Einkaufen in Cottbus–"Grobgemüse ist ausreichend vorhanden"

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Das Rezeptbuch „Kochen“ vom (DDR-)Verlag für die Frau erlebte etliche Auflagen. Es war wirklich ein guter Rat­geber. In vielen Haushalten ist es noch immer in Gebrauch. Aber ähnlich wie bei der Sendung „Der Fernsehkoch empfiehlt“ mit Chefkoch Kurt Drummer gab es damals ein Dilemma. Alles, was man zur Vorberei­tung eines Gerichtes benötigte, sollte auch im Handel erhältlich sein. Und da lag der Hase im Pfeffer. Weil es doch manches nicht zu kaufen gab, hatten es Rezept-Autoren und Fernsehköche nicht leicht.

Für das „Kabeljauragout mit Curry“ braucht man eben Kabeljau­filet, Zitronen und Bananen. Und diese drei Komponenten vor dreißig Jahren mit einem Schlag in der Kaufhalle am Jacques-Duclos-Platz oder in der Sachsendorfer Kaufhalle „Energie“ zu erhalten, wäre ein außerordentlicher Glücksfall gewesen. Darüber machten die DDR-Bürger viele Witze. Tomaten­ketchup galt sozusagen als Drittwäh­rung, nach Mark und DM. Toiletten­papier, Schlagbohrer oder Bettwäsche kaufte der Cottbuser nicht, wenn er sie brauchte, sondern wenn es sie gab. Das setzte das ständige Mitführen von Einkaufsnetzen voraus und führte zu lebhaftem Tausch­handel. Tiefkühltruhen zum Aufbewahren der nicht zeitnah benötigten Lebensmittel waren gefragt. Die Wartezeiten auf PKW, Farbfernseher und Waschmaschinen musste man kennen. Auch hier gab es Tauschmöglichkeiten.

Verwaltung des Mangels

Die Verwaltung des Mangels erledig­ten Staatsapparat und Partei mit gro­ßem bürokratischen Aufwand. Lange Berichte mit den Detailpositionen gin­gen ihren Weg auf den verschiedenen Ebenen. Es gab für die Territorien der DDR unterschiedliche Versorgungs­stufen. Am besten kam Berlin weg. Cottbus gehörte als Arbeiterzentrum auch zu den besser versorgten Städ­ten. Der Rat der Stadt beschäftigte sich auf seinen Beratungen ständig mit der „Versorgung der Bevölke­rung“. In der Januarinformation 1989 wird festgestellt, dass „Kartoffeln und Grobgemüse ausreichend zur Verfügung stehen“. „Keine Bedarfs­deckung gibt es bei Suppengrün und Rosenkohl“. Wein und Sekt waren Problemfelder, aber: „Mit gelber und weißer Spirituosenware wird entspre­chend des Angebots des Großhandels versorgt.“ Fortschritte gab es bei Schnittkäse, da waren sogar zwei Sorten im Angebot. Fazit: „In Detail­positionen reichen die eigenen volks­wirtschaftlichen Möglichkeiten und das begrenzte Importvolumen nach wie vor nicht aus.“

Auf der Grundlage dieser Information wird – nun etwas geschönt – an die Kreisleitung der SED in der Parzellenstraße berichtet. Dort ist von stabiler Grundversorgung die Rede, von der Verbesserung des Frischwarenangebots und von der „günstigen Entwicklung bei Schnittblumen.“ Batterien, Reifen und Trabant-Ersatzteile bleiben Mangelware. „Bei Diät- und Diabe­tikerwaren gibt es Diskrepanzen zwischen Aufkommen und Bedarf.“ Für die Cottbuser war die lücken­hafte Versorgung mit Waren aller Art auch deshalb problematisch, weil parallel zu dem sichtbaren Mangel monatliche statistische Be­richte über Produktion und Handel ein anderes Bild zeigten. Auf dem Papier ging es ständig voran. Die monatliche Eingabenanalyse zeigte je­doch das Gegenteil. An der Spitze der Beschwerdeliste standen das unzurei­chende Angebot und die mangelhafte Qualität von Waren, Dienstleistungen und Reparaturen. Darüber sprachen die Menschen im Januar 1989 immer lauter.

Werner Walde auf Inspektionstour

Ende Januar 1989, vor 30 Jahren, be­suchte Bezirksparteisekretär Werner Walde Handels- und Dienstleistungs­einrichtungen „aller Eigentumsfor­men“ in Cottbus. Inspiziert wurden das „Haus der Dienste“, eine private Fleischerei, die schon erwähnte Kauf­halle am Jacques-Duclos-Platz und eine benachbarte Gaststätte.

Die Cottbuser Tageszeitung bemerk­te richtig, dass Handel und Dienst­leistungen besonders im Blickpunkt der Bürger stehen. Im Bericht über den Besuch des Politbürokandidaten kamen die täglichen Erfahrungen der Käufer jedoch nicht vor. Die Schlangen beim Fleischer blieben ebenso uner­wähnt wie der jammervolle Zustand der Einkaufswagen in der Kaufhalle. Die fast vollständig fehlende Verpa­ckung der verkauften Lebensmittel riefe heute bei den Grünen Begeiste­rung hervor, war damals aber ein Ärgernis. Stattdessen gab es „Ver­pflichtungen der Kollektive zum Republikgeburtstag“ und „Dank für die Förderung des Handwerks durch die Partei“. Mutigste Kritik war die Fest­stellung von „nicht terminge­rechter Warenanlieferung.“

Über die interne Auswertung der Visite des Parteichefs, über Preispolitik und Delikat-Läden berichten wir in der nächsten Woche.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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