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800 Jahre Cottbus – Festumzug, Kommunalkonferenz & Co.

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbus. Cottbus im August 1956: „Der erste Teil des Festumzuges war ein Stück lebendiger, farbenfreudiger Geschichte. Da zogen in bunter Folge Herolde, Mönche, Raubritter vorüber, und in vielen Bildern erlebten wir, wie die Menschen damals lebten und arbeiteten, sahen wir, wer schon damals ihre Feinde waren. Als 1813 überall im Lande die Freiheitsbewegung gegen die französische Fremdherrschaft wuchs, griffen auch in Cottbus Freiwillige zur Waffe: an der Seite der russischen Soldaten warfen sie die fremden Söldner aus dem Land.“ Das berichtete die Lausitzer Rundschau am Montag nach dem historischen Festumzug zum 800. Stadtjubiläum.

Schon Wochen vorher hatte die Zeitung die Cottbuser auf die Festwoche eingestellt. Die Renovierung der Altmarktfassaden wurde gefeiert. Die Serie „Bedeutende Cottbuser“ erinnerte an Leichhardt, Blechen und Gottschalk. Mit Pückler hatte man es noch nicht so sehr. Er fiel Mitte der Fünfziger noch in die Kategorie „Junker und Ausbeuter“. In der 80 Seiten umfassenden Festschrift kommen der Fürst und sein Park nicht vor.

Die Festlichkeiten in der Niederlausitz fanden in einer angespannten weltpolitischen Situation statt. In Algerien führte Frankreich seinen blutigen Kolonialkrieg, die Westmächte bereiteten sich auf die Eroberung des Suezkanals vor, den Ägyptens Präsident Nasser verstaatlicht hatte, und die Sowjetunion schlug den ungarischen Aufstand nieder. Das KPD-Verbot und die Wiederaufrüstung waren die Hauptthemen der Auseinandersetzung zwischen Westdeutschland und der DDR.

In der Jubiläumsstadt waren die Spuren des Krieges noch nicht gänzlich beseitigt. Einzelne Lebensmittel unterlagen noch der Rationierung. Aber neben dem renovierten Altmarkt gab es auch andere Fortschritte. Die neue Poliklinik nahm ihre Arbeit auf und pünktlich zum Stadtgeburtstag erhielt der Schillerplatz nach den Plänen von Joachim Scherzer seine heutige Gestalt.

Höhepunkt der Festwoche ab dem 18. August 1956 war natürlich der historische Festumzug. Dazu kam eine kommunalpolitische Konferenz in der Hochschule für Bauwesen (heute Gebäude des OSZ I in der Sielower Straße), an der „...Kommunalpolitiker aus der Deutschen Demokratischen Republik, der Bundesrepublik, der Volksrepublik Polen und dem Vereinigten Königreich von Großbritannien...“ teilnahmen. In der Abschlusserklärung ist noch von der Wiedervereinigung Deutschlands die Rede. Die Schau „800 Jahre Cottbus“ in der fast vergessenen Ausstellungshalle am Kleinen Spreewehr sahen Tausende Cottbuser. Das Theater der Stadt gratulierte mit der Egmont-Premiere.  

Ein wichtiger Beitrag zum Stadtjubiläum war die Stiftung des „Carl-Blechen-Preises für Kunst und Literatur“ und ab 1963 zusätzlich für „künstlerisches Volksschaffen“ durch den Rat des Bezirkes Cottbus. Die nach dem „Meister der Farbe und des Lichts“ benannte Ehrung besaß in der Lausitz hohes Ansehen und wurde an bedeutende Künstler verliehen.

Die Medaille zum Carl-Blechen-Preis entwarf Jürgen von Woyski. Die ersten Preisträger waren der „Literaturwissenschaftler Dr. Herbert Scurla, das Kollektiv des Stadttheaters Senftenberg ..., das Kollektiv des Stadttheaters Cottbus ... und der sorbische Kunstmaler Wilhelm Schieber ...“, berichtete das Neue Deutschland aus Cottbus. Später erhielten auch Franziska-Linkerhand-Autorin Brigitte Reimann, der Dichter Jurij Koch und der Maler Günther Rechn die Auszeichnung. Auch die Lovis-Corinth-Schülerin Elisabeth Wolf war unter den Geehrten.

Während des Stadtjubiläums erschien in der LR ein Beitrag, in dem eine Cottbuser Familie sich im Jahr 2156, also zur Tausendjahrfeier, über die Stadtentwicklung austauscht. Dann fliegen die Cottbuser am Wochenende zum Picknick auf den Mond und der Opa spielt abends Skat in Peking. Wir richten unseren Blick heute nur auf die Neunhundertjahrfeier in 40 Jahren. Werden sich 2056 die Wassersportler auf dem Ostsee tummeln? Schicken die von der Metropole gestressten Berliner ihre Kinder an die exzellente Brandenburgische Technische Universität? Und gelingt es den Cottbusern noch, in Potsdam klar zu machen, dass Kreisfreiheit nicht nur etwas mit Zahlen zu tun hat, sondern Ergebnis einer fast tausendjährigen Entwicklung ist und in erster Linie Bürgerstolz und Lebensgefühl betrifft?

Möglicherweise erinnert man sich in der Landeshauptstadt sogar daran, dass die DDR, die 1950 Cottbus eingekreist hatte, diese Fehlentscheidung kurz vor der 800-Jahrfeier zurücknehmen musste!

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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