Ausreisewelle, Botschaftsflüchtlinge und keine Tränen (2)

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Im Frühjahr und Sommer 1989 wuchs in Cottbus die Zahl der »rechtswidrigen Übersiedlungsersucher«. We­gen der Zustimmungserklärung der DDR-Volkskammer zum Mili­täreinsatz gegen die Studenten in Peking hatte Dr. Peter Model von der Umweltgruppe Cottbus bei Ost-CDU-Chef Gerald Götting protestiert. Im offiziellen Cottbus wurde derweilen Normalität demonstriert. Innerhalb des »Sommers an der Spree« tourte die Gauklerfuhre durch die Stadt und den Landkreis. Bezirksratsvorsitzen­de Irma Uschkamp rief die Cottbuser zur Pflege der Grünanlagen auf und Energie legte in der Oberliga einen furiosen Schlussspurt hin. Das än­derte jedoch nichts daran, dass die Diskussionen in Gartenanlagen und Hauseingängen von Peking sowie von Gerüchten über Wahlfälschun­gen und Grenzöffnungen in Ungarn bestimmt wurde. Erstaunlich viele Familien machten sich dann zum Ferienbeginn auf den Weg nach Os­ten. Und so erlebten die Cottbuser im Sommer 1989 die absur­de Situation, dass nahezu überall und immer lauter über alles gesprochen wur­de. Eine irgendwie gear­tete Widerspieglung dieser Stimmung in den DDR-Medien fand nicht statt. Das öffentliche Schweigen deuteten die immer weniger ängstlichen Menschen zu Recht so, dass mit gesellschaftlichen Veränderungen durch die überalterte Führungsriege nicht zu rechnen ist.

Volker Brauns »Übergangsgesellschaft«

Im Gegensatz zum Schweigen der Medien sahen die Cottbuser ihre Probleme im Theater der Stadt behan­delt. Dort lief seit Ende April Volker Brauns »Übergangsgesellschaft«. An­ton Tschechows »Drei Schwestern«, welche in Brauns Stück in die vom Niedergang bedrohte DDR geholt wurden, redeten über ihre Siege, Niederlagen und Träume. Nach den Vorstellungen gab es lebhafte Diskus­sionsrunden.

Nicht ohne Resonanz blieb in Cott­bus im Hochsommer 1989 das Thema der Botschaftsflüchtlinge. Die Ständi­ge Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin hatte schon am 8. August schließen müssen, nachdem dort 131 Menschen eingedrungen waren. Im Palais Lubkowitz, dem Botschaftsge­bäude in Prag, hatten ab März erste DDR-Bürger Zuflucht gefunden. Mitte August lebten dort schon 120 Men­schen und täglich kamen neue dazu. Unter ihnen waren auch Cottbuser. Und die fatalen Erklärungen in den DDR-Medien erregten die Menschen noch mehr. Mit täglichen Bildern über die Botschaftsflüchtlinge durch das Westfernsehen versorgt, lasen sie: »Mit der DDR-feindlichen Kampagne solle verdeckt werden, was man im eigenen Land, in der Bundesrepublik nicht bewältigt: die Probleme mit den Asylanten, die immer drängender werdende Wohnungsnot und die mil­lionenfache Arbeitslosigkeit.«

Der Flüchtlingsstrom schwoll an, als auch das westdeutsche Fernsehen Ge­rüchte über die Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich ver­breitete. Im Cottbuser Bezirkskran­kenhaus gab es nun immer stärkere Probleme mit fehlendem Personal. Und dann kam ein starker Impuls für die demokratische Bewegung aus Polen. In den ersten freien Wahlen unseres Nachbarlandes Ende August entschied sich eine Mehrheit gegen die kommunistische Partei. Präsident Jaruzelski musste zähneknirschend den Walesa-Vertrauten Tadeusz Ma­zowiecki zum Premierminister ernen­nen. Darüber berichtete die Lausitzer Rundschau ebenso widerwillig, wie alle anderen Medien. Was hatte man den Polen intern und halböffentlich nicht alles vorgeworfen? Überheblich gab die DDR Ratschläge und kritisier­te Alles und Jeden. Hier wusste man anscheinend, wie es gemacht wird.

Keine Träne nachweinen

Erhebliche Sogwirkung auf ausrei­sewillige Cottbuser hatte das soge­nannte Paneuropäische Picknick. Ungarische Reformpolitiker öffneten gemeinsam mit dem EU-Parlament­sabgeordneten Otto von Habsburg stundenweise die Grenze zu Öster­reich. Der Termin wurde zuvor un­ter den DDR-Flüchtlingen verbreitet. Über 600 Menschen nutzten diese Fluchtgelegenheit. Die ungarische reformkommunistische Führung teil­te dann mit, dass sie DDR-Bürger an ihren Grenzen nicht mehr zurückwei­sen würde. Am 10./11. September war die Grenze endgültig offen. Panik in Ost-Berlin und ein Blick nach Moskau. Aber von dort kam Achselzucken. Nun gab es keine andere Möglichkeit: Die Grenze zur CSSR und damit das letzte Schlupfloch musste geschlos­sen werden. Der Transport von 14 000 Flüchtlingen aus Ungarn über das Territorium der DDR war dann nur noch eine verzweifelte Reaktion und erwies sich letztlich als Bumerang.Nahezu einen Aufschrei der Empö­rung gab es während der »Aktuellen Kamera« am 1. Oktober. In der Haupt­nachrichtensendung verlas die Spre­cherin eine ADN-Erklärung. Zu den Ausgereisten hieß es dort: »Sie alle haben durch ihr Verhalten die mora­lischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen des­halb keine Träne nachweinen.« Die nicht nachgeweinten Tränen sollen auf eine Zusatzbemerkung von Hone­cker selbst zurückgehen. Diese Sätze, von der Lausitzer Rundschau am 2. Oktober nachgedruckt, steigerten die politische Erregung. Wo man sich in diesen Tagen in Cottbus auch aufhielt, überall diskutierten Menschen mit immer weniger Scheu ihre wirklichen Probleme.

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