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Einführung der Sommerzeit löste 1916 keine Euphorie aus

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten.  Die Zeit ist ein zweifaches Monster. Sie ist erstens das Ungeheuer, dass uns mit tätiger Hilfe des Stundenplanes, der Uhr, des Terminkalenders und des Tagesplanes von der Kindheit bis zum Pflegeheim durch das Leben hetzt. Und sie ist zweitens jene vom Verstand schwer erfassbare Daseinsweise der Welt.

Die Eigenschaften der Zeit sind beschreibbar; sie selbst kann aber nicht erklärt werden. Materiell existiert immer nur das Jetzt. Ein Teil der Zeit ist schon vergangen, der andere steht noch bevor. Oder, wie der Dichter Friedrich Rückert sagt: „Dein Vergangenes ist ein Traum und dein Künftiges ist ein Wind. Hasche den Augenblick, der ist zwischen den beiden, die nicht sind.“

Uns interessiert heute aber ein ganz praktischer Aspekt der Zeit: Der Sinn oder Unsinn der jährlichen Umstellung von der Winterzeit auf die Sommerzeit. Ausgangspunkt für diesbezügliche Überlegungen war immer das Bestreben, das Tageslicht besser zu nutzen und so Energie zu sparen. In Europa kam deshalb die Zeitumstellung im Frühjahr nach der Energiekrise 1973 verstärkt ins Gespräch. Ende der Siebziger führten die westeuropäischen Staaten die Sommerzeit ein, 1979 schloss sich die DDR an und 1980 folgte die Bundesrepublik. Maßgeblich für die Sommerzeit ist in der Gegenwart die „Richtlinie 2000/84/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Januar 2001 zur Regelung der Sommerzeit“.

Bei einem Rückblick stellen wir jedoch fest, dass die Zeitumstellung schon während des I. Weltkrieges praktiziert wurde. Am 30. April 1916 stellten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn die Uhren eine Stunde vor. Ziel war die Energieeinsparung bei den mörderischen Materialschlachten und bei der Rüstungsproduktion. Bald folgten die Kriegsgegner. Nach dem Krieg gingen die Länder, mit Ausnahme Großbritanniens, mehr oder weniger schnell zurück zur Normalzeit.

Der Cottbuser Anzeiger nahm zum Jahreswechsel 1916/17 eine Auswertung der erstmaligen Zeitumstellung vor. Die Fragen der Redaktion lauteten: Hat sich die Sommerzeit bewährt? Soll die auf die bessere Ausnutzung des Tageslichtes gerichtete Maßnahme fortgeführt werden? Die preußische Regierung hatte Erhebungen bei den Schulbehörden, den Vertretungen von Industrie und Handel, Handwerk und Landwirtschaft sowie den Eisenbahndirektionen veranlasst. Untersucht wurden der Umfang der Einsparung von Leuchtmitteln, die mögliche Beeinflussung der Arbeitssicherheit in den Betrieben und die gesundheitlichen Folgen für Schulkinder. Die Ergebnisse fielen 1916 nahezu genauso widersprüchlich aus wie 100 Jahre später.

„Eine grundsätzliche Ablehnung erfährt die Maßnahme in der Landwirtschaft. Die Bauernvereine haben sich dahin ausgesprochen, dass die Sommerzeit zu großen Schwierigkeiten in der Landwirtschaft geführt hat. Gerade in der Zeit, wo die Arbeiten sich am meisten zusammendrängen, wurden erhebliche Störungen empfunden, da die Landbevölkerung und besonders die Kinder zu wenig Schlaf bekämen.“ Für die Schulen war das Echo gemischt. In Cottbus gab es einen ganzjährig einheitlichen Schulbeginn. In den Dorfschulen der Umgebung begann die Schule im Sommer aber eine Stunde eher, weil die Kinder mitarbeiten mussten. Das waren dann während der Sommerzeit zwei Stunden früher. Ausnahme laut Cottbuser Anzeiger: „Im Handel und Gewerbe sind die Erfahrungen fast überall günstig gewesen.“ Summa summarum: „Man darf gespannt sein, zu welchen Ergebnissen die amtlichen Erhebungen gelangen werden.“ Nach Begeisterung klang das nicht.

So ist das auch noch heute. In diversen Umfragen gibt es eine klare Mehrheit zur Abschaffung der Sommerzeit. In einer Studie der EU heißt es jedoch: „Mehr als 20 Jahre nach der Verabschiedung der ersten Richtlinie (zur Sommerzeit) haben ... Landwirtschaft, Fremdenverkehr und Verkehr die Sommerzeit in ihre Aktivitäten integriert ...“ Es wird konstatiert, dass „... alle möglichen Freizeitbeschäftigungen am Abend, da diese nun bei Tageslicht ausgeübt werden können“, befördert werden. Unklar bleibt, „... ob die Sommerzeit ... die Ozonbildung begünstigt oder verringert.“ Der Stromverbrauch für die Beleuchtung geht zurück.

„Allerdings verringern sich diese Einsparungen aufgrund des erhöhten Heizungsbedarfs am Morgen nach der Zeitumstellung.“ Und wie ist es mit der Gesundheit? Hier sagt die Studie: „Bei dem gegenwärtigen Stand der Forschungen und dem heutigen Wissensstand geht man davon aus, dass die meisten Störungen von kurzer Dauer sind und keine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen.“ Das sehen viele Experten zwar völlig anders. Aber laut Brüssel ist die Sommerzeit, wie so viel anderes auch, alternativlos. Bleibt uns nur, mit Wilhelm Busch auszurufen: „So ist nun mal die Zeit allhie‘, erst trägt sie dich, dann trägst du sie, und wann‘s vorüber, weißt du nie!“

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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