Jahreswechsel 78/79:Lausitzer Revier versinkt im Schnee

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 40 Jahren -

„Der erste Deutsche im Kosmos – ein Bürger der sozialistischen DDR“, lautete der Jubelschrei im August 1978. Mit Sigmund Jähn gab es endlich einen richtigen Helden im Land, und dazu noch einen sym­pathischen. Der Kosmonaut besuchte im Dezember 1978 den „Energiebe­zirk“ und wurde mit echter Begeis­terung empfangen.

Zweiter Grund zur Freude: In der Bezirkshauptstadt kamen die ersten der neuen Tatra-Straßenbahnzüge an. Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende, wünschte seinen Bürgern in der Weihnachtsan­sprache „unbeschwerte Festtage“. An diesen Wunsch hielt sich das Wetter nur bis zum 29. Dezember. Zum Jah­resende machte der bitterste Feind des Sozialismus mobil. Zu Silvester ging vor 40 Jahren die DDR – von Norden nach Süden – in Schnee und Eis unter. Das war von den Meteorologen aus Ost und West so nicht vorhergesagt worden. Die Lausitzer Rundschau verkündete am 29. Dezember: „Stark bewölkt, vereinzelt Regen, tiefste Nachttemperatur um 3 Grad.“ Und einen Tag später: „Zum Teil länger anhaltender Schnee­fall.“ Winterwetter, von Dra­matik keine Spur. Aber was stattdessen geschah?

Die DDR im Schneesturm

Starke Temperaturunterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland von mehr als 20 Grad lösten einen Schneesturm aus, wie er bis zu diesem Zeitpunkt im norddeutschen Raum nicht bekannt war. Überall, wo Talsen­ken, Abhänge und Hindernisse Wind­schutz schafften, trieb der orkanartige Sturm die Schneemassen zusammen. Die Verkehrswege waren schnell ver­weht. Die Straßenmeistereien und die Reichsbahn sahen sich nicht mehr in der Lage, den Verkehr aufrecht zu erhalten. Schließlich wurde am 30. De­zember Katastrophenalarm ausgelöst.

An ungünstigen Stellen türmte der Sturm meterhohe Schneeverwehun­gen auf, teilweise von mehr als sechs Metern. Durch den anfänglichen Eisregen und die zentnerschwere Last rissen viele Freilandleitungen. Der Stromausfall wurde zum größten Problem in vielen ländlichen Gemein­den. Heizung, Licht, Warmwasser, Radio und Fernsehen fielen aus. Die Melkmaschinen in den Genossen­schaften funktionierten nicht mehr, auch die von Hand gemolkene Milch konnte nicht mehr abgeholt werden. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten. Schwangere kamen mit militärischen Kettenfahrzeugen zur Entbindung. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln erfolgte im Norden aus der Luft per Hubschrauber.

Die Cottbuser Bezirkschefin Irma Uschkamp sprach in einer ersten Stellungnahme von „extremen Witte­rungsbedingungen“, die zu „Abschal­tungen“ bei Strom und Gas geführt hatten. Man konzentriere sich auf die Kinderbetreuung und die Lebens­mittelversorgung. Schulen wurden zusammengelegt und die Straßenbe­leuchtung abgeschaltet.

Im Lausitzer Revier

Der jähe Wintereinbruch fiel in die Zeit, als die DDR-Wirtschaft wegen der Entwicklungen auf dem Weltmarkt heiß zulaufen begann. Etwa 60 Prozent des Energiebedarfs wurden aus der Lausitz gedeckt. Hier war die Strom­zentrale des Landes und seiner Indus­trie. Nachdem die Rohölpreise auf dem Weltmarkt wieder gefallen waren, die Sowjetunion aber ungeminderte Erlö­se forderte, musste umfangreicher mit Braunkohlenprodukten substituiert werden, als vernünftig gewesen wäre. Der Druck auf die Produktion in der Lausitz stieg, sieben neue Tagebaue waren nach 1972 beschleunigt aufge­schlossen worden und wurden jetzt erweitert.

