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Cottbus erhält Anschluss an die Welt - Die Eisenbahn kommt

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Wer sich heute mit Großbauvorhaben aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt, macht vor allem zwei Entdeckungen. Erstens waren unsere Vorfahren für heutige Verhältnisse verdammt schnell. In der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung sprach man Ende der Fünfzigerjahre des 19. Jahrhunderts erstmals über eine Dampfeisenbahnverbindung zwischen Berlin und Cottbus. Einige Jahre später, 1861 gab es in Berlin eine Diskussion der preußischen Regierung mit Kommunalvertretern über die Realisierung einer Eisenbahnstrecke durch die Niederlausitz.

Mitte 1864 lag die vom König unterschriebene Baugenehmigung vor. Im August begannen Vermessungsarbeiten. Gebaut wurde dann ab 1865. Und nach sage und schreibe 18 Monaten, am 13. September 1866, vor 150 Jahren, war die Strecke Berlin-Cottbus fertig. Und dies, während sich Preußen mit Österreich im Krieg befand. Das war damals ein durchaus übliches Tempo. An der Transsibirischen Eisenbahn mit 7500 Kilometern, 16 großen Flüssen, gewaltigen Höhenunterschieden und teilweise -50°C Dauerfrost hielten sich die damaligen Techniker auch nur zwölf Jahre auf. Solange baut man heute an einem einzelnen Flughafen. Ebenso lange beschäftigt sich die Deutsche Bahn mit dem erneuten zweispurigen Ausbau der Bahnlinie Berlin-Cottbus.

Und zweitens fällt auf, dass die Öffentlichkeit die tiefgreifendste technische Innovation seit der Jungsteinzeit erstaunlich nüchtern aufnahm. Es gab keinerlei feierliche erste Spatenstiche, Volksreden, Fördermittelübergaben oder Banddurchschneidungen, zumindest findet sich davon kein Wort im „Cottbuser Anzeiger“. Der meldet Ende Juli 1866 nur in vier Zeilen, dass der Fahrkartenverkauf für die Fahrt nach Berlin begonnen hätte und die Fahrt 3. Klasse für 1 ½ Taler zu haben sei. Zwei Tage nach der Eröffnung folgen dann ebenso knapp der Fahrplan: „Morgens 8 Uhr 40 Min. von Berlin nach Cottbus – 7 Uhr 24 Min. von Cottbus nach Berlin.“ Heute feiert man ein neues Haus für die Feuerwehr, meist schon lange, bevor es fertig ist. Unter einem Staatssekretär geht es bei keiner Eröffnung. Der preußische Marketing-Grundsatz „Mehr sein als scheinen“ hatte schon etwas!

Keine andere infrastrukturelle Entwicklung veränderte das Leben so sehr wie die Eisenbahn. Sie griff besonders in das Leben der Städte ein. Die Bahnhöfe waren die neuen Kathedralen. Cottbus ist dafür fast ein Musterbeispiel. Schon 1867 wurde die Strecke Berlin-Cottbus bis nach Görlitz verlängert. Drei Jahre später kam die Linie Cottbus-Großenhain hinzu. Es folgten 1872 Halle-Cottbus-Sorau-Guben und 1876 Cottbus-Frankfurt/Oder. So entstand in einem für heutige Verhältnisse atemberaubenden Tempo ein Netz. Cottbus wurde Eisenbahnknotenpunkt. Diesem Netz folgten zwangsläufig andere Netze. Da die Eisenbahn ein Informations- und Signalsystem benötigte, das schneller war, als die Züge, entwickelte sich die elektrische Telegraphie.

In Cottbus konnte man in den Sechzigerjahren Depeschieren. Um 1870 war die Welt verkabelt. Die Bedürfnisse des Eisenbahnbetriebes und der Fahrpläne verlangten auch eine Vereinheitlichung von Millionen unterschiedlichen Lokalzeiten und Zeitkulturen. Die Internationale Meridiankonferenz legte 1884 die Ordnung einer Weltzeit über den Planeten. Den Netzen der Bahn und der Zeit folgten in Cottbus das Netz gepflasterter Straßen, Gas, Strom und die Kanalisation. Vierzig Jahre nach dem Eisenbahnanschluss war aus einem verträumten Provinznest eine respektable Mittelstadt mit großstädtischer Infrastruktur geworden, die sich dann Straßenbahn und Theater leisten konnte.

In diesen Jahrzehnten verfünffachte sich die Cottbuser Bevölkerung. Für die Stadt und ihre Sozialstruktur gab es vorwiegend positive Folgen. Weil man in Cottbus für die Eisenbahn keine Schneisen in die Stadt schlagen wollte, entstand der Bahnhof weit vor den Toren. Der Zwischenraum war schon bald mit schönen gründerzeitlichen Straßen ausgefüllt. Die Bahnhofstraße entwickelte sich zum attraktiven Standort für Handel, Kultur und Verwaltung. In der westlichen Stadterweiterung entstanden 400 Gebäude in der „gehobenen Mietshausarchitektur“.

Beim Eisenbahnbau kamen eher Ungelernte zum Einsatz. Der Eisenbahnknoten in Cottbus mit seiner Königlichen Hauptwerkstadt, dem späteren RAW, benötigte jedoch eine hohe Zahl qualifizierter Techniker, Ingenieure, Lokführer und Bahnwärter. Die Bahnbeamten, ein Berufstypus mit hoher gesellschaftlicher Anerkennung und relativer sozialer Sicherheit, hielten in Cottbus Einzug. Für sie entstanden anspruchsvolle Wohnquartiere.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

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