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Theater der Stadt Cottbus wiedereröffnet

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. In den Sechzigern und Siebzigern stand es um das Gebäude des Cottbuser Theaters nicht gut. Als das Jugendstilhaus 1966 den Denkmalstatus erhielt, wurde sichtbar, dass der größte Teil der Technik noch aus der Zeit des Architekten Bernhard Sehring stammte, also hoffnungslos veraltet war.

Anstelle der kühnen Planungen für eine Sanierung, unter anderem mit einem großen Anbau auf dem Schillerplatz, gab es zunächst nur notdürftige Maßnahmen. Als Johannes Steurich 1978 Intendant wurde, erschienen die Sicherheitsbedenken von Feuerwehr und Bauaufsicht so groß, dass die Bespielbarkeit des Hauses in Frage gestellt war. Nun musste etwas geschehen; unter den Bedingungen der Mangelwirtschaft leichter gesagt als getan. Erster Schritt zur Vorbereitung der „Hauptinstandsetzung“ war die Vorbereitung einer Interimsspielstätte. Die Wahl fiel auf das Haus der Bauarbeiter, die heutige Kammerbühne, als Spielstätte und auf die Carl-Blechen-Schule als Intendanz und Funktionsgebäude. Mit „Aida“ eröffnet das Musikensemble am 3. Oktober 1981 die vorübergehende Heimat der Theaterfreunde in der Wernerstraße. Die Bauarbeiten begannen im Großen Haus zunächst nicht, dann schleppend, bis endlich ab 1983 auf vollen Touren gearbeitet wurde.

Anspruchsvolle Theaterkunst

Was der Kraftakt „Hauptinstandsetzung“ des Theaters unter den Bedingungen der Planwirtschaft und unter Berücksichtigung der sogenannten Berlin-Initiative (Arbeiter aus Cottbus bauten in der Hauptstadt) bedeutete, können möglicherweise nur „gelernte“ DDR-Bürger verstehen. Zu Recht wurden die große Leistungen des Ensembles sowie die von Investbauleiter Rudolf Wittig und die von Intendant und Baukoordinator Johannes Steurich hoch gewürdigt.

Während der Bauarbeiten im Großen Haus gab es in der Interimsspielstätte anspruchsvolle Theaterkunst. Wer heute erfahren will, was die Menschen in der DDR dachten, welche Wünsche und Hoffnungen sie hatten und mit welchen Problemen sie sich herumschlugen, wird es aus den damaligen Zeitungen oder aus den Archiven der „Aktuellen Kamera“ nicht erfahren. In der Gegenwartsdramatik und bei der Inszenierung klassischer Texte fanden die Menschen sich jedoch wieder. Stücke wie „Franziska Linkerhand“ ermutigten und stellten Fragen zugleich. Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“, der meist gespielte Text der DDR-Theaterliteratur, erlebte in zwei Teilen in Cottbus 152 Vorstellungen. Wo sonst konnte man vom Hunger nach Leben und der Sehnsucht nach Schönheit so klare Worte hören. Manche heiße Diskussion hatte am Schillerplatz ihren Ausgangspunkt. Das Haus stand auf der Agenda der Genossen vom Nordrand sicherlich ganz oben. Ende der Achtziger hieß es gar: „Im Theater marschiert die Konterrevolution!“

Hervorragende, künstlerische Bedingungen

Die fünfjährige Bauzeit, von 1981 bis 1986, kam der Theatergemeinde damals sehr lang vor. Heute braucht man für vergleichbare Objekte wie die Elbphilharmonie gut die doppelte Zeit. Das tröstet rückwirkend. Am Jugendstiltheater wurden „... die Außenfassade erneuert, die Hauptkuppel mit einer Kupfereindeckung versehen, die Foyers wieder original ausgemalt und eine gänzlich neue Bühnenmaschinerie eingebaut ...“
Unter der Schlagzeile „Festliche Wiedereröffnung des Cottbuser Theaters“ widmete sich die Lausitzer Rundschau der Premiere der Strauss-Oper „Der Rosenkavalier“ am 3. Oktober 1986. Allein die vollständige Aufzählung der Funktionen der Ehrengäste nahm zwei Spalten in Anspruch. „Damit konnten die Cottbuser wenige Monate nach dem XI. Parteitag der SED eine Stätte der Kunst termingerecht wieder in Besitz nehmen, die als ein seltenes Bauwerk im späten Jugendstil aus dem Jahre 1908 und als modern ausgestattetes Mehrspartentheater hervorragende künstlerische Bedingungen für das Ensemble und sein Publikum bietet.“

Schauspielensemble machte Mut

Der VIP-Gast zur Wiedereröffnung war Kurt Hager, Chefideologe der DDR. Er sagte ein Jahr später in einem Stern-Interview auf die Frage, ob es Perestroika und Glasnost auch im Osten Deutschland geben müsse: „Würden Sie, wenn der Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Der Meinung des greisen Kulturlenkers war man im Cottbuser Theater nicht unbedingt. Gerade im letzten Jahrzehnt der DDR, vor, während und nach der Hauptinstandsetzung kamen von den Künstlern am Schillerplatz wichtige Impulse für die politische Diskussion. Partei und Staatssicherheit erwarteten den Feind in diesen Jahren an allen möglichen Stellen. Völlig unerwartet kamen keine Gegner, sondern Menschen, die dem Land ein demokratisches Antlitz geben wollten. Dazu leistete das Theater einen wichtigen Beitrag. Besonders das Schauspielensemble machte den Cottbuserinnen und Cottbusern Mut. Kurzfristig war das Haus dann selbst Schauplatz für die friedliche Revolution.

Durch die Politisierung der Gesellschaft, in Cottbus auch durch Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ verstärkt, wurde im Herbst 1989 die Bühne zur politischen Plattform des realen Lebens. Und der Aufruf der Theaterkünstler vom Dezember „Beruhigt Euch nicht!“ zeigte den demonstrierenden Cottbusern, dass das Theater auf ihrer Seite stand.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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