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Cottbus wächst: 100000. Einwohnerin der Bezirksstadt geboren

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Im Spätsommer des Jahres 1976 vergnügten sich die Niederlausitzer auf dem 2. Cottbuser Sommermarkt. Für Überraschungen sorgte dort die Arbeitsgemeinschaft Indianistik.

Andere Neuigkeiten: Die Ausstattung der ABC-Schützen mit weißen Käppis war abgeschlossen und in Sachsendorf nahm die zweite Oberschule den Betrieb auf. Kindergärten, Schulen und Verwaltung bereiteten sich auf die Aufnahme und Integration von politischen Flüchtlingen aus Chile und Uruguay vor.

Das wichtigste Cottbuser Ereignis spielte sich jedoch im Bezirkskrankenhaus ab. Dort wurde am 4. September Manuela M. geboren. Die Lausitzer Rundschau berichtete: „Seit dem Wochenende ist Cottbus die 15. Großstadt der DDR. Als hunderttausendster Bürger der Bezirksstadt des Lausitzer Energiezentrums wurde am Sonnabend kurz vor Mitternacht, um 23.35 Uhr, die kleine Manuela geboren …“

Erster Gratulant war Oberbürgermeister Erhard Müller, der Glückwünsche und Geschenke überbrachte. „Edmund, wie hast Du das gedreht?“ fragten die Kollegen im Tagebau Jänschwalde den stolzen Papa bei der Gratulationscour. Und der OB versprach auf der Stadtverordnetenversammlung „Die jüngste Großstadt der Republik erfüllt in Ehren die Aufgaben des IX. Parteitages!“ Natürlich hatte man sich auf das Ereignis vorbereitet. Im Foyer der Stadthalle präsentierte die Ausstellung „Cottbus ist Großstadt“ die Stationen der Entwicklung von der Bronzezeit bis zum Zentrum der Kohle- und Energiewirtschaft.

Die Einwohnerentwicklung ging dann in den nächsten Jahren zügig weiter. Durch die Ansiedlung von Arbeitskräften und durch hohe Geburtenzahlen stieg die Cottbuser Bevölkerung bis 1989 auf 128.943. Dann gab es einen demografischen Knick. Ursachen waren in erster Linie der Arbeitsplatzabbau und die Deindustrialisierung nach der Wende, aber auch der vermehrte Eigenheimbau in den ländlichen Randgebieten.

Die aktuelle Cottbuser Einwohnerzahl betrug im August 2016 genau 99747. Das täuscht etwas über den wirklichen Einwohnerverlust hinweg, wurden doch Ortsteile mit zirka 15.000 Einwohnern eingemeindet. Allerdings ist in den letzten Jahren wieder ein kleines Anwachsen zu beobachten. Anders als in anderen vergleichbaren Oststädten hat sich die Einwohnerzahl stabilisiert.

Diese Entwicklung ist nichts Ungewöhnliches. Wer sich mit der Geschichte der Stadt allgemein und der Cottbuser Geschichte im Besonderen beschäftigt, wird solche Perioden heftigen Wachstums und auch des Bevölkerungsrückgangs häufig feststellen.

Vor etwa 5.000 Jahren begann eine neue Periode der Menschheitsgeschichte. Bauern erarbeiteten einen Überschuss an Nahrungsgütern, von denen sich eine zunächst kleine Schicht von Spezialisten, Handwerkern, Händlern und Priestern, ernähren konnte. Aus einigen Dörfern wurden Städte. Von dort kamen dann die Schrift, die Verwaltung und die Wissenschaft. Das war der Beginn der Zivilisation. Seitdem sind die Städte die Zentren der Entwicklung. Stets wechselten Zeiten des raschen Wachstums, Perioden der ruhigen Entwicklung oder gar des Niedergangs einander ab. Das war in der 860-jährigen Geschichte von Cottbus nicht anders.

Frühe verlässliche Hinweise auf die Cottbuser Einwohnerzahl erhalten wir von Johann Friedrich Beuch. „Die sämtl. Einwohner, welche unter des Magistrats Jurisdiction stehen, … betragen zurzeit insgesamt 3759 Personen...“ schreibt der Stadtphysikus 1740 in seinem Urbarium. Er erinnert aber auch daran, dass es durch Krieg und Pest immer wieder Verluste von bis zu 2.000 Einwohnern, also mehr als der Hälfte gegeben hat.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte der Cottbuser Anzeiger regelmäßig die Einwohnerzahlen. Im Jahrzehnt des Eisenbahnbaus verdoppeln sie sich, von 1864 mit 11513 bis 1876 auf 22642. Im I. Weltkrieg findet die rasante Entwicklung ihr vorläufiges Ende. Die Bevölkerung verkleinert sich von 50.000 auf 46.000. Die Jahre nach dem II. Weltkrieg sind dann durch zwei Wachstumsschübe gekennzeichnet.

Nach 1945 fanden Tausende Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hier eine neue Heimat. Und ab 1952 wird Cottbus Bezirksstadt und Zentrum einer neuen Industrieregion. Zwischen 1955 (64.000) und 1989 (128.000) verdoppelt sich die Einwohnerzahl erneut.

Unser Foto zeigt Oberbürgermeister Erhard Müller bei der Begrüßung der 100.000. Cottbuser Bürgerin. Wer sich die Entwicklung der Zahlen in den letzten fünf Jahren genau ansieht und unsere Stadt und ihre Zukunft optimistisch sieht, stellt fest, dass der Bevölkerungsrückgang gestoppt ist. Ein ähnliches Foto mit einem erneuten hunderttausendsten Einwohner, begrüßt von Oberbürgermeister Holger Kelch, ist durchaus möglich.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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