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Glanz und Elend bei der Zarenkrönung

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Der 90. Geburtstag der Queen vor einem Monat zeigte, wie groß auch heute das Interesse der Menschen am Leben und besonders den Entgleisungen der Reichen und Schönen ist. Die Regenbogenpresse und die Fernsehsender befriedigen dieses Bedürfnis und produzieren es gleichzeitig. Diesem Journalismus des Klatsches und des Skandals können sich auch seriöse Medien nicht entziehen. Dass dies nicht neu ist, beweist die Berichterstattung des Cottbuser Anzeigers über die Krönungsfeierlichkeiten 1896 in Moskau.

Die Krönung der russischen Zaren folgte den Traditionen der byzantinischen Kaiser. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 betrachteten sich die russischen Herrscher als Nachfolger des Basileus und Moskau demzufolge als das dritte Rom. Das Wort Zar ist ebenso wie Kaiser von Caesar abgeleitet. Die Träger dieses Titels sahen sich als Nachfolger der römischen Kaiser. Eines der wichtigen Symbole der Autokratie war deshalb die Schapka Monomacha, die sagenhafte Mütze, die der byzantinische Kaiser dem Großfürsten der Kiewer Rus schenkte. Die Krönungszeremonie fand auch nach der Verlegung der Hauptstadt nach Sankt Petersburg weiterhin in der Maria-Entschlafens-Kathedrale im Moskauer Kreml statt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeremonie von mehreren Monaten auf Tage abgekürzt worden. Hauptgrund waren Sicherheitsbedenken. Der Großvater des letzten Zaren, Alexander II. fiel einem Sprengstoffattentat zum Opfer. Der Enkel war Augenzeuge des Anschlages und später als Thronfolger selbst Ziel einer Säbelattacke während einer Japanreise.

Nikolai II. wurde nach dem überraschenden frühen Tod seines Vaters 1894, mit 28 Jahren regierender Kaiser. Die Krönung fand wegen der Trauerzeit erst anderthalb Jahre später statt. In einer der prunkvollsten Zeremonien dieser Zeit krönte sich Nikolai am 26. Mai 1896 selbst zum Kaiser und Herrscher aller Reußen. Seine Frau Alix, eine deutsche Prinzessin, erhob er zur Kaiserin. Dieses Ereignis fand in Deutschland und auch in Cottbus lebhafte Anteilnahme. Noch gab es zwischen Berlin und Sankt Petersburg gute Beziehungen. Überdies waren, meist durch die englische Königin, die Herrscherfamilien zwischen dem Nordkap und dem Atlantik enge Verwandte. Die Ehefrauen der letzten vier russischen Kaiser waren allesamt deutsche oder dänische Prinzessinen. Der Cottbuser Anzeiger berichtete während der Krönung von Nikolai und Alix täglich aus Moskau.

Der erste Beitrag handelt von der Anteilnahme Kaiser Wilhelms II. an der Krönung. Seine Majestät „... betonte, dass in das Jauchzen des russischen Volkes sich der Jubel der anderen Völker …mische, nicht zum mindesten der unsrige.“  Mit der damals üblichen zweitägigen Verspätung erfuhren die Cottbuser Einzelheiten von der Ankunft des Herrscherpaares in Moskau: „Die alte Zarenstadt gewährte im Festschmuck ein buntes, farbenprächtiges Bild; die Einzugsstraße (ist) mit nie dagewesenem  Aufwande geschmückt ... Der Kaiser in der Uniform des Preobraschenski-Regiments, mit dem Bande des Andreas-Ordens, ritt ein prachtvolles weißes Pferd.“ Über die glanzvolle Krönungszeremonie schreibt der Cottbuser Anzeiger vier Tage später: „Der Zar setzt sich die Krone aufs Haupt, während der Geistliche laut betet, dann nimmt er das Zepter in die rechte, den Reichsapfel in die linke Hand, setzt sich auf den Thron und ruft die Kaiserin zu sich. Sie lässt sich vor dem Zaren auf das Knie nieder ... Jetzt setzt der Kaiser seiner Gemahlin die Krone der Kaiserin aufs Haupt.“

Die Kronen trugen Nikolai und Alix 21 Jahre. Bis zu ihrer Ermordung durch die kommunistischen Revolutionäre gab es noch politischen Katastrophen, verlorene Kriege und mutlose Scheinmodernisierungen. Aber schon während der Krönungsfeierlichkeiten erwies sich der Kaiser als glücklos. Auf dem Chodynkafeld, einem Volksfestgelände am Moskauer Stadtrand, wurde bei Zarenkrönungen das Volk beköstigt und Geschenke verteilt. Dabei kam es 1896 zu einer Massenpanik mit über 1000 Todesopfern. Der Cottbuser Anzeiger brachte dazu ein Extrablatt heraus und berichtete am folgenden Tag ausführlich: Auf dem Gelände hatten sich in Erwartung der Geschenke schon in der Nacht eine halbe Million Menschen versammelt. Es gab dort mehrere, nur notdürftig abgedeckte Gräben. Als das Gerücht aufkam, dass die Verteilung der Gaben des Zaren vorzeitig beginne, geschah das Unglück. „Sofort erhoben sich die Massen und stürzten fort in der Richtung auf die Buden, wo die Katastrophe entstand ... Die Herandrängenden stürzten nieder, während die Masse unaufhaltsam nachdrängte, alles unter sich zermalmend.“ Nikolai besuchte zwar im Krankenhaus die Opfer. Seine abendliche Teilnahme am Ball des  französischen Botschafters wurde jedoch von der Öffentlichkeit zu Recht negativ bewertet.

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