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Der Cottbuser Anzeiger fragt: Was geht in Russland vor?

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten.  Für die Schönen und Reichen, aber auch für die Unheimlichen und Mystischen haben sich die Menschen von jeher interessiert. Dieses Bedürfnis bediente auch der Cottbuser Anzeiger. Als vor 100 Jahren in Sankt Petersburg Rasputin tot aus der Newa gezogen wurde, fragte das Blatt: „Was geht in Russland vor?“ und berichtete ausführlich über das Attentat. „Wie Petersburger Blätter zu berichten wissen, soll der Mönch bereits am Sonnabendmorgen im Palast des Fürsten Jussupow ermordet worden sein.“

Was war geschehen? Seit dem Jahr 1904 mischte der mysteriöse Gregori Jefimowitsch Rasputin die Sankt Petersburger Gesellschaft auf. Zugang zur Herrscherfamilie in Zarskoje Zelo erhielt der Geistliche wegen der Bluterkrankheit des Zarewitsch Alexej. Schon kleinste Verletzungen konnten zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Der aus Westsibirien stammende Rasputin besaß die erstaunliche Fähigkeit, Blutungen durch seine bloße Anwesenheit zum Stillstand zu bringen. Die Zarin Alexandra sah deshalb im Erscheinen des Wundermönches die Antwort auf ihre inständigen Gebete. Da die Bluterkrankheit des Zarewitschs geheimgehalten wurde, wob sich bald ein Netz von Gerüchten um die häufige Anwesenheit Rasputins im Palast. Jedenfalls war der Geistheiler ein beliebtes Thema bei der russischen und bald auch bei der internationalen Presse.

Der Gottesmann galt nicht als Kind von Traurigkeit. Er neigte zum Alkohol und war bei seinen Affären mit Damen verschiedener Gesellschaftsschichten nicht unbedingt wählerisch. „Liederlicher Lebenswandel“, Marienerscheinungen und inbrünstige Gläubigkeit bildeten bei ihm keinen Widerspruch. Wilde Sexorgien oder skandalöse Beziehungen zu Frauen der höchsten Gesellschaft oder sogar des Hofes, wie auch vom Cottbuser Anzeiger behauptet, waren aber wohl Erfindungen der Regenbogenpresse. Zunächst ging es um angebliche Vertraulichkeiten mit den Zarentöchtern, dann allerdings verdichtete sich das Gerücht, dass der Mönch an der Politik vorbei den Zaren lenkte. Richtig ist, dass Rasputin bei der aus Deutschland stammenden Kaiserin für seine Anliegen Gehör fand. Er setzte sich für Beförderungen ein und gab auch politische Ratschläge. Insgesamt ist sein Einfluss auf die Politik von Zar Nikolai II. jedoch stets überschätzt worden.

Dass der Vertraute der Zarin schließlich zum Sündenbock erklärt und zum Staatsfeind ausgerufen wurde, lag an der widersprüchlichen Situation im russischen Reich, die sich im I. Weltkrieg weiter zuspitzte.
Wie war die Lage Ende 1916, also vor 100 Jahren? Die katastrophale Situation an den Fronten mit zwei Millionen Gefallenen ließ die anfängliche Kriegsbegeisterung verfliegen. Die Versorgung mit Nahrungsgütern brach wegen der eingezogenen Bauern zusammen. Hungerdemonstrationen bestimmten die Situation in den Städten. Die politische Klasse suchte nach Auswegen. Einer davon war die Erklärung Rasputins zum Schuldigen. In der Duma erklärten einflussreiche Politiker: „Finstere Kräfte sind es, die das Land regieren und den Willen des Herrschers in Fesseln legen. … Dies alles geht von Rasputin aus. Die Existenz des Reiches ist bedroht.“

Das war der Aufruf zum Mord! Das Attentat vom 17. Dezember, nach orthodoxer Zeitrechnung vom 30. Dezember, auf den vermeintlich deutschfreundlichen Wunderheiler ist vielfach beschrieben worden. Die Verschwörer um Felix Fürst Jussupow standen sicher in Verbindung mit Geheimdiensten der Entente-Mächte. Angeblich überlebte Rasputin größere Mengen Zyankali und Dutzende Revolverkugeln. Gebunden ins eiskalte Wasser der Newa geworfen, soll er vor seinem Tod noch die Stacheldrahtfesseln gelöst haben. Aber das sind Legenden. Untersuchungen zur Todesursache stoppte der Zar. Es gibt nur die Aussagen der Attentäter. Und die wollten mit der Behauptung der unheimlichen Überlebenskraft des Mönches auf dessen teuflischen Charakter hinweisen und ihrer Tat einen patriotischen Anstrich geben.

Der Cottbuser Anzeiger teilt seinen Lesern nicht ohne Schadenfreude mit: „Ein märchenhaftes Lebensschicksal, welches wie ein Märchen aus ‚Tausend und eine Nacht‘ anmutet, hat auf gewaltsame Weise seinen Abschluss gefunden. Das Leben des Wundermönchs ist nicht zu verstehen, wenn man nicht die Frauen der Petersburger Gesellschaft kennt. … Diese unmoralische Gesellschaft ist es, welche den schwülen Dunstkreis schafft, in dem Blüten wie Rasputin gedeihen.“

Als die Beseitigung des Predigers Ende 1916 in der Luft lag, versuchte Rasputin seine Haut mit dunklen Prophezeiungen zu retten. Er zeigte der Zarin Teile seines Testaments:     „Russischer Zar! So wisse denn, wenn deine Verwandten mich ermorden, so wird niemand aus deiner Familie, weder Verwandte noch Kinder, dies länger als zwei Jahre überleben … Das russische Volk wird sie töten …“

Diese düstere Prognose wurde Wirklichkeit. Nach der Februarrevolution verzichtete Nikolai II. am 15. März 1917 auf den Thron. Sein Cousin Georg V. zog das Exil-Angebot zurück. Die Bolschewiki, die im Oktober die Macht eroberten, deportierten die Romanows nach Jekaterinenburg. Dort erschossen Revolutionäre die gesamte Familie am 17. Juli 1918.

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