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Die Sprem wird zur Fußgängerzone

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Die Straßenführung in der Cottbuser Altstadt hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Johann Friedrich Beuch spricht 1740 von „...acht Straßen, als die sogenannte Sprembergische Straße, Luckowsche Straße, Sandowsche Straße, Mühlen Straße, Neustädter Straße, Tuchmacher Gaße, Kloster Gaße und Hintergaße.“ Auf einem Stadtplan von 1720 ist noch von der „Spremberger Gaße“ die Rede. Jedenfalls war schon im 18. Jahrhundert die Sprem die Erste der Cottbuser Straßen. Wie kaum eine andere hat sie in den Jahrhunderten häufig ihr Bild gewechselt.

Teil der Stadtbefestigung

Aus der ganz frühen Zeit ist nur der Spremberger Turm geblieben. Er war Bestandteil des Spremberger Tores, der repräsentativen Toranlage im Süden der Stadt, ein wichtiger Teil der Cottbuser Stadtbefestigung. Aus den Holzkaten der Spremberger Gasse wurden später Fachwerkhäuser. Auf den unbefestigten schmalen Weg schütteten die Anwohner Abfälle und den Inhalt der Nachtgeschirre. Im 18. Jahrhundert gab es dann eine massive, zweigeschossige Bebauung. Aus den Ackerbürgerhöfen wurden Bürgerhäuser mit der Straße zugewandten Schmuckgiebeln.

Cottbus entwickelt sich

In der Zeit der Entwicklung von Cottbus zur respektablen Mittelstadt, von 1890 bis zum I. Weltkrieg, entstanden dann die viergeschossigen Miets- und Geschäftshäuser, in denen renommierte Firmen wie Babel, Heine, Melde und Sack ihren Sitz hatten. Mit den Kaufhäusern Waldschmidt und Schocken zog eine neue Handelskultur ein. An Stelle der Ruinen, die der faschistische Krieg hinterließ, bauten die Cottbuser in den Fünfzigern Zweckbauten, die sich in das Gesamtbild der alten Straße einfügten.

„Cottbus Großstadt nun, Hurra!“

Als Teil der Handelsroute zwischen Böhmen und Sachsen nach Frankfurt/Oder war die Sprem von Anfang an viel befahren. Mit der Einrichtung der Posthalterei Mitte des 18. Jahrhunderts, ungefähr dort, wo sich heute der „Durchbruch“ befindet, verstärkte sich der Verkehr. Ab 1866 starteten in der Sprem die Droschken zum Bahnhof. Und dann, 1903, hieß es „Cottbus Großstadt nun, Hurra!“ und die Elektrische fuhr durch die Einkaufsstraße. Für Verkehr sorgten auch die drei noblen Cafes Seidel gegenüber dem Spremberger Turm, Gerlach und am anderen Ende der Straße Reinsberg. Spezialität dort war der Cottbuser Baumkuchen.

Gestaltung der Stadtpromenade

Aber bald endete die Zeit, in der die Menschen auf Fabrikschornsteine und Verkehrsgewimmel stolz waren. Auf dem V. Parteitag der SED 1958 war der  Beschluss zur Beseitigung aller Kriegsspuren und zur baulichen Vollendung der zerstörten Zentren in den sogenannten „Aufbaustädten“ gefasst worden. In Cottbus ging das recht schleppend voran. Hier begann dieser Prozess mit dem Bau des Konsument-Warenhauses und der Gestaltung der Stadtpromenade.

Fußgängerboulevard wird umgesetzt

Aber nun, nach der Dresdener Prager Straße und der Kröpeliner Straße in Rostock wollten auch die Cottbuser ihren verkehrsbefreiten Fußgängerboulevard. Am 6. Oktober 1976, vor 40 Jahren, war es soweit.

Die Lausitzer Rundschau berichtete: „Das Gesicht unserer alten Sprem hat sich sehr zu ihrem Vorteil verändert. Im Beisein prominenter  Persönlichkeiten der Bezirksstadt, unter ihnen Dr. Gerhard Oecknick, Sekretär der Bezirksleitung der SED, und Irma Uschkamp, Mitglied der Bezirksleitung der SED und Vorsitzende des Rates des Bezirkes, wurde gestern am Vorabend des Nationalfeiertages unserer Republik die Spremberger Straße als neugestalteter Fußgängerbereich übergeben.“ In nur fünf Monaten Bauzeit waren unterirdische Leitungen erneuert und Gehwegplatten verlegt worden.

Neue Gestaltungselemente

Zur Neugestaltung gehörten Sitzbereiche, Plastiken, Pflanzanlagen und Kugelleuchten. Der Sorbenbrunnen fand seinen Platz vor der Schlosskirche. Voraussetzung für die Fußgängerzone war die neue Führung der Straßenbahn durch die Stadtpromenade ab 1974. Dafür entstanden der Haltestellenbereich und die elegante Brücke zwischen dem Sternchen und der Buchhandlung.

Stadtzentrum hatte Charme

Betrachtete man Sprem und Stadtpromenade als Einheit, hatte der LR-Kommentator mit seiner Einschätzung, dass hier die Bewahrung des „Traditionellen im Neugeschaffenen“ gelungen war, durchaus Recht. Das Cottbuser Stadtzentrum mit dem Fußgängerboulevard, dem Jugendclub „Stadtwächter“, den Pavillons und der Stadthalle hatte Charme. Dass die Häuser der Nebenstraßen der Sprem, der Burgstraße, der Töpferstraße und der Neustädter Straße nur zusammenhielten, wenn sie durch massive Losungen gestützt wurden, steht auf einem anderen Blatt. Für den angrenzenden Thälmann-Platz war in der DDR eine weniger behutsame Erneuerung geplant. Die Verhinderung des Abrisses der schönen Häuser gehörte dann auch zu den ersten Beschlüssen des Runden Tisches Anfang 1990.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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