Vor 90 Jahren

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Der kälteste Winter des Jahrhunderts hatte Cottbus im Würgegriff

Früher konnte man jeder­zeit, sei es als Lückenfüller oder um heikle Themen zu vermeiden, über das Wetter sprechen. Das Wetter oder Wetterextreme waren wichtige, aber unpolitische Bestandteile der Umwelt. Das ist heute anders. Durch den Klimawandel ist das Thema in­zwischen politisch aufgeladen. Als ein sicheres Zeichen des Klimawandels gelten Wetterextreme, die sich in der Gegenwart häufen sollen. Wie sah es damit seit der systematischen Wetter­aufzeichnung in Cottbus aus?

Platz 1 bei den heißesten Sommern nimmt das Jahr 2003 ein, dicht gefolgt von 2018. Die grimmigste Kälte gab es in unserer Stadt im Winter des Jahres 1928/29. Im Februar vor 90 Jahren erlebten Cottbus, Deutschland und ganz Europa eine ungewöhnliche Kältewelle. In der Fachliteratur wird der Witterungsverlauf so beschrieben: „Der Winter 1928/29 war in Deutsch­land der mit Abstand kälteste des 20. Jahrhunderts. Vielerorts sank das Thermometer im bitterkalten Februar 1929 - dem kältesten Einzelmonat des 20. Jahrhunderts überhaupt - auf – 25° C, zum Teil sogar unter – 30° C. Die Ostsee war vollständig dick vereist. Die Nordseeinseln waren zu Fuß erreichbar“. Ursache dafür war eine sogenannte Zirkulati­onsanomalie.

„Rund 32 Grad Nachtfrost in Cottbus“

Ab Ende Januar 1929 wird der strenge Frost zum Hauptthema im Cottbuser Anzeiger. Zunächst überwiegt noch die Freude am Winterwetter. Die Maustmühle und andere Ausflugsgast­stätten werben mit ihren Eisbahnen. Zum Wintersport muss der Cottbuser nun nicht ins Riesengebirge. Auf dem Weg zu den Merzdorfer Alpen sieht man „Rodelfreunde mit Schlitten“ und „Skileute“. „Es war aber auch ein Win­tertag von ganz besonderer Schönheit und Herrlichkeit.“ Aber bald mehren sich die sorgenvollen Stimmen.

Am 1. Februar werden – 17° C gemessen, tags darauf – 23° C. Parallel dazu gab es Arbeitskämpfe in der Textilindust­rie und eine heftige Grippewelle. Die Schulverwaltung meldet 789 erkrank­te Schulkinder. Allerdings scheint Besserung in Sicht: „Unser meteoro­logischer Mitarbeiter ist der Ansicht, dass wir das Schlimmste überstanden haben.“ Irrtum! „Das Quecksilber im Thermometer unternimmt Stürze, wie man sie in der hiesigen Gegend gera­dezu unmöglich gehalten hätte.“ Am 10. Februar sind es – 32° C. Jetzt häuf­ten sich die Probleme. „Das Einfrieren von Wasserleitungen und von Leitun­gen der Zentralheizungen ist an der Tagesordnung.“ Der Zusammenbruch der Wasserversorgung macht „Was­serzapfeinrichtungen und Wasserwa­gen“ erforderlich, „eine Quelle von Mühseligkeiten für die Hausfrauen“. Die Milchflaschen zerplatzten. Bei Be­erdigungen gab es „unvorhergesehene Schwierigkeiten“. Der Cottbuser An­zeiger, der selbst wegen der Kälte Pro­bleme mit der Auslieferung hat, warnt davor, „Erfrierungserkrankungen auf die leichte Schulter zu nehmen.“

Großfeuer und kaum Löschwasser

Die Stadtverordneten beschäftigten sich auf ihrer Beratung am 14. Februar „mit der bedenklichen Kohlennot“. Die Vorräte der städtischen Betriebe sollten auch „an Private“, besonders an Arztpraxen, abgegeben werden. Den Straßenbahnführern, die damals noch im offenen Fahrerstand arbeite­ten, gewährte das Stadtparlament eine Kältezulage von 30 Mark. Die anhal­tende große Kälte verleitete Cottbuser dazu, Leitungen mit offenem Feuer aufzutauen. Das führte zu einer Serie von Bränden, bei der die Feuerwehr „Schlagfertigkeit, Pflichttreue und volle Hingabe“ bewies, aber bei - 20° auch große Probleme mit eingefro­renen Hydranten hatte. Großfeuer gab es beim Kaufhaus Bodanski am Altmarkt und bei der Tuchfabrik Kühn & Mohr in der Streelenstraße (heute Ewald-Haase-Straße), beide nach Auf­tauversuchen mit Lötlampen. Am 22. Februar dann endlich langsame Ent­warnung: „Milderes und trübes Wetter in Sicht“.

Zurück zur Gegenwart und zum Klimawandel. Dass neben dem natürli­chen, ständigen Wandel des Klimas im letzten Jahrhundert die Einflüsse des modernen Industriezeitalters, also des Menschen, immer beträchtlicher wur­den, ist wohl unbestritten. Berechtigt scheint allerdings die Frage, ob mit ge­waltigem Aufwand dieser Wandel ge­bremst werden soll, oder ob man mehr erreicht, wenn sich die Menschheit da­rauf einstellt. Auch die Frage der Pri­oritäten bei der „Weltrettung“ kann diskutiert werden. Der Einsatz für Familienplanung und für gerechten Welthandel ist ebenso wichtig. Wer es aber am CO2 festmachen will, könnte auch guten Gewissens vorschlagen, auf die Verlegung einer Panzerbrigade mit 850 Ketten- und Radfahrzeugen aus Kansas (USA) nach Zagan (Polen) zu verzichten.

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