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Abkommen über visafreien Reiseverkehr beschlossen

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Im Dolina Luizy, dem Luisenpark von Zielona Gora, sitzen im Sommer 2016 polnische Rentner und geben bereitwillig Auskunft über ihre Stadt und die Befindlichkeit der Menschen. Sie teilen die Auffassung des Besuchers, dass sich die Cottbuser Partnerstadt prachtvoll entwickelt hat. Man spürt das gewachsene Selbstbewusstsein. Die Vorbehalte der Vergangenheit gegenüber den Deutschen, Unsicherheiten und Ängste scheinen verschwunden. Hier begegnen sich Nachbarn auf Augenhöhe.

Das war nicht immer so. Nach der Sowjetunion hatte Polen die größten Opfer in dem von Deutschen geführten Vernichtungskrieg zu beklagen. Flucht und Vertreibung taten nach 1945 ein Übriges. Zwar war die „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ nicht so gesichert wie die Westgrenze. Eine Grenze war es aber allemal. Volkspolen, wie man damals sagte, und die DDR waren schwierige Nachbarn. Offizielle Kommuniqués über die gegenseitigen Besuche von Partei- und Regierungsdelegationen, Beteuerungen der Freundschaft zur Bruderpartei oder Ordensverleihungen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es echte Aussöhnung nicht gegeben hatte. In der DDR, dem selbsternannten Moskauer Musterschüler, sprach man mit großer Überheblichkeit von den angeblichen Fehler der polnischen Partei: Keine konsequente Verwirklichung des Leninschen Genossenschaftsplans für die Landwirtschaft, zu kleiner Sicherheitsapparat und kein „ordentliches Parteilehrjahr“ in den Betrieben! Die Polen galten als unsichere Kantonisten, Ende der Achtziger gar als hoffnungsloser Fall. Dabei gingen vom polnischen Nachbarland die entscheidenden Impulse für den Zerfall des scheinbar monolithischen Ostblocks und zum Ende des Kalten Krieges aus. Zwei Polen schrieben im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts Weltgeschichte: Johannes Paul II. und Lech Wa?esa. Ihr Wirken ist noch lange berechtigter Grund für unsere Nachbarn, stolz auf ihre Heimat Polen zu sein.
Gerade mit diesen Beiden ging man im Grenzbezirk Cottbus keineswegs zimperlich um. Kardinal Karol Józef Wojty?a wurde nach seiner Wahl zum römischen Papst bei der Aktivtagung im Haus der Bauarbeiter, der heutigen Kammerbühne, vom 1. Kreissekretär als „katholischer Verbrecher“ bezeichnet. Lech Wa?esa entwickelte sich fast zum Staatsfeind Nr. 1. Die Legalisierung seiner systemunabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc 1980 rief blankes Entsetzen hervor. Davon war man im Lausitzer Revier unmittelbar betroffen. Im Gaskombinat Schwarze Pumpe und besonders auf der Baustelle des Kraftwerks Jänschwalde waren polnische Arbeiter und Ingenieure in der freien Gewerkschaft organisiert. Von dort gelangte manche Konterbande auch in die Hände der Niederlausitzer. Mit einer hohen Dichte von IM und hauptamtlichen Staatssicherheitsmitarbeitern versuchte die Führung des Bezirkes dem zu begegnen.   
Gehen wir noch einmal zurück zum für Polen entscheidenden Jahr 1970. In Warschau hatte Willy Brandts Kniefall zwar zur Normalisierung der Beziehungen zum zweiten deutschen Staat beigetragen, die gewaltsam niedergeschlagenen Arbeiterunruhen in Gdansk  und Szczecin mit 45 Toten führten jedoch zum Sturz W?adys?aw Gomu?kas. Neuer Mann an der Spitze der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei wurde Edward Gierek. Nur wenige Monate später gab es einen solchen Führungswechsel auch in Ostberlin. Erich Honecker reiste schon im September 1971, vor 45 Jahren, mit einer großen Partei- und Regierungsdelegation nach Warschau. Der Auftrag aus Moskau lautete wohl, einen Beitrag zur Stabilisierung des unruhigen Polen zu leisten. Die Politiker schworen ewige Freundschaft und behängten sich gegenseitig mit Orden. Es kam allerdings auch etwas Praktisches dabei heraus: Ein Ergebnis dieses Besuches war das Abkommen über den visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und Polen, das am 1. Januar 1972 in Kraft trat. Erstmalig war es damit für DDR-Bürger und Polen möglich, spontan und nur mit dem Personalausweis in das Nachbarland zu reisen. Die Lausitzer Rundschau berichtete von der Grenzöffnung: „Tausende passierten schon am ersten Tag des visafreien Verkehrs die Grenzübergangsstelle in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben.“ Für den Individualverkehr gab die Cottbuser Tageszeitung Hinweise zum Fahrkartenerwerb, zur KFZ-Versicherung im Ausland und zum Geldumtausch. In der Folgezeit kamen in der Bezirkshauptstadt nützliche Projekte auf den Weg. In der 1. Erweiterten Oberschule gab es Polnisch als zweite Fremdsprache. Zwischen Cottbus und Zielona Gora wuchs ab 1975 eine Städtepartnerschaft heran, die neben dem Polittourismus auch die Menschen näherbrachte. Zwischen beiden Städten gab es eine Busverbindung.
Diese Entwicklung endete jäh im Dezember 1981. Über Polen wurde das Kriegsrecht verhängt.

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