Der junge Pückler in Aachen – Bälle, Pferde und Glücksspiele

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 200 Jahren -

Aus den Wirren der fran­zösischen Revolution hatte sich ein Genie erhoben, ein Kaiser, der die europäischen Karten völlig neu mischte. Nach beispiellosen politischen und militärischen Erfolgen, nach Siegen an den Pyramiden, in Austerlitz und Jena verließ Napoleon jedoch sein Stern. In Borodino wendete sich das Blatt, und bei Leipzig und zuletzt in Waterloo unterlag er den vereinigten Russen und Preußen. Auf dem Wiener Kongress gestalteten die Sieger dann das Nachkriegseuropa neu. Drei Jahre später, im Jahr 1818, vor 200 Jahren, trafen sich in Aachen die Führer der europäischen Großmächte, die Heilige Allianz, um Bilanz zu ziehen und den Kriegszustand zu beenden.

Auf jenem Aachener Kongress beschlossen Rus­sen, Preußen, Briten und Österreicher, die Besatzungstruppen aus Frankreich abzuziehen, die Reparationszahlungen zu reduzieren und Frankreich in das Bündnissystem einzubeziehen. Nicht nur nebenbei ging es der Allianz auch um Beschlüsse gegen aufkommende demokratische Bestrebungen.

Nach Aachen kamen im Spätherbst 1818 die Großen des Kontinents. Der starke Mann war Kaiser Alexander in Begleitung des späteren russischen Kanzler Karl Robert von Nesselrode. Österreichs Kaiser Franz I. erschien an der Seite Metternichs. Die Briten waren mit Außenminister Castlereagh und dem Waterloo-Sieger Wellington in Aachen. Frankreich schickte Herzog Richelieu. Am prominentesten vertre­ten waren die preußischen Gastgeber und damit wären wir bei Pückler ange­kommen. Aus Berlin reisten in das seit 1815 zu Preußen gehörende Aachen König Friedrich Wilhelm III., der Kron­prinz (später König Friedrich Wilhelm IV.), der Prinz (später Kaiser Wilhelm I.) und Staatskanzler Karl August von Hardenberg, Pücklers Schwiegervater, an.

Pückler sieht eine Chance

Hermann von Pückler-Muskau war im Herbst 1818 33 Jahre alt geworden. Er war zuvor in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien herumgereist. In Muskau, dessen Standesherr der Graf seit 1811 war, begann Pückler mit der Parkgestaltung. Im Oktober 1817 hatte er Gräfin Lucie von Pap­penheim, die Tochter Hardenbergs ge­heiratet. Nun war der junge Adlige auf der Suche nach einem einträglichen Job, möglichst im Staatsdienst, oder, wie man heute sagt: in der bezahlten Politik. Und da Pücklers Sehnsuchts­orte außerhalb von Europa lagen, träumte er von einem diplomatischen Posten bei der Goldenen Pforte in Konstantinopel. Wo hätte man in diesem Herbst besser Verbindungen knüpfen können, besser auf sich auf­merksam machen, als bei jenem Gip­feltreffen in Aachen?

Gemeinsam mit Lucie reiste er über Kassel, Frankfurt und Metz zunächst nach Paris. Dort verbrachte das Paar fast drei Monate mit Besichtigungen, Museen und Theateraufführungen. Anschließend trennten sich Pückler und seine Frau. Lucie reiste zurück nach Muskau und der Graf fuhr über Koblenz und Köln in die Kaiserstadt Aachen. Dort begann Ende September der Kongress. Zeitgenössische Quel­len beschrieben das Gipfeltreffen so: „Der Kongress begann am 30. Sept. 1818 und endete am 21. November. Sein nächster Zweck war die Zurück­ziehung des 150 000 Mann starken Okkupationsheeres aus Frankreich; sodann die Wiederaufnahme Frank­reichs in den Bund der Großmächte.“ Die fünf Mächte unterzeichneten „... ein Protokoll, das im Geiste der Heili­gen Allianz die Grundsätze der künf­tigen Politik aussprach, und in Form einer Deklaration allen übrigen Kabi­netten Europas mitgeteilt wurde.“

Pückler tanzt und spielt

Von alldem ist in Pücklers Briefen an Lucie und seinen Bekannten zu Hause nichts zu spüren. Der spätere Fürst berichtet von Pferderennen und Pferdekäufen, von Glücksspielen, Konzertbesuchen und immer wieder vom Versuch, zu seinem Schwieger­vater vorzudringen. Er „... gibt große Diners, ohne mich zu bitten ...“ Bei anderen hatte er mehr Glück: „Der Kronprinz und Prinz Wilhelm waren sehr freundlich und gesprächig mit mir ...“

Einen Einblick in das Seelenleben des jüngeren Pückler gibt seine Schil­derung des Schlachtfeldes von Water­loo. Etwas übermütig schreibt er Lu­cie: „Es ist wahrhaftig nicht so schwer eine Schlacht zu kommandieren, als man glaubt. Ruhige Fassung und rich­tiger Blick mögen ohne große Kennt­nisse hinreichen.“ Anteilnahme an den 45 000 Toten und Verwundeten schimmerte an keiner Stelle durch, nur die Überzeugung, dass er es hätte genauso gut machen können, wie die Akteure von Waterloo, Blücher und Wellington.

P.S.: Mit dem diplomatischen Job wurde es nichts. In den Orient reiste der Fürst erst 16 Jahre später und dann auf eigene Kosten.

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