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Cottbus am Vorabend des Unternehmens Barbarossa

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Der Cottbuser Anzeiger berichtete am 16. Dezember 1940 über den Empfang der aus Frankreich zurückkehrenden Wehrmachtseinheiten: „Mittelpunkt des glanzvollen Einzuges war der Altmarkt. Hier nahm der General den Vorbeimarsch der Truppen, die unter seiner Führung in Polen und im Westen in einem gewaltigen, nie vorher gekannten schnellen Einsatz Sieg auf Sieg erfochten, ab.

Vor seinem Auto die Offiziere des Truppenteils sowie der Standortälteste unserer Stadt, Kreisleiter Andro und Oberbürgermeister von Baselli.“ Der OB beendete seine Rede „... mit einem dreifachen Siegheil auf unsere Truppe.“ Und der General, dessen Namen in keiner Veröffentlichung erwähnt wird, versprach die „...Fortführung der ehrenvollen Traditionen des Infanterie-Regimentes von Alvensleben Nr. 52.“

Was die Cottbuser über all die Aufmärsche, Fahnenweihen und Kundgebungen dachten, kann man aus der Tageszeitung kaum entnehmen.

In den Veröffentlichungen aus der DDR-Zeit ist vor allem vom antifaschistischen Widerstand die Rede. Ja, es gab in Cottbus mutige Antifaschisten. Aber die wenigen Frauen und Männer wie Annemarie Schulz, Walter Wagner oder Paul Geiseler blieben die Ausnahme. Die Feststellung, dass dem Hitlerfaschismus kein Einbruch in die Arbeiterklasse gelungen wäre, ist falsch. Der große Teil der Cottbuser Bevölkerung war 1940/41, wie das übrige Deutschland, hingerissen und narkotisiert von einer beispiellosen Kette von Erfolgen des NS-Regimes. Der Ausstieg aus dem als ungerecht empfundenen Versailler Vertrag, die Wiederbewaffnung, der wirtschaftliche Aufschwung verbunden mit Vollbeschäftigung, die Eroberung Österreichs, des Sudetenlandes und Böhmens und dann die Serie der Blitzkriege, die mit dem Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich endete, hatten bei der übergroßen Mehrheit der Menschen einen Taumel der Begeisterung hervorgerufen. „Mit heißem Herzen verfolgt die Heimat die Geschehnisse der Kriegszeit … Wir waren des Sieges gewiss. Dennoch hat das atemberaubende Tempo, das der Siegeszug durch Frankreich annahm, selbst den alten Frontsoldaten in Staunen versetzt.“, liest man am Ende einer 1941 erschienenen Broschüre zur Geschichte der Stadt Cottbus.

Auf den ersten Blick wurden diese Erfolge in Cottbus auch von Verbesserungen im kommunalpolitischen Bereich begleitet. Im Arbeitsamtsbezirk Cottbus wurde ab 1937 ein Arbeitskräftemangel registriert. Im gleichen Jahr gelang dem Rathaus der Haushaltsausgleich. Der Bau von Sozialwohnungen begann. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen: Neues Rathaus, Tuchmacherbrunnen, Blechenpark und Uferpromenade (Käthe-Kollwitz-Ufer). Man musste schon genau hinschauen, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Stärker als der Wohnungsbau wurde der Bau der Kasernen, der Hermann-Löns-Kaserne und der Sachsendorfer Kaserne, forciert. Und die günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt kam auch durch die vermehrte Rüstungsproduktion zustande. In den Mechanischen Werken am Merzdorfer Weg stellten Deutsche und Zwangsarbeiter das Halbkettenfahrzeug ZKW, ein Zugmittel für Geschütze, her. In verschiedenen Stätten fertigte man Teile des Jagdflugzeuges Focke-Wulf 190, die auf dem Cottbuser Flughafen montiert wurden.

Es gab auch andere Zeichen: Erster Luftalarm, Verdunkelungsvorschriften, Geheimhaltung („Pst, Feind hört mit!“). Und schon aus den Blitzkriegen 1939/1940 kehrten über 100 Soldaten nicht zurück. Aber Mahnungen, wie die von Brecht „Ihr Leute, wenn Ihr einen sagen hört/ Er habe nun ein großes Reich zerstört/ In achtzehn Tagen, fragt, wo ich geblieben:/ Ich war dabei und lebte davon sieben.“ erreichten die Masse der Bevölkerung noch nicht. Durchfahrten Hitlers durch den Bahnhof Cottbus wurden zu Feiern mit Flitter und Standartengold. Hier gab es regelrechte Wettbewerbe darüber, wie viele Minuten der Sonderzug in den Städten stoppte. („In Küstrin hielt der Sonderzug 12 Minuten, in Frankfurt (Oder) 2 Minuten, in Cottbus bekanntlich 23 Minuten.“) Zur guten Stimmung mag auch beigetragen haben, dass es kaum Einschränkungen in der Lebensmittelversorgung gab, an die die Menschen aus dem I. Weltkrieg noch so schmerzhafte Erinnerungen hatten. Auch die gnadenlose Verfolgung der jüdischen Mitbürger, darunter dekorierte Soldaten sowie hochangesehene Fabrikanten und Stadtpolitiker, rief kaum Reaktionen hervor. Die „Arisierung“ der Spremberger Straße ging geräuschlos vor sich.

Wovor die Menschen Angst hatten, war ein langer Krieg mit ungewissem Ausgang. Aber der war nicht in Sicht. Hitler hatte doch versprochen: „...Russland und Deutschland haben im Weltkrieg gegeneinander gekämpft, und beide waren letzten Endes die Leidtragenden. Ein zweites Mal soll und wird das nicht mehr passieren ...“  

(Fortsetzung folgt!)

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