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Ganz Cottbus zieht um – Der Festumzug zum Stadtjubiläum

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Am 30. November 2006 jährte sich zum 850. Mal der Tag der urkundlichen Ersterwähnung unserer Stadt. Das hatten die Cottbuser diesmal gründlich überprüft. Schon 1830 hatte es eine 900-Jahrfeier gegeben. Da war man noch auf eine Fälschung des „Kaiserlichen Hofhistoricus Abraham Hosemann“, einem skrupellosen Betrüger, hereingefallen.

Seit dem Jahr 2002 arbeitete im Rathaus das Festbüro unter der Leitung von Wolfgang Tham. Es sollte ein Festjahr werden, das von den Cottbuserinnen und Cottbusern selbst gestaltet wird. Viele Veranstaltungen aus dem Jahr 2006 sind den Menschen in guter Erinnerung geblieben. Das Postkutschentreffen, der legendäre Weltrekordversuch beim Annemariepolka-Tanzen und die charmante Krebsaktion fanden großen Zuspruch.

Der FC Energie bereicherte die grandiose Stimmung mit dem zweiten Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Absoluter Höhepunkt war der historische Festumzug am 18. Juni, vor zehn Jahren. Die Lausitzer Rundschau berichtete: „Drei Stunden dauerte gestern der Festumzug zum Cottbuser Jubiläumsjahr: 1156, vor 850 Jahren, wurde die Stadt erstmals urkundlich erwähnt. Auf rund 250 000 schätzt das Festbüro die Zahl der Zuschauer aus nah und fern, die den Umzug am Straßenrand und auf der Tribüne miterlebten...Mit großem Aufwand waren in monatelanger Vorbereitung die historischen Schaubilder für den Umzug entworfen und realisiert worden. Sie boten eine Revue durch die wechselhafte Geschichte der 850 Jahre alten Stadt.“ Und Festbürochef Wolfgang Tham erinnert sich so: „Obwohl es mir schwer fällt, eine Veranstaltung besonders hervorzuheben, war der Festumzug am 18. Juni sicherlich der Höhepunkt der 850-Jahrfeier. Mein Dank gilt noch heute den mehr als 4.000 Mitwirkenden, die in ihren historischen Kostümen, Trachten und Uniformen einen bunten und authentischen Streifzug durch die Cottbuser Geschichte dargestellt haben. Was in der Vorbereitung allein die ehrenamtlichen Verantwortlichen für die mehr als 40 Bilder des Umzuges und die äußerst kreativen Gestalter der Festwagen und Plakate geleistet haben, ist mit Worten kaum zu beschreiben.“

Die 850-Jahrfeier fand in Cottbus in einer angespannten kommunalpolitischen Situation statt. Parallel zur Vorbereitung auf den Festumzug am 18. Juni bereitete die Wahlbehörde den Bürgerentscheid über die Abwahl von Oberbürgermeisterin Karin Rätzel am 2. Juli vor.

Man erinnere sich: Im Jahr 2002 hatte sich Karin Rätzel als parteilose Kandidatin bei den OB-Wahlen klar durchgesetzt und in der Stichwahl Markus Derling von der CDU hinter sich gelassen. Ein harmonisches Miteinander der neuen Verwaltungschefin mit den Parteien im Stadtparlament kam jedoch nicht zustande. Nach vier Jahren kommunalpolitischer Stagnation gab es dann eine Mehrheit für einen Bürgerentscheid über ihre Abwahl. Zur Ehre aller Beteiligten muss man konstatieren, dass diese Situation kaum Einfluss auf die Festlichkeiten hatte. Die Cottbuserinnen und Cottbuser beteiligten sich mit spürbarer Begeisterung an ihrem Stadtjubiläum, vergleichbar nur mit der Gartenschaueuphorie. Daran hatten, trotz des laufenden Abwahlverfahrens, das Festbüro um Wolfgang Tham, die Parteien der Stadtverordnetenversammlung und die Oberbürgermeisterin ihren Anteil. Ihre Hochachtung vor dieser Haltung brachten übrigens auch die Delegationen aus den Partnerstädten zum Ausdruck, die zum Jubiläum angereist waren.

Was ist geblieben von dem Jubiläum vor zehn Jahren? Geben wir noch einmal Wolfgang Tham, dem Organisator des Festjahres, das Wort: „Neben den vielfältigen Erinnerungen (blieb) ein oft bestaunter ‚Weg des Ruhmes‘ vor dem Rathaus, das Postkutscherdenkmal, viele der 30 farbenfroh gestalteten Krebse von Cottbuser Unternehmen, das Lied „Cottbus–meine Stadt“ und eine attraktive  Dokumentation über den Festumzug. Das Ziel des Festbüros 2006 bestand darin, ein Jubiläum für die Cottbuserinnen und Cottbuser, aber auch mit ihnen zu gestalten. Ohne die umfangreiche Hilfe des Rathauses, ohne die Cottbuser Agenturen und Unternehmen, die Verbände und Vereine, aber auch die zahlreichen Bewohner unserer Stadt hätte das Festjahr nicht so erfolgreich durchgeführt werden können. Ein großes Dankeschön gilt den Stadtverordneten, Sponsoren und Medien, die das Jubiläum von Anfang an intensiv begleitet haben.“

P.S. Natürlich gab es 1956 in Cottbus eine 800-Jahrfeier. Davon im Juli mehr.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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