Kälte und Schnee waren für die auf Verschleiß, meist an der Grenze der Möglichkeiten, laufende DDR-Wirtschaft ein generelles Prob­lem. Oft waren es nur der große Fleiß, der sprichwörtliche Einfallsreichtum und die Improvisationsfähigkeiten der Arbeiter und Ingenieure, die den Stillstand verhinderten. Im Lausitzer Revier war also der sogenannte „Win­terkampf“ nichts Ungewöhnliches. Zum Jahreswechsel 78/79 jedoch leis­teten die Arbeiter und viele Tausend Soldaten in Tagebauen, Kraftwerken und Brikettfabriken fast Unmögliches. Das Nadelöhr waren die Kohlezüge zu den Kraftwerken, deren Ladung mit noch feuchter Kohle sofort an den Eisenwänden der Waggons anfror und sich nach einigen Kilometern Fahrt nicht wie üblich in die Kohlebunker der Kraftwerke und Brikettfabriken schütten ließ. Hier behalf man sich mit den Triebwerken von Jagd­flugzeugen. Schwer auch das Rücken der Gleise im vereisten Tagebau.

Wer vor 40 Jahren etwas von der Dramatik des Kampfes um Licht und Wärme mitbekam, verbittet sich noch heute, die Ar­beitsstätten der Kohle- und Energiearbeiter als „Dreck­schleudern“ zu bezeichnen. Die Ereignisse vor 40 Jah­ren sind ein Teil des Stolzes und des Lebensgefühls der Lausitzer.

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Friedenslauf-Spenden gehen an Drudel 11

Ostritz. Rund 300 Menschen liefen im Oktober in Ostritz für Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz. Die Hälfte der beim Friedenslauf gesammelten Spenden, 2450 Euro, wurde inzwischen an Drudel 11 e.V. aus Jena überwiesen. Dies teilen der Vorstandsvorsitzende des Internationalen Begegnungszentrums St. Marienthal, Dr. Michael Schlitt, und der Mitorganisator des Friedenslaufes, Landrat a.D. Günter Vallentin (Ostritz), mit. Drudel 11 engagiert sich seit 25 Jahren als anerkannter Träger der Jugendhilfe. In zahlreichen Projekten – vom Jugendzentrum bis hin zur Ausstiegsberatung für Neonazis  – hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen Selbstkompetenz zu vermitteln und dabei Anreize zum Perspektivwechsel zu geben. Inzwischen kann das Team von Drudel 11 auf eine langjährige Erfahrung in den Bereichen der Gewalt- und Radikalisierungsprävention zurückblicken. Sebastian Jende vom Verein Drudel 11 dazu: „Mit großer Freude hat unser Verein diese tolle Nachricht von der Spende erhalten. Ein besonderer Dank geht an alle Spender und Läufer und natürlich an das IBZ St. Marienthal als Veranstalter sowie an die Verantwortlichen der Stadt Ostritz.“ Drudel 11 bietet Beratungen für Ausstiegswillige aus rechtsextremen Zusammenhängen an. Gemeinsam mit den Ausstiegwilligen wird in der vertraulichen Einzelberatung der bisherige, zumeist von Gewalterfahrungen, Vorurteilen und Hassideologien geprägte Lebensweg reflektiert. Dabei werden gemeinsam neue Lebensperspektiven für die Ausstiegswilligen erarbeitet. Sebastian Jende dazu weiter: „Die Struktur der rechtsextremen Szene hat oft zur Folge, dass sich Ausstiegswillige in einem eng gesponnenen Netz gefangen fühlen. Vor allem der hohe soziale Druck aus der Szene, bis hin zu Drohungen und Verfolgung, führt bei Ausstiegswilligen oftmals zu einem Gefühl der Ohnmacht. Ist aber die Ausstiegsmotivation gegeben, dann setzt unsere Beratung genau an diesem Punkt an und hilft den Aussteigern einen Ausweg zu finden und sich neu zu orientieren.“ Der andere Teil der Spenden wurde für das „Ostritzer Friedensfest“ zur Verfügung gestellt. Der „Ostritzer Friedenslauf“ im Oktober war auch eine Reaktion auf den am gleichen Tag im Ostritzer Hotel „Neißeblick“ stattgefundenen „Kampf der Nibelungen“. Zu dieser Kampfsportveranstaltung kamen zahlreiche Mitglieder der rechtsextremen Szene.Rund 300 Menschen liefen im Oktober in Ostritz für Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz. Die Hälfte der beim Friedenslauf gesammelten Spenden, 2450 Euro, wurde inzwischen an Drudel 11 e.V. aus Jena überwiesen. Dies teilen der Vorstandsvorsitzende…

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