die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ein gleichberechtigter Dialog nötig wäre und das es nichts bringt, sich gegenseitig zu beleidigen und jeweils auf der anderen Seite die Extremisten zu zählen, die den Islam als Krebsgeschwür bezeichnen oder die Ausländerbehörde abbrennen wollen. Die Cottbuser machten im Frühjahr 1990 am Runden Tisch vor, wie auf Augenhöhe diskutiert werden kann. Das durchaus interessante Ergebnis der Volksabstimmung von 1968, die kurze Halbwertszeit der Verfassung und das dramatische Ende des Redners vom Altmarkt sollen in der nächsten Woche erzählt werden.