Der Cottbuser Anzeiger verrät seine liberalen Traditionen

- Vor 85 Jahren -
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Cottbuser Anzeiger vom 6. April 1933, "Kein jüdisches Geld. Foto: Stadtarchiv Cottbus

Cottbuser Anzeiger vom 6. April 1933, "Kein jüdisches Geld. Foto: Stadtarchiv Cottbus

Mehr als acht Jahrzehnte begleitete der Cottbuser Anzeiger die Entwicklung des Niederlausitzer Zentrums als liberales, der kommunalen Selbstverwaltung  verpflichtetes Blatt. Der Lithograph und Verleger Albert Heine gründete die Zeitung 1848 während der bürgerlichen Revolution, zunächst unter dem Namen „Anzeiger für Cottbus und Umgebung“. Der Anzeiger bot eine ausgewogene Berichterstattung über die Debatten der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung und verhielt sich während der Wahlkämpfe innerhalb der bürgerlichen Kräfte neutral. Die Entwicklung von Cottbus zur attraktiven Mittelstadt mit großstädtischer Infrastruktur, den Eisenbahnanschluss, glanzvolle Theaterereignisse und außergewöhnliche Kriminalfälle: Das alles brachte die Tageszeitung mit einer Auflage von 11.500 (1902) den Cottbusern ins Haus.
 Mit all dem war im Frühjahr 1933, vor 85 Jahren, Schluss. Während die sozialdemokratische Märkische Volksstimme bis zum Verbot am 28. Februar 1933 tapfer Widerstand leistete, schlug sich der Cottbuser Anzeiger auf die Seite der Nazis. Das war schon acht Monate vor der Machtergreifung bei Hitlers Wahlkampfauftritt im Juli 1932 auf der Cottbuser Rennbahn zu spüren. Kurswechsel des Anzeigers Der Verlag Albert Heine drehte – zunächst vorsichtig – seine Fahne in den Wind. Nach dem 30. Januar gab es dann scheinbar kein Halten mehr. Aus dem „Abgeordneten Herrn Hitler“ von 1932 wird über den „Volkskanzler“ sehr schnell der „Führer“. Der Anzeiger feiert die Jagd auf die Cottbuser Kommunisten und die „Inschutzhaftnahme“ der sozialdemokratischen Verwaltungsbeamten. Bei der Vorbereitung der Wahlen für die Stadtverordnetenversammlung steht das Blatt klar auf der Seite der Nazipartei. Und als einige mutige Cottbuser dennoch SPD und KPD wählten, stimmte die Zeitung der Linie zu, diese gewählten Vertreter „einfach nicht zu laden“. Inwiefern dieser Kurswechsel auf Initiative oder gegen den Willen des Verlagschefs, dem Enkel des Firmengründers, erfolgte, ist nicht feststellbar. Jedenfalls ging der Cottbuser Anzeiger bei der Hetze gegen den jüdischen Teil der Cottbuser Bevölkerung schnell, brutal und im vorauseilenden Gehorsam vor. Das war in Cottbus auch deshalb besonders spürbar, weil die Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft am Aufstieg des Provinznestes zur Industriestadt, am namhaften Cottbuser Kulturbetrieb und an der demokratischen Verwaltung großen Anteil hatten. In der Stadt lebten jüdische Mitbürger, die in den Schlachten des Weltkrieges höchste Auszeichnungen erworben hatten. Überschriften wie „Beurlaubung jüdischer Richter“, „Juden müssen Reisepässe abgeben“ oder „Ausscheiden jüdischer Ärzte bei den Versicherungsträgern“ gehören im März und April 1933 zur Tagesordnung. Das Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das die Entlassung aller Juden aus dem Staatsdienst verfügte, wurde im vollen Wortlaut abgedruckt.
 Wie unanständig dieser Kurswechsel des einst liberalen Blattes war, zeigten besonders die Dementis zu den Gerüchten, dass der Verlag mit jüdischem Kapital arbeite. Noch im Januar 1933 gratulierte der Anzeiger zum 75. Geburtstag von Justizrat Abraham Hammerschmidt, dem „hochgeschätzten Bürger unserer Stadt“. Gut zwei Monate später druckte er eine Erklärung des Kreisleiters der NSDAP, dass „die Behauptung, in Ihrem Verlage sei der Justizrat Hammerschmidt beteiligt oder es arbeite jüdisches Kapital in Ihrem Betriebe, frei erfunden war.“
 Boykott jüdischer Geschäfte Natürlich berichtete die Auslandspresse über die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung. Für diese sogenannte „Greuelpropaganda“ machten die Nazis die in Deutschland lebenden Juden verantwortlich und organisierten Anfang April 1933 den Boykott jüdischer Geschäfte und Dienstleister. Auch bei dieser Aktion marschierte der Cottbuser Anzeiger ganz vorn mit. „Wer beim Juden kauft, ist ein Verräter am deutschen Volke.“ Dazu gehörte auch die Drohung: „Den Juden in Cottbus wird dringend geraten, in ihren Wohnungen zu bleiben ...“
 Das Anbiedern an die neuen Machthaber lohnte sich letztlich nicht. Dem Blatt wurde Ende 1933 die Berechtigung entzogen, sich als „Parteiamtliches Organ der NSDAP des Kreises Cottbus Stadt und Land“ zu bezeichnen. Später wurde der Verleger gezwungen, die Zeitung an den Gauverlag Mark Brandenburg zu verkaufen. Die letzten Jahre des Cottbuser Anzeigers widerspiegeln die dunkelste Zeit Deutschlands: Siegesmeldungen, dann Durchhalteparolen und Todesanzeigen. Die letzte Ausgabe erschien am 4. März 1945.