Schicksalsjahr 1813- Exekution an Sielower Feldmark (1.Teil)

- Vor 205 Jahren -
Bilder
Denkmal für die erschossenen Westfalen am Fehrower Weg. Foto: lew

Denkmal für die erschossenen Westfalen am Fehrower Weg. Foto: lew

Das Militärstrafrecht de­finiert Fahnenflucht als unerlaubte Entfernung eines Soldaten von der Truppe in der Absicht, sich seiner Dienst­pflicht dauernd oder bis zum Ende eines Krieges zu entziehen. Früher wurde das mit dem Tode bestraft. Vor 205 Jahren, am 16. Juli 1813, standen an der Sielower Feldmark fünf junge Männer im Morgengrauen vor einem Erschießungskommando. Ihre Heimat, das Königreich Westfalen, war von dem mächtigen Verbündeten Napoleon gezwungen worden, Soldaten für den Krieg gegen Preußen und Russland zu stellen. Bei ihrer Flucht oder beim Versuch zu den Preußen überzulaufen, waren die Reiter gefasst worden. Dieses Themas nahm sich fast sechs Jahrzehnte später während des Deutsch-Französischen Krieges die Zeitschrift „Gartenlaube“ an. „Geht man von Cottbus aus nördlich, an der Goyatzer Pferdebahn entlang, so kommt man zu der Stelle, wo die fünf Wackeren ihre That mit dem Leben bü­ßen sollten. Eine zahlreiche Menschen­menge wohnte dem traurigen Acte bei, und noch leben in Cottbus Leute, welche die Execution mitangesehen haben. Vier la­gen bereits von Kugeln durch­bohrt am Boden, da sprengte auf schaumbedecktem Roß ein Reiter heran, in der einen Hand die Begnadigung vom Kaiser hal­tend. Noch steht der Letzte, der eines Goldschmieds Sohn gewesen sein soll, als ihm seine und seiner Cameraden Begnadigung gebracht wird. Aber seine vier Genossen liegen todt vor ihm, er blickt auf sie nieder, sein Auge leuchtet stolz auf und: ›So wie diese hier für’s Vaterland gestorben sind, so will auch ich mit ihnen in den Tod gehen‹, ruft er, und von feindlichen Kugeln sinkt auch er todt zusammen.“ Diese martialische Schilderung ist sicherlich der kriegeri­schen Situation 1870 und dem schon erkennbaren deutschen Sieg geschul­det. Aber was war wirklich in Sielow geschehen? Vor 205 Jahren Aus den Wirren der Revolution in Frankreich erhob sich ein militärisches Genie. Napoleon unterwarf die Völker Europas und brachte gleichzeitig Recht und bürgerliche Freiheit. In Deutsch­land ging im Jahr 1806 das Reich, das Otto der Große 962 in der Nachfolge Kaiser Karls gegründet hatte, endgültig unter. Der Tilsiter Frieden besiegelte auch Preußens Schicksal. Die Herr­schaft Cottbus kam an den Napoleon­verbündeten Sachsen. Die katastrophale Niederlage machte jedoch in Preußen den Weg frei für weitgreifende Reformen im Gemein­deverfassungs- und Gewerberecht und im Agrar-, Militär- und Bildungswesen. Diese trugen dazu bei, dass Preußen 1813 wieder in der Lage war, gegen Na­poleon zu kämpfen. Vorher waren dem sieggewohnten Korsen schon anderweitig die Krallen gestutzt worden. In Spani­en entstand das Wort „Guerilla“, das später zum Synonym für den Untergrundkrieg wurde. Und 1812 erklärte der greise Kutusow: „Im Vertrauen auf Gott werden wir entweder siegen oder sterben!“ Das Schlachtfeld von Borodino verließ Napoleon nicht als Sieger. Moskau fand er von den Bewohnern ge­räumt vor. Die Straße seines Rück­zuges säumten eine Viertelmillion toter Franzosen, Niederländer, Bay­ern, Württemberger und eben auch Westfalen. Der Frühjahrsfeldzug 1813 Napoleon war im Frühjahr 1813 noch keineswegs besiegt. Er erschien im April mit einem stattlichen Heer in Deutschland, wiederum bestehend aus Franzosen und seinen Verbündeten aus den Rheinbundstaaten. Bei Kämpfen mit wechselndem Ausgang gab es in Cottbus und Umgebung eine verwirren­de Situation. Mal wurde die Stadtver­waltung auf den preußischen und nur Tage später dann erneut auf den säch­sischen König verpflichtet. Der Versuch der Franzosen, auf Berlin vorzustoßen, wurde im Gefecht bei Luckau von den Preußen am 4. Juni abgewiesen. Weil beide Seiten sich reorganisieren woll­ten, kam es zu einem sechswöchigen Waffenstillstand. In genau diese Zeit fallen die unheilvollen Ereignisse von Sielow. Der Kreis Cottbus war Mitte Juli 1813 von der zur französischen Rheinarmee gehörenden Brigade Wolf besetzt. Aber im nur 30 Kilometer entfernten Lieberose standen die Preußen. Das war für die mehrheitlich in die franzö­sische Armee gepressten Westfalen eine verlockende Situation. Die Chance zu desertieren oder gar überzulaufen und sich am Befreiungs­kampf zu beteiligen, war groß. Viele Soldaten liefen davon. Die Ereignisse sind im Detail nur lückenhaft überliefert. Anders als im Gartenlaubenbericht wird sich der Kaiser sicherlich nicht mit entlaufenen Rei­tern beschäftigt haben. Für die Befehlshaber vor Ort war die Fluchtwelle aber ein großes Problem. Also musste ein abschreckendes Beispiel her. Davon in der nächsten Woche mehr.


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Reisetagebuch


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