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Der Blitzkrieg endet vor dem „Roten Moskau“

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. In einem Jahresrückblick zog der Cottbuser Anzeiger zu Silvester Bilanz über das zurückliegende Jahr 1941.

Zu Fotos vom Spremberger Turm, vom Theater und vom Neuen Rathaus heißt es dort: „Und dankbar empfinden wir, was uns durch Soldatenmut und Waffenkraft erhalten blieb. Unseren Soldaten aber, die aus Cottbus an die Fronten des jetzigen weltumfassenden Ringens zogen, sollen die Bilder auf dieser Seite ein Gruß aus der Heimat sein.“ Propagandasprüche waren am Ende des Jahres 1941 bitter notwendig geworden in Hitlerdeutschland. Nach einem beispiellosen Sturmlauf hatte die Nazi-Wehrmacht einen großen Teil Europas erobert oder politisch unter Kontrolle gebracht. Auf dem Höhepunkt dieser Siegeswelle hatte ein Jahr zuvor Frankreich kapituliert. Der Hitler-Mythos erreichte seinen Höhepunkt. Die große Masse der Deutschen traute ihrem Führer nun alles zu. Das sollte sich im Dezember 1941 ändern.

Dafür gab es vor allem zwei Gründe: Am 7. Dezember versenkten japanische Luftstreitkräfte Teile der US-Navy in Pearl Habour. Vier Tage später erklärte Hitler Amerika den Krieg.  Das „weltumfassende Ringen“, das war nun der gefürchtete Zweifrontenkrieg. Nur langsam verbreiteten sich Nachrichten von einem zweiten Ereignis: Nach bitteren Niederlagen und unermesslichen Verlusten trat die Rote Armee vor Moskau auf fast 1000 km Breite zu ihrer ersten Offensive an und warf die Heeresgruppe Mitte 250 km zurück.
Im November schien an der siegesgewohnten Heimatfront noch alles in Ordnung. Bei „Kaisers“ in Schmellwitz referierte Gauredner Enge nach Fahneneinmarsch und Gefallenenehrung zum Thema „Warum wir siegen werden!“. Gauleiter Stürtz verlieh Tage später an 350 „Rüstungsschaffende“ Kriegsverdienstkreuze. Die Eroberung der sowjetischen Hauptstadt im mittleren Abschnitt der Ostfront schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Der Cottbuser Anzeiger schilderte den Vormarsch enthusiastisch: „Stützpunkt um Stützpunkt muss von den deutschen Angreifern in mühevoller Kleinarbeit geknackt und ausgeschaltet werden. Trotzdem ist die große Moskauer Stellung … bereits durchbrochen und überwunden worden.“ Und, möglicherweise mit einer bangen Vorahnung: „Der Kampf fand dabei teilweise auf dem alten Schlachtfeld aus dem August 1812 statt.“ Gemeint war Borodino, der Anfang vom Ende des Feldzuges Napoleons.

Im November stand die Frage, ob Moskau evakuiert und die Regierung verlegt wird. Stalin entschied sich, in der alten Hauptstadt zu bleiben. Wird am 7. November die traditionelle Parade zum Jahrestag der Oktoberrevolution stattfinden und wenn ja, wird Stalin dabei sein? In Simonows Roman „Die Lebenden und die Toten“ erlebt der Soldat Sinzow die Parade: „Und wie die Tausenden Menschen, die mit ihm auf dem Platz standen, sah er durch das weiße Gespinst des immer dichter fallenden Schnees Stalin in Mantel und Pelzmütze auf seinem gewohnten Platz auf dem Mausoleum stehen.“ Der Sowjetführer hielt in diesen dramatischen Stunden keine kommunistischen Reden. Vielmehr appellierte er an den russischen Patriotismus: „Lasst euch beflügeln vom Heldenmut unserer großen Vorfahren: Alexander Newski, Dmitri Donskoi, Alexander Suworow und Michael Kutusow.“

Von der Parade marschierten die Einheiten direkt an die Front. Die Verteidigung erfolgte zunächst mit schwachen Kräften, Arbeiterbataillonen und Milizen, Resten geschlagener Einheiten und Angehörigen rückwärtiger Dienste. Am 2. Dezember erreichten die Deutschen den Moskauer Vorort Chimki. Mit Fernrohren waren die Türme des Kremls zu sehen. Hinter den sowjetischen Linien waren jedoch inzwischen 58 neue Divisionen zur Gegenoffensive angetreten. Diese begann am 5. Dezember und traf die Deutschen völlig überraschend. Nach ihrer Aufklärung waren, so der Cottbuser Anzeiger, die „Sowjets nicht mehr in der Lage, brauchbaren Ersatz zu schaffen.“

Der sowjetische Angriff warf die Wehrmacht so weit zurück, dass die Gefahr der Einkesselung bestand und der Rückzug befohlen wurde. In deutschen Erinnerungen war bei der Suche nach Ursachen für die erste Niederlage des Blitzkriegsheeres meist der „General Winter“ verantwortlich. Der britische Historiker Richard Overy dazu: „Nicht der harte Winter brachte den deutschen Vormarsch zum Stehen, sondern die erstaunliche Erneuerung der personellen Stärke der Sowjets ...“ Natürlich waren diese mit dicken weißen Schneeanzügen, Schlitten, Steppenponys und beheizten Hangars für Fahr- und Flugzeuge besser ausgerüstet für die -35° C vor Moskau. Aufrufe zu Wollspenden kamen da zu spät: „Cottbuser Frauen, steht nicht zurück!“ und „Die NS-Frauenschaft hat in der Mütterschule, Spreestraße 11, laufend ihre Nähstube in Betrieb.“

Vor Moskau zerbrach zum Jahreswechsel 1941/42 der Mythos der Unbesiegbarkeit der Hitler-Wehrmacht. Die Wende des Krieges war noch nicht erreicht. Ein bleibendes Ergebnis hatte jedoch die erste Offensive. Overy, unverdächtig übertriebener Sowjetfreundlichkeit, schreibt: „Die Gebiete, die von der deutschen Besetzung befreit wurden, zeigten den einfachen sowjetischen Soldaten, welcher Art der Krieg war, der hier geführt wurde ... Überall, wo die Rote Armee hinkam, stieß sie auf die Spuren entsetzlicher Gräueltaten ... Die Bezeichnung ‚faschistische Bestien‘ bekam nun einen konkreten Inhalt.“

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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