"Theater und Klassenkampf" -50. Geburtstag des Stadttheaters

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 60 Jahren -

Unter der Überschrift "The­ater und Klassenkampf" zitierte der Chefdramaturg Reinhard F. in einem Beitrag zum 50-jährigen Bestehen des Cottbuser Stadttheaters in der hiesigen Tageszeitung die Meinung der Brigade Neumann von der Groß­baustelle des Kombinats Schwarze Pumpe: "Sozialismus bedeutet, dass die Schätze der Kunst und Kultur dem Volke gehören. Dafür lohnt es sich, noch besser zu arbeiten, um morgen noch besser leben zu können." Wir sind im Oktober 1958. Im Theater der Stadt Cottbus, so der offizielle Name damals, begann die Festwoche zum Theatergeburtstag. Die schwülstigen Sprüche, die in Ansprachen und Glückwünschen obligatorisch waren, täuschen möglicherweise über das hohe Niveau Cottbuser Theaterkunst hinweg.

Das Programm der Festwo­che zeigte das Musiktheater und das Schauspielensemble in Bestform. Die sorbische Oper "Jan Suschka" von Bodo Krautz und Dieter Nowka erlebte ihre Uraufführung. "Die Verschwö­rung des Fiesko zu Genua", Schillers republikanisches Schauspiel, hätte man rückblickend 1958 so nicht unbedingt erwartet. Parallel dazu lief in Senftenberg "Kabale und Lie­be"; beide Stücke in der Lausit­zer Rundschau niveauvoll rezen­siert. Brecht war mit "Schweyk im 2. Weltkrieg" und "Die Gewehre der Frau Carrar" vertreten.

Otto Grotewohl als Gratulant

In den Reden und Zeitungsbeiträgen ging es oft um den Unterschied der Theaterarbeit vor und nach 1945. Früher sei das Theater für die Arbeiter "... eine unbekannte Stätte, ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten. Heute ist das anders! Das Theater gehört zur festen Stätte der Pflege der kulturellen Bedürfnisse der schaffen­den Menschen." Immer wieder zitiert wurde zum Theaterjubiläum 1958 ein Beitrag der Märkischen Volksstimme von 1928: "Alles in Frack und Lack. Die Fabrikanten hielten damals zum Theater und separierten sich im ersten Rang vom gemeinen Volk." Um das "Amüsierbedürfnis des Bürgertums zu befriedigen" stand "leichte Unterhal­tungsware" auf dem Programm. Jetzt würde Kunst für das Volk gemacht.

Stargast zur Eröffnung der Festwoche war Ministerpräsident Otto Grote­wohl. Der Schöngeist innerhalb der SED-Führung gehörte früher der SPD-Fraktion im Reichstag an, die 1933 gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmte. Nach Krieg und Verfolgung gründete er 1945 die SPD neu, schloss sich dann aber jenem Flügel an, der für eine rasche Vereinigung mit der KPD votierte. Von 1949 bis zu seinem Tod 1964 war Grotewohl DDR-Minis­terpräsident. Bevor er mit seiner Frau an der Festveranstaltung im Theater teilnahm, sprach er vor 40.000 Cottbu­sern und forderte sie auf, mitzuhelfen, um die Planrückstände der Braunkoh­lenwerke aufzuholen. Sie, die Werktä­tigen, standen auch im Mittelpunkt der Theaterarbeit. In der Festschrift zum Theaterjubiläum werden die Künstler aufgefordert, "... bei der Bewusstseins­bildung der Menschen des Bezirkes mitzuwirken (und) die sozialistische Dramatik zum Kernstück des Spielpla­nes zu machen." Zu den zahlreichen Gratulanten gehörten 1958 neben den Intendanten der DDR-Theater und den Honoratioren des Bezirkes auch viele ehemalige Ensemblemitglieder, unter ihnen Hilmar Thate und Erik S. Klein.

Sechzig Jahre später

In den nachfolgenden Jahrzehnten war das Theater ein treuer Begleiter der Cottbuser. In der Perestroika-Zeit kamen hier dramatische Werke auf die Bühne, die den Kulturverant­wortlichen verdächtig erschienen. Tatsächlich machte gerade das Theater den Menschen Mut, ihre Fragen und Sorgen immer offener zu artikulieren. Und im Herbst 1989 wurde das Haus am Schillerplatz selbst Schauplatz der friedlichen Revolution. Mit Christoph Schroth begann dann die große Zeit. Als Intendant und Schauspieldirektor gab er dem begehrten Titel "Staats­theater" ab 1992 Leben und Inhalt. Das Cottbuser Haus entwickelte sich unter seiner Leitung zum The­ater der sozialen Aktion, in dem die Menschen die großen Probleme der Zeit widergespiegelt fanden. Mit den "Zonenrandermutigungen" schuf er ein Markenzeichen für Cottbus, einen Image-Träger, der weit über die Region hinaus Leuchtkraft besaß. Das Cottbuser Musiktheater ist für die grandiosen Opernaufführungen bekannt. Zum Jubiläum 1958 begeis­terte Tosca das Publikum. Macbeth löste 2018 Begeisterungsstürme aus. Beim Schauspiel gab es in der Zeit nach Schroth etliche interessante Anläufe. Der Glanz kehrte allerdings nicht zurück. Bei "Terra In Cognita" im Frühjahr und "König Kasper" blieben manche Theaterfreunde ratlos zurück oder dachten an Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider"!

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