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Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Eine beispiellose Serie wirtschaftlicher und außenpolitischer Erfolge sowie eine Reihe von Blitzkriegen hatten die Mehrheit der deutschen Bevölkerung in einen Taumel der Begeisterung versetzt. Der Hitler-Mythos war im Frühjahr 1941 auf seinem Höhepunkt. Von einem bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion ahnte man in der Bevölkerung jedoch kaum etwas.

Die Schlagzeilen des Cottbuser Anzeigers lauteten am 20. und 21. Juni 1941: „Erweiterungen im Cottbuser Krankenhaus“ oder „Der O-Bus als Nahverkehrsmittel der Zukunft“. Alle anderen Aggressionen gegen die Nachbarn waren mit großem propagandistischen Aufwand angekündigt worden. Die Menschen fürchteten einen Krieg gegen die Sowjetunion. Zu tief waren die großen historischen Ereignisse in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Vor oder in Moskau hatten schon andere Usurpatoren ihren Traum von der Weltherrschaft aufgeben müssen. Dmitri Donskoi, der Großfürst von Moskau, stoppte 1380 auf dem Schnepfenfeld den Mongolensturm in Richtung Europa. Vom Sieg Michael Kutusows über Napoleon konnten sich die Niederlausitzer 1812/13 selbst überzeugen, als „... die kläglichen Überreste des einst so stolzen Heeres ...“ nach Borodino, dem Brand von Moskau und der Katastrophe an der Beresina durch Cottbus zogen.

Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 überschritten dann vier Millionen deutsche Soldaten in 150 Divisionen, 5600 Panzer und vier Luftflotten die Grenzen zur Sowjetunion. Juri Lewitan, der Moskauer Rundfunksprecher, verkündete den Menschen die schlimme Nachricht: „Achtung! Hier spricht Moskau! Bürger und Bürgerinnen der Sowjetunion! Wir übertragen eine Meldung der Regierung. Heute um vier Uhr morgens haben die deutschen Streitkräfte ohne jegliche Kriegserklärung die Sowjetunion angegriffen. Der Große Vaterländische Krieg des sowjetischen Volkes gegen die deutsch-faschistischen Eindringlinge hat begonnen.“ Der Cottbuser Anzeiger meldete: „Moskaus Verrat an Europa – Britisch-bolschewistisches Komplott aufgedeckt – Deutsche, finnische und rumänische Soldaten zum Gegenschlag angetreten“.

In den ersten Kriegsmonaten schien es, als könnte die deutsche Wehrmacht die Blitzkriegserfolge der Jahre 1939 und 1940 fortsetzen. Die drei Heeresgruppen drangen schnell auf dem sowjetischen Territorium vor. Millionen Rotarmisten gerieten in Gefangenschaft. Gewaltige Mengen Kriegsgerät gingen verloren. Die Cottbuser lasen in den ersten Kriegstagen von siegreichen Schlachten, eingeschlossenen Sowjetarmeen und Tausenden vernichteten feindlichen Panzern und Flugzeugen. Grund für die Anfangserfolge war nicht nur das Überraschungsmoment. Die Rote Armee hatte sich 1941 noch nicht vom Terror Stalins erholt, der 1938 die Generalität und das höhere Offizierscorps enthauptet hatte. Drei von fünf Marschällen, Tuchatschewski, Blücher und Jegorow, sowie 13 von 15 Armeekommandeuren waren liquidiert worden. Begabte Truppenführer hörten in sibirischen Lagern vom Beginn des Krieges. Die meisten sowjetischen Armeebefehlshaber, Korpskommandeure und Divisionskommandeure waren erst im März 1941 ernannt worden.

Der Überfall Nazideutschlands war von vornherein als Vernichtungskrieg geplant. Zerstörungspläne und Mordbefehle begleiteten die Kriegsvorbereitungen. Sondereinheiten und Teile der Wehrmacht verwirklichten den „Erlass über die Ausübung der  Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet Barbarossa“, den Kommissarbefehl und die „Anweisungen zur Behandlung künftiger sowjetischer Kriegsgefangener.“

Von den fünf Millionen Soldaten, die in deutsche Gefangenschaft gerieten, kamen 3,3 Millionen ums Leben oder wurden nach dem „Hungerplan“ ermordet. Babi Jar und die Blockade von Leningrad wurden Symbole für nie dagewesene Kriegsverbrechen.

Die Cottbuser Zeitungsleser mussten schon genau hinsehen, um zu erkennen, dass sich noch Ende 1941 das Blatt wendete. Erstes Anzeichen war die sprunghaft angestiegene Anzahl von Todesanzeigen. Die Erfolgsmeldungen wurden bescheidener. Jetzt ging es nicht mehr um „Tausende Sowjetpanzer“. Der Cottbuser Anzeiger meldete die Eroberung von 66 Maschinengewehren. Und am 4. Dezember 1941 ist erstmalig von „verzweifelten Gegenangriffen der Bolschewiken“ die Rede, die dann zu „vergeblichen sowjetischen Massenangriffen“ wurden. Zu Weihnachten lasen die Cottbuser von „erbitterten Kämpfen in Schnee und Eis“. Brecht schrieb über die Moskauer Winterschlacht, der ersten Niederlage der Nazi-Wehrmacht, hellsichtig: „Doch als wir vor das rote Moskau kamen/ stand vor uns Volk von Acker und Betrieb/ Und es besiegte uns in aller Völker Namen/ Auch jenes Volks, das sich das deutsche schrieb.“

Der Cottbuser Anzeiger brachte danach noch drei Jahre Durchhalteparolen. Der Luftangriff vom 15. Februar 1945 wurde nur noch indirekt erwähnt.

Am 4. März 1945 erschien die letzte Ausgabe.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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