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Kriegsrecht in Polen – Schluss mit visafreiem Reiseverkehr

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Der visafreie Reiseverkehr hatte seit 1972 zwischen den Bürgern aus dem Bezirk Cottbus und der benachbarten Wojewodschaft Zielona Gora zur menschlichen Annäherung geführt. Neue Grenzübergänge waren entstanden. In Cottbus und Guben arbeiteten polnische Werktätige. Schulen, Kulturgruppen, Künstler und Sportvereine nahmen Kontakt zueinander auf. Die Menschen feierten und lachten zusammen. Im Januar 1975 dann trauerten und weinten Polen und Deutsche gemeinsam. Bei dem verhängnisvollen Absturz einer MiG 21 auf einen Wohnblock in der Schmellwitzer Straße starben auch polnische Näherinnen aus dem Textilkombinat.

Allerdings zeigte der wachsende Reiseverkehr – nach einem halben Jahr hatten schon drei Millionen Polen die DDR besucht – schnell die Schwachstellen des Sozialismus auf. Im Sommer 1972 hatte Cottbus noch stolz berichtet: „19 Mitarbeiter des (Konsument-)Warenhauses absolvierten kürzlich den ersten Polnisch-Lehrgang an der Betriebsakademie des Handels und bedienen in mehreren Abteilungen die polnischen Käufer in deren Landessprache.“

Die Polen, chronisch mit den Dingen des täglichen Bedarfs unterversorgt, nutzten die neue Reisefreiheit natürlich auch zum Einkaufen. Die „Hamsterkäufe“ führten dann zum Unmut der Cottbuser. Die Parteiführung sah diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits konnte der eigenen Bevölkerung gezeigt werden, wie überlegen die DDR vermeintlich sei. „Die Polen streiken, wir arbeiten!“ Andererseits verknappten die polnischen Einkäufer das nicht gerade üppige Angebot in den Cottbuser Läden. Zwar wurden die in der Bevölkerung kursierenden Schmähgedichte nicht offiziell verbreitet, aber Berichte über Hamsterkäufe gab es in der Cottbuser Tagespresse Ende der Siebziger schon, wenn zum Beispiel im Konsument-Warenhaus eine polnische Kundin 20 BHs verlangte.

Im Jahr 1980 war dann Schluss mit dem visafreien Reiseverkehr. Der Hauptgrund waren jedoch nicht die Einkaufstouristen, sondern der gewachsene Einfluss der Solidarnosc-Bewegung. Die LR-Berichte über das Nachbarland wurden aggressiver, fast bösartig: „Tiefe Besorgnis“, „Wirksame Maßnahmen gefordert“ oder „Philosophie der Zerstörung und des politischen Abenteurertums“.

Mit einer, die deutsch-polnische Vergangenheit völlig ignorierenden Arroganz versuchte die DDR-Führung die „Bruderpartei“ zu bevormunden.

Der Rest ist bekannt. Stanislaw Kania konnte die Situation nicht retten. Um eine sowjetische Intervention zu vermeiden und die Macht zu retten, folgten 1981, vor 35 Jahren, der General Wojciech Jaruzelski und das Kriegsrecht. Der Cottbuser Zeitungsleser musste nun, was die Berichterstattung über Polen betraf, eine heftige Wende verkraften. Hatte es vor dem Kriegsrecht noch Angriffe gegen die polnische Entwicklung, gegen Oppositionelle, Revisionisten und Hamsterkäufer gegeben, wurden die Menschen in der DDR nun zur Solidarität aufgerufen: Fleisch für mehrere Millionen Mark ging nach Polen, Familien packten Weihnachtspäckchen und Cottbuser Schulkinder sollten ihre Lieblingspuppen ins Nachbarland schicken. Aber die Frage, wer hier wem helfen sollte, stellte sich im Laufe der  Achtziger neu. Gestützt von Gorbartschows Peristroika gewannen Reformer und Solidarnosc die Initiative zurück.

Die Ereignisse des Frühjahrs und Sommers 1989 in Polen, der Runde Tisch, die Wiederzulassung der freien Gewerkschaft und im September die Wahl des katholischen Publizisten Tadeusz Mazowiecki zum Ministerpräsidenten waren auch wichtige Voraussetzungen für den Fall der Mauer in Deutschland.

Und heute? In der Euroregion Spree-Neiße-Bober arbeiten die Partnerstädte Zielona Gora und Cottbus eng zusammen. Gerade in Zielona Gora sind die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit Cottbus und der Euroregion besonders greifbar: Die Verkehrsinfrastruktur, die Philharmonie oder der Botanische Garten. Polen und Deutsche sind keine schwierigen Nachbarn mehr. Einen Gedanken hört der Besucher aus Deutschland in diesen Tagen von polnischen Gesprächspartnern jedoch häufiger: „Sagt uns bitte nicht, wen wir wählen solle. Ja, und noch etwas: Hinweise zum Umgang mit Flüchtlingen oder Minderheiten sollten sich die Deutschen gegenüber Polen auch noch in den nächsten 50 Jahren verkneifen.“

P.S: In den Siebzigerjahren gab es eine Busverbindung zwischen den Partnerstädten. Das ist lange vorbei. Vor zwei Wochen haben Läufer die Strecke zwischen Zielona Gora und Cottbus beim Staffellauf „Von Rathaus zu Rathaus“ zu Fuß zurückgelegt. Maciej Stadniczuk ist kürzlich gewandert. Aber nicht alle wollen laufen. Viele Südbrandenburger würden gern öfter im Focus-Park bummeln, im Palmiarnia Kaffee trinken oder beim Speedway zuschauen. Da müsste doch etwas zu machen sein!?

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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