ts

Billy Masser – der kleinwüchsige Geheimsekretär vom Fürsten

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Vor 110 Jahren starb in Dellbrück bei Köln Wilhelm Heinrich Masser. Mit mehr als einem Jahr Verspätung lasen die Cottbuser im „Anzeiger“: „Der Zwerg Wilhelm Heinrich Masser, gen. Billy, der frühere Geheimsekretär des Fürsten Pückler in Branitz, eine hier in der Stadt wohlbekannte Persönlichkeit, ist, wie uns mitgeteilt wird, am 19. Januar 1907 im 83. Lebensjahre verstorben. Er war Gatte, Vater, Schwieger- und Großvater. Seine Frau war eine geborene Schrader aus Berlin. Seine beiden Töchter Katharina und Helene heirateten zwei Brüder Hartmann ... Billy Massers erster Aufenthalt nach seinem Fortgange aus Cottbus war Dresden, dann Kahla a.d.S., zuletzt Dellbrück, wo er nach kurzem Krankenlager vor Jahresfrist verschieden ist.“

Wer war der Mann, über den man in Cottbus noch heute spricht? Im Gefolge von Fürsten befanden sich im 18. und 19. Jahrhundert häufig exotische Begleiter. Wir wissen von Hannibal, dem Mohren Peters des Großen, und von dem Mameluken Roustam Raza, dem Leibwächter Napoleons. Auch im Hause des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau gab es solche außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Machbuba, die Schönheit aus dem Morgenland, steht dabei sicher an erster Stelle. Der „Schnell-Läufer“ Ernst Mensen und der schwarze Diener Joladur gehören dazu. Wer sich mit Pückler nur oberflächlich beschäftigt, wird sicherlich auch Billy Masser, häufig als Zwerg des Fürsten bezeichnet, dazu zählen. Aber Wilhelm Heinrich Masser, genannt Billy, war keineswegs nur exotischer Begleiter und keine Dekoration in Branitz. Der kleinwüchsige Billy entwickelte sich zum Sekretär und letztlich zum Vertrauten des Fürsten. Der Pücklerkenner Siegfried Kohlschmidt weist darauf hin, dass Masser unabhängig von seinem Zwergenwuchs eine eigenständige Persönlichkeit im Pückler-Kreis war: „Fürst Pückler, der im engeren Sinne ja keine Familie hatte und in Branitz allein lebte, brauchte dort eine Person seines Vertrauens, bei der er nicht nur auf Pflichttreue im Angestelltenverhältnis zählen konnte, sondern mit der er Angelegenheiten besprechen konnte, die ein erweitertes Maß an Vertrauen voraussetzten, auf die er sich bei der Erledigung ungezählter kleiner Dinge des täglichen Lebens verlassen konnte, der er aber auch Aufgaben übertragen konnte, die  Feingefühl, Takt, Verschwiegenheit und ein gewisses diplomatisches Gespür verlangten.“ Das alles fand er bei Billy Masser. Der kleinwüchsige Angestellte diente ihm als Sekretär, Bibliothekar, Archivar, Haushofmeister und letztlich als Vertrauter. 

Wilhelm Heinrich Masser wurde 1824 in ?ary (damals Sorau) geboren. Als Siebzehnjährigen nahm Fürstin Lucie ihn in ihre Dienste, finanzierte seine Ausbildung und machte ihn zu ihrem ständigen Begleiter. Zeitgenossen erinnern sich an die Fürstin Pückler-Muskau: „Sie war immer von ihrem Zwerg begleitet. Dieser Zwerg war etwa fünfviertel Meter hoch, sehr proportioniert, mit hübschen, feinen Zügen und guten Manieren. Die Fürstin hatte für ihn eine ganze Anzahl von Kostümen anfertigen lassen. Ich sah ihn als Don Carlos, im weißen Atlas, den kleinen Degen an der Seite.“ Schon in dieser Rolle zeigte Billy seine Klugheit und Herzenswärme. Er folgte der geschiedene Ehefrau Pücklers nach Branitz, später nach Dresden und wieder nach Branitz. Als ihr Vertrauter litt Billy unter den Spannungen zwischen Lucie und Hermann. 

Als Lucie von Pückler-Muskau 1854 starb, bedachte sie den kleinwüchsigen Begleiter so großzügig in ihrem Testament, dass er sogar dem Fürsten finanziell aushelfen konnte. Billy Masser trat nun in die Dienste Pücklers und entwickelte sich zunehmend zu dessen engsten Mitarbeiter. Seine wichtigste Aufgabe bestand wohl darin, während der häufigen Abwesenheit Pücklers, die oft verwickelten Branitzer Angelegenheiten im Sinne des Hausherren zu regeln. Er begrüßte Gäste, bereitete Empfänge vor und begleitete Besucher im Park. In Pücklers Auftrag richtete der Sekretär die Bibliothek ein und ordnete den Briefwechsel des Fürsten. Innerhalb des Kreises der Hausangestellten und Beamten, also vor Parkinspektor und Oberförster, nahm Billy Platz Eins ein. Höhepunkte seines Wirkens als Haushofmeister waren sicherlich der Besuch von Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I., im Jahr 1854 und zehn Jahre später die Visite der Königin Auguste. Der Briefwechsel zwischen Pückler und Billy zeugt von großer Vertrautheit. Die beiden Männer tauschen sich über Parkangelegenheiten aus, schmieden Reisepläne und reden sogar über ihre Liebschaften. Scherzhaft warnt Pückler den kleinen Charmeur: „Cottbus verschließt Dir seine Thore, um seine Jungfrauen zu retten ...“ Neben der Reiselust teilten die beiden Branitzer auch die Liebe zu guter Küche. Billy saß beim Fürsten am Tisch und führte auch die Tafelbücher. Seiner ausgeprägten Jagdleidenschaft ging Billy Masser allerdings allein nach. Hier musste er von Pückler einigen Spott einstecken und sich als „Besieger der Gemsen“ bezeichnen lassen.

Nach dem Tod des Fürsten verlässt Masser Park und Schloss, heiratet und beginnt ein bürgerliches Leben. Dreieinhalb Jahrzehnte später berichtet der Cottbuser Anzeiger dann von seinem Tod.

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.

Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

weiterlesen