Das Dreikaiserjahr – Trauer in Cottbus hält sich in Grenzen

- Vor 130 Jahren -
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Vom Beginn des Jahres 1888 an erschien der Cottbuser Anzeiger täglich auf der ersten Seite mit dem ärztlichen Bulletin „Zum Befinden des Kronprinzen“, der ungewöhnlich detailliert die Krankengeschichte des späteren Friedrich III. bis hin zur Konsistenz des Auswurfs beschrieb. „Der Kronprinz hatte eine gute Nacht. Er befindet sich wohl, der Auswurf ist blutfrei. Falls das Wetter nicht umschlägt, wird Nachmittag die erste Ausfahrt unternommen.“ In diesen Februartagen befand sich Kronprinz Friedrich, mit seinen 57 Jahren keineswegs der Jüngste, zur Besserung seines Kehlkopfkrebsleidens schon im milden Klima San Remos.
Die Frage „Was wäre wenn?“ ist historischen Romanen überlassen. Hier könnte es durchaus interessant sein, zu erfahren, was geschehen wäre, wenn der von liberalen Politikern und Wissenschaftlern sowie seiner Frau, der Tochter der Queen Victoria, beeinflusste Kaiser, Zeit gehabt hätte, die Ideen von stärkerer Parlamentarisierung und einer dem Reichstag verantwortlichen Regierung umzusetzen.
 Hoffnung der Liberalen Der junge Friedrich hatte zunächst ein Leben wie aus dem Bilderbuch. Zwei berühmte Großmütter, Großfürstin Anna Pawlowna Romanowa, und die legendäre Königin Luise, stehen auf seiner Ahnentafel. Geboren als Sohn des Bruders des Kronprinzen, wird er durch die Kinderlosigkeit von Friedrich Wilhelm IV. zum zweiten Anwärter auf den preußischen Thron. Als sein Vater 1861 König und schließlich 1871 Kaiser wird, avanciert Friedrich zum preußischen und deutschen Kronprinzen. Alles in allem keine schlechten Voraussetzungen, um an der Spitze des kraftstrotzenden Reiches in der Mitte Europas die Weltpolitik kräftig zu beeinflussen. Neben seiner Frau, der Princess Royal, wirkte auch die am Weimarer Hof erzogene Mutter, die Branitz-Besucherin Königin Augusta, im Sinne des Liberalismus auf den Prinzen ein. Von ihm als Herrscher versprach sich die demokratische Öffentlichkeit die Unterordnung des Monarchen und des Reichskanzlers unter die Verfassung. Zunächst machte Friedrich eine militärische Kariere. Während der Reichseinigungskriege war er Oberbefehlshaber von Armeen. Allerdings wurde die Moral des Kronprinzen von der Feindschaft Bismarcks und von der Langlebigkeit seines Vaters untergraben. Und 1887 stellten die Ärzte bei dem starken Raucher Kehlkopfkrebs fest. Die besten Mediziner jener Zeit, unter ihnen Ernst von Bergmann, Rudolf Virchow und der von den englischen Schwiegereltern entsandte Morell Mackenzie, konnten Friedrich nicht mehr helfen. Eine Tracheotomie, ein Luftröhrenschnitt, führte dazu, dass der Kronprinz nicht mehr sprechen konnte. Nun hätte der arme Mann im schönen San Remo gut betreut und friedlich sterben können. Aber am 9. März änderte sich die Lage. Zum ersten Mal seit zwei Monaten stand das Bulletin „Zum Befinden des Kronprinzen“ im Cottbuser Anzeiger nicht an erster Stelle. Statt dessen: „Ernste Erkrankung des Kaisers“. Aus einem Extrablatt erfuhren die Cottbuser am nächsten Tag „Kaiser Wilhelm ist tot.“ Und „In die Laute des Schmerzes und der Trauer mischen sich daher heute die innigsten Gebete für den teuren Helden, welcher zur Nachfolge des Dahingeschiedenen berufen und schon auf dem Wege ist, dem Ruf des trauernden Vaterlandes zu folgen.“ Nur 99 Tage Tatsächlich musste sich der todkranke, stumme Patient auf den Weg nach Berlin machen, Erlasse und Proklamationen unterschreiben sowie ausländische Staatsoberhäupter empfangen. Immerhin schaffte er es noch, den stockreaktionären Innenminister Robert von Puttkamer zu feuern. In den täglichen Bulletins verbreitete man zwar vorsichtigen Optimismus. Der Kaiser zog sich jedoch bald ins Neue Palais nach Potsdam zurück. Künstliche Ernährung, eine Lungenentzündung und hohes Fieber bestimmten die qualvollen letzten Tage. Am 15. Juni, 99 Tage nach dem Tod des Vaters, erlag er dem Krebsleiden. Im sogenannten Dreikaiserjahr 1888 schlug nun die Stunde des junge Wilhelm. Der war auch kein Freund Bismarcks. Aber aus einem völlig anderen Grund. Kaiser Wilhelm II. wollte nicht mehr, sondern weniger Parlamentarismus. Er wollte das Regieren keinem Kanzler überlassen. Die Folgen sind bekannt: Aufgabe des Bündnisses mit Russland, Flottenwahnsinn, Kolonialkriege und am Ende ein Weltkrieg.
Die Trauer über den Tod zweier Kaiser hielt sich in Cottbus sehr in Grenzen. Außer den Extrablättern mit den Todesnachrichten gab es pflichtgemäße Gedächtnisfeiern in den Schulen und eine Trauerkundgebung des Kriegervereins. Sonst ging man seinen Geschäften nach.