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Deutsch-deutsche Städtepartnerschaft: Cottbus – Saarbrücken

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Die Meldung vom Herbst 1986 war schon eine kleine Sensation: „Ein Vertrag über die Städtepartnerschaft zwischen Eisenhüttenstadt und Saarlouis wurde am Freitag während eines Festaktes im Theater der saarländischen Industriestadt unterzeichnet.“ Es folgten 1987 Schwerin und Wuppertal, Lübben und Neunkirchen (mit dem Ortsteil Wiebelskirchen, dem Geburtsort Erich Honeckers) sowie Jena und Erlangen. Als fünfte deutsch-deutsche Städtepartnerschaft schlossen Cottbus und Saarbrücken im Frühjahr 1987 einen Vertrag ab. Erleichtert wurden die Abkommen sicherlich durch den Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik und durch seine Gespräche mit Oskar Lafontaine im gleichen Jahr. Die LR teilte über die Unterzeichnung im März 1987 im Cottbuser Theater mit, dass vereinbart war, „den Informationsaustausch zwischen den Organen der Städte, kommunalen Einrichtungen und gesellschaftlichen Organisationen zu fördern.“ Am 12. Mai, vor 30 Jahren, besiegelten beide Seiten dann in einem Festakt in Saarbrücken endgültig den Partnerschaftsvertrag. Dort war die Rede ziemlich allgemein von „der Anerkennung der besonderen Verantwortung der BRD und der DDR für die Sicherung des Friedens“, vom „Stopp des Wettrüstens“ und „friedlicher Koexistenz“. Es kam jedoch auch zu etlichen Begegnungen von Menschen aus der Niederlausitz und dem Saarland. Am Ende besuchten zwischen 1987 und 1989 weit mehr als hundert Cottbuser die Partnerstadt im Westen. Und es waren nicht nur, wie heute an manchen Stellen pflichtgemäß behauptet, SED-Mitglieder oder ausgewählte „Reisekader“. Allerdings warfen die „Genossen vom Nordrand“ ein Auge auf Gäste und Reisende. Diese Überwachung war entweder  dilettantisch oder so offensichtlich angelegt, dass sie bemerkt werden sollte                                     

Warum ließ sich die DDR-Führung auf diese Städtepartnerschaften ein, die doch ohne Zweifel zum Konzept „Wandel durch Annäherung“ gehörten? Die „Zeit“ stellte damals die Zielsetzung der Bundesrepublik fest: „In den Städtepartnerschaften stecken viele Gelegenheiten, westliches Selbstverständnis ebenso behutsam wie offensiv zu vertreten.“ Es war wohl auf der DDR-Seite der Drang, international gleichberechtigt aufzutreten. Und dazu gehörte nun mal ein Minimum bei der Einhaltung der Helsinki-Verpflichtungen. Honecker wollte auf der internationalen Bühne auf Augenhöhe mit westlichen Politikern stehen. Wenn es aus wirtschaftlichen Gründen aus SED-Sicht nicht möglich war, allen Bürgern Reisefreiheit zu geben, dann waren doch gegenseitige Besuche von Künstlern, Sportlern und (wenigen) Jugendlichen eine akzeptable Vorzeigebewegung. 

Saarbrücken passte gut zu Cottbus. Für den braven DDR-Bürgers war es Ende der Achtziger eine attraktive Stadt. Der Honecker-Besuch 1987 bescherte den Cottbusern Fernsehbilder der Hauptstadt des Saarlandes. Die Ludwigskirche, das Rathaus St. Johann und der Braugasthof „Zum Stiefel“ konnten sich sehen lassen. Die Cottbuser Filmenthusiasten begeisterten sich für das Max-Ophüls-Festival und den Parkfreunden war der damals noch topgepflegte Deutsch-Französische Garten zumindest vom Namen her bekannt. Beeindruckt war man in der Niederlausitz auch von dem populären und redegewaltigen Ministerpräsidenten des kleinen Bundeslandes. Oskar Lafontaine, der bis 1985 Saarbrücker Oberbürgermeister war, unterschied sich wohltuend von den steifen DDR-Oberen. Nun war der Westen zwar nicht ganz so toll, wie es die Fernsehwerbung vermuten ließ. Dem Kunden aus Sandow kam aber jeder Saarbrücker Supermarkt, in dem die Hundefutterabteilung mehr Vielfalt anbot als die ganze HO-Kaufhalle am Jacques-Duclos-Platz, mächtig und gewaltig vor. Der Baumarkt gar schien das Paradies zu sein.

Einer der Höhepunkte beim Kulturaustausch war der Besuch der Saspower Dixieland Stampers zum Saarbrücker Altstadtfest 1988. Die zahlreichen Auftritte der Jazz-Musiker um Horst Kaschube auf den Bühnen in der Stadt wurden mit enthusiastischem Beifall aufgenommen. Die Cottbuser lernten beim Klub der kochenden Männer „Dibbelabbes“ kennen, warfen einen kurzen Blick in das benachbarte Frankreich und staunten über die offene Grenze am Stadtrand. Die Band kam bei den Saarbrückern so gut an, dass sie im folgenden Jahr erneut eingeladen wurde. Das war im Juni 1989. In den folgenden Monaten kam es in der DDR zur friedlichen Revolution. Zu den eher hilflosen Maßnahmen gegen das Aufbegehren der eigenen Bevölkerung gehörte in Cottbus die Erklärung des Rates der Stadt, die im Partnerschaftsvertrag verabredeten Kontakte auf Eis zu legen, weil sie von Saarbrücker Seite zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten genutzt würden. Eine der ersten Handlungen des im Dezember gewählten neuen Oberbürgermeisters Waldemar Kleinschmidt war dann auch die Kontaktaufnahme und Wiederbelebung der Zusammenarbeit mit Saarbrücken. Am 2. März 1990, unmittelbar vor den ersten freien Wahlen, reiste der OB mit einer Delegation des Cottbuser Runden Tisches in die Partnerstadt. Die dort verabredeten Hilfestellungen für den Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung sind in unserer Stadt bis heute wirksam.                                    

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