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Grundsteinlegung für das Konsument

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten.  Auf dem V. Parteitag 1958 stellte sich die SED anspruchsvolle, ja, letztlich unerreichbare Ziele: „Die Volkswirtschaft ist innerhalb weniger Jahre so zu entwickeln, dass die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat eindeutig bewiesen wird und infolgedessen der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft.“

Bestandteil dieses Konzeptes war auch die Zielstellung, in den Bezirksstädten bis 1962 die Kriegsschäden zu beseitigen und mit dem Aufbau sozialistischer Stadtzentren zu beginnen. In Cottbus sollte das neue Zentrum an der Nahtstelle zwischen der historischen Altstadt und der westlichen Stadterweiterung entstehen. Begonnen wurde mit der Errichtung eines Warenhauses. Das war folgerichtig, wenn man den Pro-Kopf-Verbrauch der Menschen zu einem Kriterium der Entwicklung machte.

100 verschiedene Dienstleistungseinrichtungen

Voraussetzung war natürlich der großflächige Abriss der vorhandenen Bausubstanz. Dabei ging die Roßstraße mit stattlichen Gebäuden fast gänzlich verloren. Grundsteinlegung war am 28. November 1966, vor 50 Jahren. Die hiesige Tageszeitung berichtete über den „... bisher größten Warenhaus-Neubau ...“ in der DDR: „ Mit 660 Mitarbeitern wird es einen Jahresumsatz von etwa 120 Millionen MDN ermöglichen.“ Das Konsument bietet seinen Kunden nach der Fertigstellung „... rund einhundert verschiedene Dienstleistungseinrichtungen. Sie reichen von der Kinderbetreuung und der Gepäckaufbewahrung über Geschenkdienst, Freihaus-Lieferung und Bestellsystem bis zur Schuhschnellreparatur und einem Friseur- und Kosmetiksalon.“           

Reizvolles Spiel von Licht und Schatten

Der Entwurf stammte von den Architekten Klaus Frauendorf und Friedhelm Dietze. Der Bildhauer Harry Müller gestaltete die Fassade. Das Cottbuser Einkaufszentrum hielt architektonisch auch mit der anspruchsvollsten westlichen Warenhausarchitektur Schritt. Die Denkmalpfleger stellen besonders die „... Vorhangfassade aus Sichtbeton, deren vertikale Strukturierung ein reizvolles Spiel von Licht und Schatten hervorrufen ...“ heraus.

In bester Erinnerung haben die Cottbuser sicherlich die schöne, leider nicht mehr erhaltene Kundengaststätte. Am 3. Oktober 1968 fand die Eröffnung des Konsument-Warenhauses statt, nach knapp zweijähriger Bauzeit. In Anbetracht des guten anderthalb Jahrzehnts, in denen die Cottbuser gegenwärtig mit dem Bauloch in ihrer Stadtmitte kämpfen, eine sensationelle Bauzeit.

Anspruchsvolle Waren

Ein Kaufhaus mit internationalem Format zu bauen, war das eine. Es mit anspruchsvollen Waren zu füllen, das andere. Das Einkaufsverhalten der ehemaligen DDR-Bürger ist heute in gefühlten tausend Fernsehbeiträgen behandelt worden, die wohl in erster Linie das untergegangene Land diskreditieren wollten. Aber tatsächlich: Wenn der Ruf: „Im Konsument gibt es Schlagbohrmaschinen!“ die Stadt durcheilte, dann verließ doch schon mal einer seinen Arbeitsplatz. Aber dort gab es auch die Möbel für den zinslosen Ehekredit, den man nach der Geburt von Kindern nicht oder nur teilweise zurückzahlen musste. Und manch Besitzer trug vom Konsument stolz den Farbfernseher „Colorett“ (Wartezeit sechs Monate) nach Hause.

Wer über das Konsument Warenhaus spricht, kommt nicht am Jugendclub forum k vorbei, einem der anspruchsvollsten Klubs in Cottbus. Gegründet 1972 im milden internationalen Klima der Weltfestspielvorbereitung testeten junge Menschen die kulturellen Spielräume aus. In der Personalgaststätte des Konsument-Warenhauses gab es eine Heimstatt für Jugendliche, die sich ausdrücken wollten. Hier wurden beim Zusammentreffen von Akteuren und Zuschauern Ideen geboren und Neues ausprobiert.

Im forum k sprach der Journalist Hans-Hermann Krönert über die Rolle der Medien, Wacholder mit Mathias Kießling, Jörg Kokott und Scarlett Seeboldt machten Folk-Musik und junge Cottbuser wie Reinhard Drogla, Bernd Weinreich und Hans Scheuerecker fanden ihr Publikum. Auch DDR-Promis wie Stephan Krawczyk, Uschi Brüning und Gerd Schöne traten im forum k auf. Junge Menschen diskutierten über Musik, Malerei oder Architektur. Rica Neels, Clubratsvorsitzende in der 80er Jahren, erinnert sich: „Montag war forum k Tag. Der Montag war bewusst ausgewählt worden, weil dieser Tag kulturell nicht belegt war. Dort kamen regelmäßig  junge Menschen zusammen mit gleicher Wellenlänge und vor allem, weil es in der Stadt wenig Angebote dieser Art Kultur gab. Die Warenhausleitung stellte jedes Jahr einen Betrag von, ich glaube, 5.000 Mark zur Verfügung und für die Personalgaststätte musste keine Miete bezahlt werden. Eigentlich war es vor allem deshalb möglich, bestimmte Künstler einzuladen und so anspruchsvolle Kultur anzubieten.“ Manche Impulse, die in der Gaststätte des Konsument gegeben wurden, wirken bis heute nach.

Doch zurück zum Warenhaus. Nach der politischen Wende begann eine unruhige Zeit. Zunächst übernahm die Horten AG den Komplex. Ab 1996 gehört das Haus der Galeria Kaufhof GmbH. Mit der baulichen Verbindung zum Blechen-Carré entstand dann der heutige sehenswerte Einkaufskomplex.

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