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Feuertod in Zeitz: Die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Wer Anfang der Siebziger von Zeitz nach Gera fuhr, sah von der Fernverkehrsstraße aus, der heutigen B 2, eine Dorfkirche mit einem leuchtenden Neonkreuz. Das war die Kirche in Rippicha, einem Ortsteil von Droßdorf. Dort wirkte von 1970 bis 1976 Oskar Brüsewitz als Pfarrer. Von ihm sprach man damals in der Umgebung mit einer Mischung aus Verwunderung und Respekt.

Pfarrer Brüsewitz stand in dem Ruf, mit ungewöhnlichen Mitteln auf das gespannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat aufmerksam zu machen. Er war nach einer Ehescheidung in die DDR übergesiedelt, fand spät zum christlichen Glauben und begann als 35-Jähriger eine Ausbildung an der Erfurter Predigerschule. Seine unkonventionellen Methoden, besonders bei der Jugendarbeit, und die gesuchte Konfrontation mit der Staatsmacht riefen Widerspruch, auch unter seinen Amtsbrüdern, hervor. Im Sommer 1976 hatte ihm die Kirchenleitung die Versetzung in die Bundesrepublik angetragen.

Am 18. August stellte Oskar Brüsewitz vor der Zeitzer Michaeliskirche Plakate auf sein Auto, deren klare politische Aussage nichts zu wünschen übrig ließ: „Funkspruch an alle – Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen“. Daraufhin übergoss er seine Kleidung mit Benzin und zündete sich an. Der in Flammen gehüllte Geistliche lief laut schreiend in Richtung Kirche. Schließlich wurde er gestoppt und rasch in ein Krankenhaus gebracht. Vier Tage später starb Oskar Brüsewitz, ohne dass ihn seine Familie noch einmal sehen durfte.

Die Selbstverbrennung als besonders qualvolle Selbsttötung soll starke Emotionen auslösen und eine Botschaft eindrucksvoll vermitteln. Sie wird in den meisten Fällen von denjenigen, gegen die sich der Protest richtet, als Tat eines psychisch Kranken und von den Gleichgesinnten als starkes Bekenntnis oder Märtyrertum bezeichnet. Das war nicht nur in der DDR bei Oskar Brüsewitz so, sondern trifft mit Abstufungen auch auf die Selbstverbrennungen von Regimegegner Jan Palach (1969), Umweltaktivist Hartmut Gründler (1977) oder Islamkritiker Roland Weißelburg (2006) zu.

Der Flammentod des Oskar Brüsewitz fand in den westdeutschen Medien ein großes Echo. Dabei wurde zu Recht die eingeschränkte Religionsfreiheit im anderen deutschen Staat kritisiert. Es gab allerdings auch Stimmen, die man unter der Rubrik „Kalter Krieg“ registrieren musste. In den DDR-Medien gab es die ganz typische Reaktion: Erst schweigen, dann, wenn im Westfernsehen das Thema zur Nachricht Nummer eins wurde, gab es schmallippige Äußerungen. Diese waren oft so formuliert, dass diejenigen, die nicht Tagesschau, Heute oder ZDF-Magazin gesehen hatten, gar nicht verstanden, worum es ging.

Als sich im Westen die Nachrichten überschlugen, lasen die Cottbuser drei Tage nach der Selbstverbrennung auf der zweiten Seite der Lausitzer Rundschau die kurze Meldung, dass „... der evangelische Pfarrer aus dem Kreis Zeitz, Oskar Brüsewitz, einen Selbstmordversuch ...“ unternommen hätte. Schon hier gab es den Hinweis, dass Brüsewitz „... ein abnormal und krankhaft veranlagter Mensch ...“ wäre. Und einen Tag später an gleicher Stelle und ebenso knapp: „Hetze gegen die DDR zurückgewiesen“. In dieser zweiten kurzen Notiz wird schon aus dem „Wort an die Gemeinden“ vom 21. August zitiert, dass die Kirchenleitung auch als Pressemitteilung an den Nachrichtendienst ADN übergab. Allerdings erhalten die LR-Leser nur in den Teil des Kanzelbriefes Einsicht, in dem die Kirchenleitung bedauert, „... dass Äußerungen verantwortlicher Mitarbeiter des Kirchenkreises Zeitz und der Kirchenleitung sinnentstellt veröffentlicht worden sind. Jeden Versuch das Geschehen in Zeitz zur Propaganda gegen die Deutsche Demokratische Republik zu nutzen, weisen wir zurück.“

Nicht zitiert wurde der Hauptteil des Briefes: „Wir wissen, dass Bruder Brüsewitz sich in seinem Dienst als Zeuge Gottes verstand, auch mit manchen ungewöhnlichen Aktionen. Selbst mit dieser Tat wollte er auf Gott als den Herrn über unsere Welt hinweisen. Er war getrieben von der Sorge, dass unsere Kirche in ihrem Zeugnis zu unentschlossen sei.
… Wir dürfen unseren Bruder Oskar Brüsewitz nicht verurteilen. ‚Wir alle werden vor Gott stehen und von ihm gerichtet werden (Römer 4,10)‘“.

Diese ausgewogene Stellungnahme wurde von beiden Seiten kritisiert. Westliche Medien und Kirchenkreise in der DDR betrachten sie als Einknicken vor dem atheistischen Staat. Aber auch die DDR-Führung war unzufrieden.

Honecker sprach in einem Fernschreiben an die 1. Bezirkssekretäre von einer Provokation. Und dann erschien am 31. August im ND der unsägliche Kommentar „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“, von der Bezirkszeitung einen Tag später nachgedruckt, und nur zu verstehen, wenn man aufmerksam das „Westfernsehen“
verfolgt hatte. Dort wurde Oskar Brüsewitz endgültig als Psychopath dargestellt und gesagt, „... dass man auch anders könne.“

Eine Stellungnahme für oder gegen den Inhalt des Briefes an die Gemeinden hat es aus Cottbuser Kirchenkreisen wohl nicht gegeben, erinnert sich Christian Lehm, damals Mitglied des Kreiskirchenrates. Möglicherweise auch deshalb, weil Cottbus zu diesem Zeitpunkt keinen Superintendenten hatte.
 
Das Ungemach für die DDR war mit der Tat von Pfarrer Brüsewitz für 1976 keineswegs beendet. Mit Wolf Biermann und Rudolf Bahro meldeten sich im Herbst noch andere Kritiker.

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