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Auch Cottbus rätselte über den Kreml-Flieger Mathias Rust

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Obwohl es 1987 um die ökonomischen Parameter der DDR nicht gerade gut stand, befand sich Erich Honecker scheinbar auf dem Höhepunkt seines internationalen Ansehens. Beim Besuch in den Niederlanden wurde der Staatsratsvorsitzende von Königin Beatrix empfangen. Zum Berlin-Jubiläum kamen Bürgermeister aus 83 Ländern in die DDR-Hauptstadt. Und sogar der Bezirk Cottbus sah etwas von diesem Glanz. Während einer Beratung der Chefs der Warschauer Vertragsstaaten absolvierte Raissa Gorbatschowa das Damenprogramm in Groß Leuthen, Lübben und im Spreewald. 

Vom „großen Bruder“ setzte sich die SED-Führung 1987 langsam ab. Gorbatschows Buch „Perestroika“ wurde nicht über den Buchhandel, sondern widerwillig über die Parteischiene vertrieben, verbunden mit der Orientierung vom „Sozialismus in den Farben der DDR“. Ganz und gar unruhig war es über Pfingsten in Berlin. Nach dem David-Bowie-Konzert vor dem Reichstag waren in Ostberlin die ersten Rufe nach „Gorbi“ zu hören und US-Präsident Reagan forderte fast an der gleichen Stelle: „Mr. Gorbatschow, open this gate.“

Das war die Situation, in die Ende Mai ein Ereignis hineinplatzte, das Verwunderung und Kopfschütteln hervorrief. Das Neue Deutschland meldete am 30. Mai 1987: „Ein Sportflugzeug mit dem Piloten Mathias Rust aus der BRD hat am Donnerstag den Luftraum der Sowjetunion im Gebiet der Stadt Kohtla-Järve verletzt, meldete TASS. Die Maschine, deren Flug über dem Territorium der UdSSR nicht unterbunden worden sei, landete in Moskau. Die zuständigen Behörden haben die Untersuchung des Vorfalls aufgenommen.“ Zu diesem Zeitpunkt wussten die Menschen in der DDR längst aus dem Westfernsehen, dass zwei Tage zuvor eine Cessna 172P von Hamburg über Island, Schweden und Finnland in den sowjetischen Luftraum eingedrungen und der Eisenbahnlinie Richtung Moskau gefolgt war. Und sie war nicht irgendwo in der Hauptstadt gelandet, sondern auf der großen Moskwa-Brücke neben dem Rotem Platz. Zum Stehen brachte der damals achtzehnjährige Rust das Kleinflugzeug sozusagen neben dem Allerheiligsten, der Basilius-Kathedrale. 

In der Zeit des Kalten Krieges gab es mehrere Verletzungen des gegenseitigen Luftraumes. Erstaunlich häufig fielen Navigationssysteme aus und nur im äußersten Fall wurde zugegeben, dass es sich um Spionageflüge handelte. Internationale Schlagzeilen machte 1960 der Abschuss des Wunderflugzeuges U-2 in 20.000 Meter Höhe bei der Erkundung der Kerntechnischen Anlage Majak. Das gleiche Schicksal ereilte die Besatzung einer Douglas B-66, die 1964 einen sowjetischen Truppenübungsplatz bei Gardelegen überflog. Diese und andere Ereignisse waren stets von Geheimhaltung oder Propagandalügen von beiden Seiten begleitet. In der DDR war man deshalb 1987 fast überrascht, wie offen Moskau mit dem Versagen der Luftabwehr umging. Die Lausitzer Rundschau druckte drei Tage nach der spektakulären Landung eine TASS-Erklärung ab, in der der Luftverteidigung „unzulässige Sorglosigkeit und Unentschlossenheit“ vorgeworfen wurde. Sie hätte „den Flug des Luftraumverletzers ohne Waffengewalt unterbinden“ müssen. Sehr offenherzig klingt auch die ebenfalls von der hiesigen Bezirkszeitung veröffentlichte sowjetische Erklärung nach den Motiven des Kreml-Fliegers. Von drei Versionen ist die Rede: „Die erste gehe davon aus, dass Rust den Flug unternommen habe, um von sich reden zu machen. Nach der zweiten wurde die Aktion mit Hilfe anderer, die schwerwiegendere Ziele verfolgten, durchgeführt. Die dritte Variante habe zum Inhalt, dass der Flug von der Firma Cessna zu Reklamezwecken inszeniert wurde.“ Eine völlig andere Reaktion als 1960! Nach dem Abschuss von Gary Powers U-2 hatte Chrustschow noch ein Gipfeltreffen platzen lassen.

Wie gelang es dem Jungflieger, die Luftabwehr zu überwinden? Diese Frage wurde Anfang Juli 1987 auch in Cottbus in Klassenzimmern, Brigaden und Kasernenstuben heftig diskutiert. Fotos beweisen, dass Rust auf dem Weg nach Moskau von Jagdflugzeugen begleitet wurde. Möglicherweise steckte den Verantwortlichen noch der Schock durch den Abschuss des Korean-Air-Lines-Fluges 007 aus dem Jahr 1983 in den Knochen. Damals war eine südkoreanische Boeing 747 in den sowjetischen Luftraum eingedrungen und abgeschossen worden. Vielleicht kam aber die angebliche Blamage der Luftverteidigung Michael Gorbatschow gerade recht. Er nutzte die Gelegenheit zur Entlassung von Verteidigungsminister Sergej Sokolow und über 300 weiteren perestroika-feindlichen Militärs.

Rust wurde zu vier Jahren Lagerhaft wegen Rowdytum und Gefährdung des Luftverkehrs verurteilt und nach 14 Monaten begnadigt. Sein Name tauchte dann immer wieder in der Regenbogenpresse auf. Er wurde auch später in Deutschland mehrfach verurteilt, u.a. wegen versuchten Totschlags und Diebstahl. Zeitweise arbeitete Rust als Kellner in Moskau. Seinen Lebensunterhalt verdiente er auch als Pokerspieler.

Ähnlich wechselhaft war auch das Schicksal der Cessna. Aus Moskau wird sie zunächst von einer Münchner Kosmetikfirma gekauft. Später finden wir sie in einem Freizeitpark bei Tokio. Seit 2009 gehört das Kleinflugzeug zum Bestand des Deutschen Technikmuseums in Berlin. 

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