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Der Freitod des Schauspielers Joachim Gottschalk

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. In Sophokles Tragödie „Antigone“ verbietet Kreon, der König von Theben, die würdige Beisetzung des Polyneikes. Antigone, die Schwester des Toten, widersetzt sich und wird zur Strafe lebendig eingemauert.

Das löst eine Serie von Selbstmorden aus. Antigone, dann Kreons Sohn und schließlich dessen Frau legen Hand an sich. Dieses zeitlose Stück über die Höhen und Abgründe der menschlichen Existenz stand auf dem Spielplan einer besonderen Aufführung im Cottbuser Stadttheater.

Freitod gewählt

Zur Jahrhundertfeier des Staatlichen Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums 1920 brachten Schüler und Lehrer der Cottbuser Schule das antike Werk auf die Bühne. In der Rolle des Kreon weist der Programmzettel den 16-jährigen Joachim Gottschalk aus. Der Obersekundaner, dessen schauspielerisches Talent schon früh entdeckt wurde, konnte nicht ahnen, dass auch er einst von einem unmenschlichen Herrschaftssystem in den Tod getrieben würde. Gottschalk wählte am 6. November 1941, vor 75 Jahren, am Tag vor der geplanten Deportation seiner Frau für sich und seine Familie den Freitod. Er wollte seine Liebsten nicht an die Nazi-Mörderbande verraten.

Aus dem Leben

Der 1904 in Calau geborene junge Mann besuchte als Cottbuser Gymnasiast häufig das Stadttheater und gründete selbst einen literarischen Zirkel. Da der Vater früh gestorben war und das kleine, für die Ausbildung des Jungen vorgesehene Vermögen als Kriegsanleihe verloren ging, mussten die Träume von der Schauspielschule zunächst aufgegeben werden. Joachim Gottschalk fuhr erst einmal vier Jahr zur See. Als Matrose zwischen Valparaiso und Hamburg sparte er jeden Pfennig. Dann aber begann der  Schauspielunterricht, zuerst in Cottbus und später in Berlin. Schon nach einem Jahr erhält der talentierte Eleve 1927 sein erstes Engagement. Für 200 Mark Monatsgage zieht er mit einer Wanderbühne durch die süddeutsche Provinz. Dort lernt Joachim Gottschalk Meta Wolff kennen, ebenfalls Schauspielerin. Die junge Jüdin lässt sich, ihrem Zukünftigen zuliebe, evangelisch taufen. 1931 wird geheiratet, der Sohn Michael zwei Jahre später geboren.

Wechselvolle Ereignisse

Für Gottschalk beginnen mit der Errichtung der Nazidiktatur Jahre mit höchst wechselvollen Ereignissen. Der erfolgreiche Mime erobert schnell die großen deutschen Bühnen und feiert in Leipzig, Frankfurt und an der Berliner Volksbühne Triumphe. Ab 1938 ruft ihn die boomende Filmindustrie. Mit „Du und Ich“, „Aufruhr in Damaskus“ und „Flucht ins Dunkel“ gelingen ihm an der Seite von Brigitte Horney große Erfolge. Die Kritik spricht vom „deutschen Clark Gable“. Als Joachim Gottschalks bester Film gilt „Das Mädchen von Fanö“, ebenfalls mit Brigitte Horney. Gleichzeitig legt sich ein dunkler Schatten über die junge Familie. Seine Frau Meta hat als Jüdin schon seit 1934 Auftrittsverbot. Gottschalk selbst benötigt „als jüdisch Versippter“ eine „Sonderauftrittserlaubnis des Propagandaministeriums“. Goebbels braucht den begnadeten Schauspieler. Eine menschlichen Lösung für die Familie Gottschalk kommt für ihn aber nicht in Frage. Der Künstler wird aufgefordert, sich von seiner Frau zu trennen.

Als sich Regisseur Veit Harlan beim Propagandaminister für die Familie einsetzt, rastet der  Naziführer aus. Für den Fall einer Scheidung will er als höchstes Zugeständnis die Ausreise von Frau und Kind in die Schweiz genehmigen: „Soll er doch seine Conte (Hure) hinschicken, wo der Pfeffer wächst!“ Das lehnt Gottschalk ab.

Überdosis Schlaftabletten

Ab Mitte 1941 ändern die Gewalthaber ihre Strategie. Wollte man bis dahin alle Juden aus Deutschland vertreiben, trat nun die „Endlösung“ in Kraft, die Deportation und Ermordung aller europäischer Juden. Jetzt ging es auch für Meta Gottschalk und ihren Sohn um Leben oder Tod. Brigitte Horney reiste noch in die Schweiz, um dort wegen eines Engagements für ihren Filmpartner zu sondieren. Als sie jedoch zurückkehrte, waren die Gottschalks tot, gestorben an einer Überdosis Schlaftabletten.

Tragische Geschichte

Der Propagandaminister notierte im November 1941 zynisch in seinem Tagebuch: „Am Abend kommt noch die etwas peinliche Nachricht, dass der Schauspieler Gottschalk, der mit einer Jüdin verheiratet war, mit Frau und Kind Selbstmord begangen hat. ... Ich sorge gleich dafür, dass dieser menschlich bedauerliche, sachlich fast unabwendbare Fall nicht zu einer alarmierenden Gerüchtebildung benutzt wird.“ Goebbels befahl, dass der Suizid des UFA-Stars in den Medien verschwiegen und Nachrufe unterdrückt wurden. Auch im Cottbuser Anzeiger fand sich dazu kein Wort. Gleichzeitig gab er Order, dass sich prominente Künstler nicht an der Beisetzung beteiligen dürfen. Brigitte Horney, Gustav Knuth und einige UFA-Kollegen setzten sich mutig über das Verbot hinweg, wohl wissend, dass der Stahnsdorfer Friedhof streng überwacht wurde.
Mit Kurt Maetzigs Drama „Ehe im Schatten“ wurde der tragischen Geschichte der Familie Gottschalk 1947 ein filmisches Denkmal gesetzt.

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