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Der Tertiärwald erzählt die Geschichte der Niederlausitz

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - vor 30 Jahren -

Werbefachleute sprechen von Alleinstellungsmerkmalen. Damit sind herausragende Leistungsmerkmale gemeint, durch die sich eine Stadt von anderen unterscheidet, ein Versprechen auf Einzigartigkeit. Cottbus besitzt solche Einzigartigkeiten. Da sind Park und Schloss Branitz. Eine selbstbewusste Bürgerschaft schuf sich dann ein prachtvolles Theater im späten Jugendstil. Und in der jüngeren Zeit verbanden die Cottbuser mit unnachahmlichem Schwung den Übergang zur Marktwirtschaft mit der Präsentation der ersten Bundesgartenschau in den neuen Ländern. Dort, auf dem Gelände der BUGA 95, im heutigen Spreeauenpark, befindet sich ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Cottbus, der Tertiärwald. Dieses exotische Stück Natur, in dieser Form einmalig in Europa, verdanken wir Ursula und Rolf Striegler und dem von ihnen inspirierten Naturwissenschaftlichen Verein der Niederlausitz. 

Der Tertiärwald im Spreeauenpark in Cottbus ist die Nachgestaltung eines Urwaldes in der Flussniederung der Ur-Elbe, wie er vor 10 Millionen Jahren in der Niederlausitz existierte. Grundlage dafür sind die Fossilfunde aus einer Tongrube nördlich von Lauchhammer. Verwendet wurden bei der Anlage des Tertiärwaldes heute lebende Pflanzenarten, die den damaligen fossilen Pflanzenarten am nächsten verwandt sind, Pflanzenarten also, die während der Eiszeiten in der Niederlausitz ausgestorben waren, deren nur gering weiterentwickelte Nachkommen anderswo aber noch existierten. 

Gegliedert ist der Tertiärwald in verschiedene Biotope, wie sie in Flussniederungen infolge unterschiedlicher Wasserstände im Jahreslauf vorkommen: In Sumpfwald, wo der Boden fast ständig von Wasser bedeckt ist, in Auwald, wo es Überflutung nur bei Hochwasser gibt, und in Buchen- und Eichenwald oberhalb der Hochwasserlinie. Die Landschaftsnachbildung mit der Flora des Tertiärs, der Flora zur Zeit der Entstehung der Braunkohle, ist nicht nur ein wichtiger wissenschaftlicher und pädagogischer Beitrag für die Stadt. Der Tertiärwald gehört zum Selbstbewusstsein von Cottbus, dass viele Jahrzehnte das administrative Zentrum der Kohle- und Energiewirtschaft war, eine Periode, auf die man mit Stolz zurückblicken kann.

Ausgangspunkt für die Idee des Tertiärwaldes waren Ausgrabungen in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Vor der Überbaggerung sicherten Cottbuser Geologen über 11.000 Tonplatten mit Abdrücken oder inkohlten Resten von Blättern und Nadeln, aber auch Samen, Früchten und Zapfen. Diese Funde ließen eine detaillierte Kenntnis der Pflanzengesellschaften des Tertiärs zu. Zunächst war für die Nachgestaltung einer Tertiäranpflanzung ein Garten in der Einflugschneise des Flugplatzes ins Auge gefasst. Als sich dann aber abzeichnete, dass 1990 in Cottbus die Arbeiterfestspiele stattfinden sollten,  griffen Ursula und Rolf Striegler beherzt zu. Jene alle zwei Jahre abgehaltenen Festspiele waren eine Gelegenheit, der sozialistischen Planwirtschaft einige Extras abzutrotzen. Und so begann ab 1987, vor 30 Jahren, die Realisierung für den nun größer angelegten wissenschaftlichen Urwald, nun im Zusammenhang mit einer Verschönerung des Tierparks geplant. Der zunächst illegale Pflanzungsbeginn wurde von den Behörden toleriert und der Tertiärwald in die Planung integriert. Zwischen der Spree, dem damaligen Bezirkspionierpark und dem als Fahrschulparcours genutzten Pressefestgelände wuchs die botanische Attraktion heran.

Wir wissen, dass dann Einiges anders kam. Anstelle der sozialistischen Arbeiterfestspiele stand nach der Wende eine nationale Gartenausstellung ins Haus. Das schon fast fertige Striegler-Projekt befand sich auf einmal im Zentrum des Bundesgartenschaugeländes. Es wurde sozusagen zum Kern der BUGA 95 und mit dem Thema Erdzeitalter der Braunkohleentstehung auch zum lausitztypischen Element. Mit den sprudelnden Fördermitteln konnten nun Träume realisiert werden. Der Tertiärwald wurde um das Kohlemoor, den Mammutbaumstubben und die Findlingsallee ergänzt. 

Der bunte Sumpfwald im Herbst, der verschneite Zauberwald und das prächtige Grün im Frühling und im Sommer: Der Tertiärwald ist in jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Der Naturwissenschaftliche Verein der Niederlausitz lädt zum 30. Geburtstag zu einigen besonderen Veranstaltungen ein. Am 25. März um 13:00 Uhr spricht Ursula Striegler im neuen Stadtmuseum über die Geschichte des Tertiärwaldes. Ostermontag können Eltern mit ihren Kindern Ostereier suchen. Früh raus muss, wer mit Dr. Helmut Schmidt am 7. Mai zur Vogelstimmenführung gehen will. Die Zusammenkünfte der Tertiärwaldfreunde finden ab April jeden Donnerstag ab 14:00 Uhr statt. Gäste und Helfer sind immer willkommen.

Ursula und Rolf Striegler wünschen sich für die Zukunft des Tertiärwaldes, dass der Bestand gesichert und unter kompetenter Betreuung weiter entwickelt wird, so dass er für die Stadt ein interessantes Vorzeigeobjekt bleibt, welches Cottbuser und Gäste gern besuchen.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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