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Die goldene Amtskette wird gegen eiserne Kette getauscht

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Vor 100 Jahren

Amtsketten sind Teile der Amtstracht von Bürgermeistern und Universitätsrektoren. Die Kette legitimiert den Träger als Amtsinhaber und zeigt ihn als ersten Bürger und Repräsentant seiner Stadt bzw. als ersten Angehörigen der Universität. Amtsketten sind Insignien städtischer bzw. universitärer Selbstverwaltung und Selbständigkeit. Sie sind für den Träger und Amtsinhaber das, was „Krone und Bischofsstab für weltliche Herrscher und hohe kirchliche Würdenträger“ sind. Amtsketten für Bürgermeister verbreiteten sich im 19. Jahrhundert, als prachtvolle Uniformen bei offiziellen Anlässen das Bild bestimmten. Mit einer solchen Kette konnten sich auch zivile Amtsträger mit einer sichtbaren Auszeichnung optisch hervortun. Ausgangspunkt dafür war die „Ordnung für sämtliche Städte der preußischen Monarchie“ des Freiherrn vom Stein von 1808, die die Verwaltung in die Hände der Bürger legte und als Zeichen dieser Souveränität in größeren Städten „goldene Ketten mit goldenen Medaillen“ anregte.  

Die Geschichte der Cottbuser Amtskette ist allerdings erheblich kürzer. Erst 1908 entschlossen sich die Cottbuser Stadtverordneten, für Oberbürgermeister Paul Werner ein solches Zeichen der Würde als Stadtoberhaupt anfertigen zu lassen. Der Auftrag ging an die Hofgoldschmiede Sy & Wagner in Berlin. Die lieferte im Jahr 1911 „1 goldene Oberbürgermeister-Kette nach Zeichnung mit dem brandenburgischen u. preußischen Adler sowie dem Stadtwappen von Cottbus in Emaille; Kette in 14 Karat Gold, Portraitmedaille in Feingold, einschließlich eines Etuis“. Das gute Stück kostete immerhin 2059 Mark, das wären heute über 25.000 Euro. Es war dies die goldene Zeit der Stadt Cottbus. Die Niederlausitzmetropole hatte sich mit Theater, Elektrischer und Kanalisation eine stattliche Infrastruktur zugelegt. Da konnte man sich wohl auch eine goldene Kette leisten.

Aber die Freude daran währte nicht lange. Vor 100 Jahren, 1917, befanden sich das Reich und Cottbus im dritten Kriegsjahr. Die goldenen Zeiten waren dem „Steckrübenwinter“ gewichen. An der Westfront war das kaiserliche Heer nach den beiderseits schrecklichen Verlusten von Verdun zur Defensive übergegangen. Im Februar nahm die Kriegsmarine den unbeschränkten U-Boot-Krieg wieder auf. Der Kriegseintritt der USA zeichnete sich schon am Horizont ab. Die Medien beider Seiten warben mit Hetze und Halbwahrheiten – heute würden wir sagen Fake News - für Kriegsanleihen. Der Cottbuser Anzeiger ermahnte seine Leser zur Zeichnung solcher Anleihen und zur Goldabgabe mit dem rassistischen Argument: „Denkt daran, dass Frankreich gegen Eure Söhne, Brüder und Väter im Felde farbige mordgierige Bestien in Menschengestalt hetzt.“ Gemeint war der Einsatz von Soldaten aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs. 

Die Stadtverordnetenversammlung vom 29. März 1917 stand dann auch ganz im Zeichen des Krieges. Vorsteher Max Grünebaum und Oberbürgermeister Hugo Dreifert mühten sich redlich, die Tagesordnung mit den Themen Kriegsnotstandsarbeiten, Kriegsnotgeld und der Zeichnung von einer halben Million Mark für den Krieg aus dem städtischen Haushalt abzuarbeiten. Zuletzt musste dann auch die Oberbürgermeisterkette dran glauben. Als dringlich wurde behandelt und beschlossen „... die Abgabe der goldenen Amtskette des Oberbürgermeisters an die Goldsammelstelle und ihren Ersatz durch eine eiserne Amtskette in gleicher Form.“ Den Niedergang konnten diese Opfer nicht aufhalten. Anderthalb Jahre später rollten noch ganz andere Insignien der Macht „über das Straßenpflaster“. 

Erst 75 Jahre später stand das Thema Amtskette in Cottbus wieder auf der Tagesordnung. Am 29. April 1992, auf der Stadtverordnetenversammlung, die den Beschluss zur Durchführung der Bundesgartenschau 1995 fasste, überreichte Parlamentsvorsteher Klaus-Bernhard Friedrich Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt die neue Kette. Sie war diesmal natürlich nicht aus Gold. Die Lausitzer Rundschau berichtete: „Metallgestalterin Petra Zimmermann verlieh Kettengliedern aus getriebenem Silber die Form stilisierter Krebse. Buchbinder Reinhard Kussagk spendierte die Schatulle.“ Das Schmuckstück brachte den Cottbusern mit der erfolgreichen BUGA durchaus Glück. Nicht von allen märkischen Amtsketten konnte man das sagen. Dem Potsdamer OB ging sie 1997 zeitweise verloren. Bald darauf wurde er abgewählt.

Die Cottbuser Amtskette jedoch war seit 1992 bei den entscheidenden Höhepunkten in unserer Stadt dabei. Waldemar Kleinschmidt trug sie zur BUGA-Eröffnung und zum Empfang des FC Energie nach dem Aufstieg in die 1. Bundesliga. Bei den Feierlichkeiten zum 850. Geburtstag von Cottbus war Karin Rätzel die Inhaberin der Kette. Frank Szymanski empfing mit ihr Bundeskanzlerin Merkel. Seit 2014 trägt Oberbürgermeister Holger Kelch zu offiziellen Anlässen das Zeichen des ersten Bürgers der Stadt.

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