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Rodney Arismendi im Textilkombinat Cottbus (2/2)

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Vor 40 Jahren

Nach der Machtergreifung des Militärs 1973 in Chile und Uruguay erhielten Funktionäre der Unidad Popular und der Frente Amplio sowie Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler, die der sozialistischen Bewegung nahestanden und nun verfolgt wurden, in der DDR politisches Asyl. Ab 1977 war auch Cottbus Zufluchtsstätte für Lateinamerikaner. Neben dem Reichsbahnausbesserungswerk, dem Krankenhaus und der Druckerei der Lausitzer Rundschau war das Textilkombinat Cottbus der wichtigste Arbeitgeber für die Emigranten.

Das TKC, der größte Cottbuser Betrieb mit über 4.000 Mitarbeitern, war zwischen März 1968 und Mai 1969 im Norden der Stadt auf dem Gelände einer Kleingartenanlage aus dem Boden gestampft worden. Den meisten Menschen ist es mit dem Großrundstrickprodukt „Präsent 20“ in Erinnerung geblieben. Die Polyesterseide kam aus dem Chemiefaserkombinat Guben. Produziert wurden Anzüge, Kostüme und Hosen in großer Stückzahl für den Binnenmarkt und die anderen RGW-Länder. Anfänglich waren Modeartikel aus „Präsent 20“ gefragt. Das TKC entwickelte sich rasch zum sozialistischen Vorzeigebetrieb. Die Betriebsberufsschule und die Betriebsakademie bildeten den eigenen Nachwuchs aus. Die Feste der Textilarbeiter zogen Besucher aus der gesamten Niederlausitz an. Das Arbeitertheater des TKC, das Amateurfilmstudio und der „Ökulei“ bei „Kaisers“ gehörten zum anspruchsvollen kulturellen Leben. Für die vorwiegend weiblichen Beschäftigten gab es einen Kaufhalle, eine Poliklinik, warmes Essen auch in der Nachtschicht und Kinderbetreuung rund um die Uhr. Das Kombinat besaß Kinderferienlager und besorgte für die Mitarbeiter Wohnungen und Kleingärten. Diese zunächst wohlklingende Aufzählung trug aber gleichzeitig eine der Ursachen des Niedergangs der DDR-Wirtschaft in sich. Die Kraft, die in die Verbesserung der Lebensbedingungen der Angestellten floss, fehlte bei der Erreichung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommt, dass ein so großer Dampfer wie das Cottbuser Kombinat den jähen Wenden der Modeindustrie auf dem Weltmarkt nicht folgen konnte. In den Achtzigerjahren verlagerte sich die internationale Textilindustrie zunehmend in kleine Betriebe, meist in Billiglohnländern, die rasch das Sortiment ändern konnten und natürlich keine Betriebsärzte, Kinderferienlager und Klubhäuser unterhalten mussten.

Diese Entwicklung zeichnete sich 1977, als die Emigranten mit ihrer Arbeit oder Ausbildung im TKC begannen, erst am Horizont ab. Das Werk brummte noch, arbeitete in drei Schichten und wurde zum Ziel vieler Gäste. Generalsekretär Honecker, afrikanische Potentaten und sowjetische Kosmonauten besuchten den Frauenbetrieb. 

Am 4. März 1977 erwarteten deutsche und südamerikanische Bürger dann den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Uruguays, Rodney Arismendi, in Cottbus. Im Gegensatz zur medialen Zurückhaltung bei den Emigranten wurde diese Visite groß aufgezogen. Der im Moskauer Exil lebende Arismendi war in Berlin mit den zeremoniellen Ehrungen eines Staatsoberhauptes empfangen worden. Dem wollte man in Cottbus nicht nachstehen. „Eine Ehrenformation der Kampfgruppen begrüßt Rodney Arismendi im Textilkombinat“, hieß es in der Cottbuser Tageszeitung. Das Abschreiten einer paramilitärischen Truppe in einem Frauenbetrieb war wohl eher komisch. Auch die Reden klingen heute etwas gewöhnungsbedürftig. Arismendi: „Ihr habt im Leben bewiesen, dass der Sozialismus in jeder Hinsicht dem Kapitalismus überlegen ist. Ihr helft aber nicht nur durch euer Beispiel, sondern gleichzeitig durch eure brüderliche und internationale Solidarität ...“ Spätestens hier hätte nun die Tatsache erwähnt werden können, dass in Cottbus, ja, sogar unter den Zuhörern Emigranten aus seiner Heimat anwesend waren. Aber Fehlanzeige! Erich Schutt, damals als Fotograf dabei, erinnert sich an die weiteren Besuchstationen des Generalsekretärs: Bezirksleitung der SED, Solidaritätsveranstaltung in der Stadthalle, Bildungszentrum und Kinderkrippe „Käthe Kollwitz“ in Sandow. Darüber berichtete die Lausitzer Rundschau auf Sonderseiten. Die Emigranten kamen darin nicht vor. 

Und was ist aus den Orten und Personen geworden? Das einst stolze Textilkombinat ist nur noch der Name einer Haltestelle. Aus der 24. und der 25. Oberschule wurde die sanierte Sachsendorfer Oberschule. Rodney Arismendi erlebte noch den Sturz der Militärdiktatur und starb 1989 in Montevideo. Die Emigranten aus Chile und Uruguay sind in ihre Heimat zurückgekehrt oder Cottbuser geworden. Carmen Gennermann, die Hebamme, half Tausenden Niederlausitzern auf die Welt. Marina Arismendi kehrte nach Uruguays Rückkehr zur Demokratie heim. Mit dem Bündnis Frente Amplio siegte sie bei den Wahlen und war von 2005 bis 2010 Ministerin für Soziales. Nach dem Wahlsieg 2015 übernahm sie diese Aufgabe im Kabinett von Präsident und Regierungschef Tabaré Ramón Vázquez erneut. Da die Ministerin mit einigen Cottbusern noch in Verbindung steht, weiß sie sicherlich, dass ihr Weg hier mit Anteilnahme und großer Sympathie verfolgt wird.

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