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Cottbus erhält den Jacques-Duclos-Platz

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. In der Cottbuser Stadthalle sang Reinhard Mey in seinem Lied „Sei wachsam“ von Rattenfängern, Trittbrettfahrern, Schmiergeldempfängern, Selbstbedienern und Geschäftemacher: „Und sie sind alle hochgeachtet und sehr anerkannt, und nach den Schlimmsten werden Straßen und Flugplätze benannt.“ Da hat der Liedermacher aus künstlerischen Gründen sicher stark übertrieben. Ganz falsch liegt er aber nicht.

Da aber die Helden meist nur unter bestimmten Verhältnissen als Vorbilder gelten und nach politischen Veränderungen schnell zu Rattenfängern deklariert werden, gibt es immer wieder Probleme mit den Namen von Straßen und Plätzen. Besonders in Gegenden, in denen es in historisch kurzer Folge zu grundsätzlichen Wenden kam, und demzufolge häufige Straßenumbenennungen erforderlich wurden, kann man davon ein Lied singen. Das trifft natürlich auch auf Cottbus zu. Hier findet jeder noch zum Thälmannplatz, obwohl der seit 1993 Brandenburger Platz heißt. Und die Älteren wissen noch, dass derselbe früher Kaiser-Wilhelm-Platz hieß und vor 1888 Neustädter Platz.

Als im Herbst 1976, vor 40 Jahren, Teile Platzes des Friedens und des Muskauer Platzes einen neuen Namen erhielten, war die Sache aber noch komplizierter.

In Anwesenheit der Witwe Gilberté Duclos wurde der zentrale Platz in Sandow in Jacques-Duclos-Platz umbenannt. Jacques Duclos war im Jahr zuvor gestorben. Der populäre französische Arbeiterführer erreichte bei den Präsidentschaftswahlen 1969 mit 21 % den dritten Platz nach Pompidou und Poher. Im Krieg kämpfte er in der Résistance und galt als Führer des Pariser Aufstandes. Die Umbenennung erfolgte für DDR-Verhältnisse jedoch vergleichsweise still. Am Vortag des Aktes erschien in der Lausitzer Rundschau als Ankündigung lediglich ein Dreizeiler. Und am Tag danach gab es einen kleinen Beitrag auf der Lokalseite nebst einer biografischen Skizze. Immerhin: „Unter den Klängen der Marseillaise enthüllte der Oberbürgermeister das zwischen der Trikolore und der DDR-Fahne aufgestellte Namensschild ‚Jacques-Duclos-Platz‘.“

Die Ursache für diese Zurückhaltung ist wohl in dem angespannten Verhältnis der SED zu den Eurokommunisten in Frankreich zu suchen. Werfen wir einen Blick auf die Lage.

Das Jahr 1976 sollte für die DDR-Führung eine weitere Stabilisierung bringen.  Im April eröffnete Erich Honecker den etwas protzigen Palast der Republik. Einen Monat später beschloss der IX. Parteitag ein umfangreiches sozialpolitisches Programm. Es ging um höhere Löhne und Renten sowie um Maßnahmen zur Förderung berufstätiger Mütter, z.B. durch erweiterte Möglichkeiten für den beliebten Haustag. Höhepunkt des Jahres war aus Ost-Berliner Sicht die Olympiade in Montreal. Die DDR belegte in der Länderwertung den zweiten Platz nach der Sowjetunion und vor den USA. Die zweite Jahreshälfte brachte dann allerdings Ereignisse, die die internationale Reputation des Landes stark beschädigten und im Inneren Prozesse auslösten, die die DDR erschütterten. Anfang August erschossen Soldaten am Grenzübergang Hirschberg den italienischen Fernfahrer Benito Corghi, der zu allem Unglück auch noch aktives Mitglied der KPI war. Nur wenige Tage später ging die Meldung von der Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz um die Welt. Und im November sorgte die Ausbürgerung von Wolf Biermann für nicht erwartete Proteste in der Kulturszene.
Im gleichen Jahr 1976 fand in Berlin die Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas statt.

Einerseits drängte die SED-Führung auf die Durchführung internationaler Veranstaltungen, die die Souveränität der DDR und ihre Bedeutung unterstrichen. Andererseits brachte die Konferenz natürlich mit sich, dass die sogenannten Eurokommunisten, besonders natürlich die französischen, die italienischen und die spanischen Kommunisten im Palast der Republik eine Plattform erhielten. Da man sich zur Veröffentlichung aller Reden verpflichtet hatte, lasen also auch Cottbuser, wie sich Santiago Carrillo (Spanien) von der Sowjetunion abgrenzte und Enrico Berlinguer (Italien) die Breshnew-Doktrin ablehnte. FKP-Chef Georges Marchais wurde noch deutlicher. Der Sozialismus müsse „... alle Freiheiten, die unser Volk sich erkämpft hat, garantieren, entwickeln und erweitern ...“ Laut Marchais sind das auch „die Bewegungsfreiheit für Personen innerhalb des Landes und im Ausland ...“ und die „Anerkennung der Ergebnisse allgemeiner Wahlen mit der eingeschlossenen Möglichkeit eines demokratischen Wechsels.“

Das klang natürlich – einen Kilometer von der Mauer entfernt gesprochen - gar nicht gut in den Ohren der SED-Führung. Aber der FKP-Chef ging noch einen Schritt weiter: „Da der Begriff ‚Diktatur des Proletariats‘ sich mit der Wirklichkeit der politischen Macht in dem sozialistischen Frankreich, für das wir kämpfen, nicht deckt, hat der XXII. Parteitag unserer Partei beschlossen, auf ihn zu verzichten.“ Das war Ketzerei, ein Angriff auf das Allerheiligste. Aus dieser Sicht ist es verständlich, dass die DDR-Führung zu französischen Kommunisten, auch wenn diese eher zur alten Garde gehörten, eine gewisse Distanz einhielt.

Bis auch die gewandelte SED-PDS den Begriff der Diktatur des Proletariats aus ihren Dokumenten strich, sollten noch fast anderthalb Jahrzehnte vergehen. Die Cottbuser gewöhnten sich an den neuen Platz, im Volksmund Klo-Platz genannt. Heute ist der Jacques-Duclos-Platz zu einem recht attraktiven Zentrum geworden. Dort, wo das alte und das neue Sandow zusammentreffen, ist der lebendige Mittelpunkt des Stadtteils.

Als Anfang der Neunziger die frei gewählte Stadtverordnetenversammlung über die Namen von Straßen und Plätzen zu entscheiden hatte, ist sie klug und behutsam vorgegangen. Einige Stalinisten (Gottwald) wurden ebenso ausgetauscht wie Straßenbezeichnungen nach Organisationen (Komsomol), die es nicht mehr gab. Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Karl Marx, die Straße der Jugend und der Jacques-Duclos-Platz sind uns erhalten geblieben. Und das ist auch gut so!

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Kommentar von Wolf Herbst
Na klar, ist das gut so. Was die Cottbuser von diesen Kämpfern halten, sieht man schon daran, wie sie die verbaute Fläche bezeichnen - Klo-Platz. Aber nach jeder Zeit kommt immer eine andere Zeit und selten haben politisch motivierte Straßennamen ewigen Bestandsschutz. So ist das halt in der Geschichte, panta rhei.

Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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