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Vor 150 Jahren

Cottbuser Anzeiger knöpft sich Ami-Präsidenten vor

„In Amerika“, so schrieb die Cottbuser Tageszeitung über den dortigen Präsidenten, habe sich „die allgemeine gegen ihn gerichtete Missstimmung durch eine in Form und Inhalt so anstößige und beleidigende Botschaft verstärkt, dass der Senat des Kongresses dieselbe nicht einmal bis zum Schluss verlesen ließ.“ Der amerikanische Präsidenten habe „die düstersten Prophezeiungen“ durch sein Verhalten gerechtfertigt, ja, die „ungeschickte und unschickliche Art seines öffentlichen Verhaltens ist es gewesen, welche die öffentliche Meinung gegen ihn aufbrachte.“

Das hier kritisierte US-Staatsoberhaupt ist nicht etwa der amtierende Präsident Donald Trump. Jener kommt in den heutigen Leitmedien auch nicht gut weg. Nein, das Zitat stammt aus dem Jahresrückblick des „Anzeigers für Cottbus und Umgebung“ vom 2. Januar 1869. Vor 150 Jahren analysierte die Zeitung die Weltlage und stellte fest, dass das abgelaufene Jahr „jenseits und diesseits des atlantischen Ozeans ungelöste Fragen von teilweise recht schwieriger bedenklicher Natur“ hinterließ.

Der US-Präsident, den sich das Blatt hier vorknöpft und der schon beim Amtsantritt angeblich „stark betrunken“ war, hieß Andrew Johnson. Er kam als Vizepräsident nach dem Attentat auf Abraham Lincoln 1865 in das höchste Staatsamt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger bremste Johnson eher die Verbesserung der Lebensbedingungen der Afroamerikaner. Das erste Amtsenthebungsverfahren in der Geschichte der USA überstand er knapp, wurde jedoch für die Wahlen 1869 nicht erneut aufgestellt.

Cottbus vor 150 Jahren
Ein kühner Blick in die Welt war für die Cottbuser zum Jahreswechsel 1868/69 nichts Ungewöhnliches mehr. Die Stadtbevölkerung hatte sich in dem halben Jahrhundert seit den Befreiungskriegen vervierfacht. Aus dem Ackerbürgerstädtchen hatte sich eine ansehnliche Mittelstadt entwickelt, die mit der Eisenbahn auch Anschluss an die Welt besaß. Zu den Türmen der Stadtsilhouette gesellten sich Fabrikschornsteine als Symbole des Fortschritts. Mit dem Einzug des 52. Infanterie-Regimentes war Cottbus Garnisonsstadt geworden. In der Niederlausitz gab es allen Grund, selbstbewusst in die Welt zu blicken.

Die Analyse der politischen Lage aus Cottbuser Sicht ist jedenfalls spannend, nicht nur wegen der Vergleiche mit der Gegenwart. Die Krisenherde damals hießen Griechenland, Balkan und Orient. Die „orientalische Frage, welche ... die Diplomatie in die größte Besorgnis versetzt und zu einer Furcht und Argwohn verratenden Tätigkeit anspornt“, ist uns erhalten geblieben. Auch die Anmerkungen zum Konflikt zwischen Großbritannien und Irland haben durch den britischen EU-Austritt eine aktuelle Dimension. Zu Frankreich und seinem Kaiser Napoleon III. heißt es gar in einem vorangestellten Gedicht: „Ob ein Tyrann am Seinestrande / Von Frieden spricht und Krieg begehrt? / Wir lachen über sein Begehren; / Er weiß, wie sich die Deutschen wehren.“ Interessant und völlig anders als in der Gegenwart war, dass einzig die Russen verschont bleiben. Im Jahr 1868 waren gute Beziehungen zu Russland noch der Kern preußischer Außenpolitik.

Das Jahr 1869
Der Cottbuser Anzeiger hielt seine Leser dann auch im neuen Jahr auf dem Laufenden. Und Neuigkeiten gab es in der Welt genug. In Sankt Petersburg veröffentlichte Dmitri Mendelejew sein Periodensystem der Elemente. Fast unvorstellbar für uns Heutige: Nach nur zehnjähriger Bauzeit wurde der Suezkanal, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet, eröffnet.

Mit Tolstois „Krieg und Frieden“ erschien einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur. Im bürgerlichen Anzeiger spielte es keine Rolle, aber für die aufstrebende Industriestadt Cottbus war es schon wichtig: In Eisenach schlossen sich 1869 Arbeiterorganisationen zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammen.

In seinem Neujahrsgedicht hatte die Cottbuser Zeitung über 1868 schreiben können: „Still ist das alte Jahr geschieden, / regiert von einem milden Stern. / Es floss für und dahin in Frieden.“ Dieser Frieden währte allerdings nur noch 18 Monate. Im Juli 1870 begann der Krieg gegen den „Tyrannen am Seinestrand“. Auf den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Krieges fielen über 180.000 Soldaten. Bei Spichern, Mars la Tour,  Gravelotte, bei der Einschließung von Metz, in Orléan und Le Mans kämpften und starben auch die Männer des 52. Infanterie-Regimentes aus Cottbus. Zur Erinnerung daran errichteten die Bürger die Siegessäule in der heutigen Puschkinpromenade, die in der DDR abgerissen wurde.

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