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Cineastischer Glanz in der Lausitz - Gérard Philipe in CB

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Mitte Januar 1957 war der Bezirk Cottbus im Film-Fieber. Dreieinhalb Jahrzehnte vor der Begründung des Filmfestivals drängten die Menschen in Schwarze Pumpe, Finsterwalde und Cottbus in die Kinos. Ursache dafür war vor 60 Jahren nicht der osteuropäische Film, sondern der französische Schauspieler Gérard Philipe und die ostdeutsch-französische Gemeinschaftsproduktion „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel". Den Inhalt des Film fasste die Lausitzer Rundschau so zusammen: „Herzog Alba, der blutige Statthalter Philipp II., lässt das Dorf niederbrennen. Tills Vater stirbt auf dem Scheiterhaufen. Dieses Erlebnis verwandelt den Possenreißer Till in einen Menschen, der im Kampf gegen die spanischen Unterdrücker ein Ziel findet." Gérard Philipe, damals der Superstar des internationalen Films, war dem DDR-Publikum durch die „Kartause von Parma", durch „Rot und Schwarz" und besonders durch „Fanfan, der Husar" bestens vertraut. Mit dem Ulenspiegel-Thema nach dem Roman von Charles de Coster hatte er sich schon jahrelang beschäftigt. Der Schauspieler besaß trotz des Kalten Krieges keinerlei Berührungsängste mit dem Osten. Er liebte den russischen Film und gehörte zu den Unterzeichnern des Stockholmer Appells gegen die Atombewaffnung. Auch die DEFA dachte über eine Verfilmung des „Till Ulenspiegel" nach. Dass dann eine solche hochkarätige internationale Kooperation zustande kam, war den Babelsbergern mehr als recht. Sie „stärkte das Selbstbewusstsein der DEFA und förderte das Renommee der DDR-Filmkunst." An der Seite von Gérard Philipe, der natürlich den Till gab und Regie führte, spielten Elfriede Florin, Erwin Geschonneck und Wilhelm Koch-Hooge.

Die Premiere fand am 7. November 1956 in Paris statt. Dort war der „Till Ulenspiegel" zunächst kein großer Erfolg. Wohl auch deshalb, weil wegen der sowjetischen Intervention in Ungarn, die Ostkontakte Philipes scharf kritisiert wurden. Dass Frankreich zur gleichen Zeit blutige Kolonialkriege führte, spielte da keine Rolle. Die DDR-Filmfreunde erlebten die Erstaufführung am 4. Januar 1957 im Berliner „Babylon". Die Besprechung im Neuen Deutschland war verhalten positiv: „Gérard Philipe als Titelheld war bemüht, sich auf ähnliche Weise wie in ‚Fanfan, der Husar‘ ins Bild zu setzen. Das gelang nicht immer, denn der Drehbuchautor und der Regisseur Philipe standen da oft im Wege." Aber: „Der Beifall im Berliner Babylon war herzlich!"

Am 19. Januar begann dann der Besuch der Filmkünstler im damaligen Bezirk Cottbus. Geplant waren Aufführungen in Anwesenheit von Gérard Philipe, Elfriede Florin und Wilhelm Koch-Hooge in Schwarze Pumpe, Finsterwalde und in den Cottbuser Kammerlichtspielen. Erich Schutt, Cheffotograf bei der Lausitzer Rundschau, erinnert sich an den Empfang der Künstler an der früheren Autobahnraststätte Vetschau: „Die Schauspieler wurden von Mitarbeitern der Bezirksfilmdirektion und von der LR-Chefredakteurin Paula Acker empfangen. In der Raststätte, dem ehemaligen Schützenhaus, gab der sympathische Gérard Philipe ein erstes Interview. Dann ging es nach Cottbus. In den Kammerlichtspielen umringten zahlreiche weibliche Fans den Mann aus Paris und baten um Autogramme."

Euphorisch berichtete das Blatt dann aus Schwarze Pumpe: „Aber dann kommt die Stunde für die vielen, vielen Verehrer des Künstlers. Stürmisch ist der Beifall, den die Kulturbaracke im Wohnlager II in solchem Maße noch nicht vernommen hat. ... Ja, und dann wird er von allen Seiten nach Autogrammen bestürmt. Es ist doch auch zu schön, wenn man zu einer neidischen Freundin etwas von oben herab sagen kann: ‚Ich habe ein Autogramm von Gérard Philipe‘." Wie sich der Mime in der „Kulturbaracke des Wohnlagers" fühlte, ist nicht überliefert.

Die Filmereignisse waren für die Cottbuser sicherlich interessante Abwechslungen. In der Stadt ging es Anfang 1957 noch recht trist zu. Es gab Probleme mit der Kohlenversorgung. Die Volkskammer beschloss die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 48 auf 45 Stunden. In der Ottilienstraße/Gartenstraße und in der Friedrich-Engels-Straße entstanden neue Wohnungen. Die Kunstfreunde diskutierten über Jürgen von Woyskis Entwurf der Blechen-Plastik, die wir heute vergebens suchen.

Die DEFA setzte übrigens die Kooperation mit französischen Filmfirmen fort. Später kamen noch die Produktionen „Hexen von Salem" mit Yves Montand und Simone Signoret, „Die Elenden" mit Jean Gabin und Balsacs „Trübe Wasser" in die Kinos. Das geschah schon ohne Gérard Philipe. Der „Liebling der Götter" starb 1959, vor seinem 37. Geburtstag. Oberhalb der Bucht von St. Tropez wurde er im Kostüm des El Cid beigesetzt.

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