32-bit-Mikroprozessor gegen Ochs und Esel

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Anfang des Jahres 1989 ahn­te niemand, dass schon elf Monate später die innerdeut­sche Grenze geöffnet würde. Bei der Tagung des Thomas-Müntzer-Komitees im Januar betonte Erich Honecker noch, dass die Mauer bleibt. »Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind«. Dem werden die Menschen damals mehrheitlich traurig-bedauernd zugestimmt haben. Und wenn der Generalsekretär im Frühjahr 1989 gestorben wäre, hätten sich si­cherlich viele namhafte westliche Poli­tiker an den Beisetzungsfeierlichkeiten beteiligt. Die Resonanz in den östlichen Hauptstädten wäre vermutlich geringer ausgefallen. Aber Honecker überlebte im Sommer eine Gallenblasenoperati­on. Bevor sich der SED-Chef bis Oktober in den Genesungsurlaub zurückzog, stellte er am 14. August, vor 30 Jahren, der staunenden Welt die neueste Krea­tion der DDR-Mikroelektronik vor, den 32-bit-Prozessor. In seiner Rede vor den Erfurter Mikroelektronikern fiel dann, zwei Monate vor seinem Rücktritt, der berühmt-berüchtigte Satz: »Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.«

Beachtlicher Stand der DDR-Mikroelektronik

Dabei war der Prozessor eine beachtli­che Leistung des Kombinates Robotron. Der Kommentator der Lausitzer Rund­schau wies auf das westliche Embargo hin und auf die Tatsache, dass »dieser neue Prozessor eine Eigenleistung der DDR in einer Welt und zu einer Zeit ist, da solche Erzeugnisse in den hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern wegen ihrer strategischen Bedeutung für die Wissenschaft auf der Liste stehen, die die Ausfuhr in den Sozialismus verbietet.« Anregungen fanden die Wissenschaftler höchstens aus Fachzeitschriften, bei kollegialen Gesprächen zu internationalen Mes­sen und natürlich beim Studium von Vergleichsmustern. In Erfurt, Dresden, Mühlhausen, Frankfurt/Oder und et­lichen anderen Standorten wurde ge­forscht und entwickelt. Im Bezirk Cott­bus produzierten der VEB Robotron in Hoyerswerda und der VEB Mikroelek­tronik in Großräschen. Es entstanden Großrechner, Bürocomputer, Bildungs­computer und Personalcomputer. Die Qualität der Geräte war international akzeptiert, die Bedarfsdeckung eher schwach. Besonders groß waren die Begehrlichkeiten bei Heimcomputern. Hier gab es Bausätze zum Selberma­chen und den KC 85 bzw. ab 1987 den KC 87. Dieser bestand aus dem eigentli­chen Rechner, einem Kassettenrecorder als Datenträger und einem Fernseher als Monitor. Dazu gab es den Nadeldru­cker K 6313. Für den privaten Haushalt war der Bedarf bei Computern lange nicht gedeckt. Der KC 87 kostete nach einer Preissenkung 1989 zwischen 1 600 und 2 100 Mark. Mindestens so viel musste man aber auch für einen gebrauchten Atari oder C 64 im An- und Verkauf anlegen.

Realitätsverlust der Führung

Der Bezirk Cottbus war zwar kein Schwerpunkt der Mikroelektronik der DDR, gehörte aber mit den Werken der Grundstoffindustrie zu den Nutzern. Die Lausitzer Rundschau bewertete anlässlich der Präsentation des 32-bit-Prozessors den unterschiedlichen Leis­tungsstand: »Auf der einen Seite schla­gen der VEB Robotron Hoyerswerda, das Wohnungsbaukombinat oder das Gaskombinat ein ansehnliches Tempo an, dem das Kombinat Lausitzer Glas und das Textilkombinat noch nicht recht folgen.« In Cottbus begann Mitte der Achtziger die Ausstattung der Verwal­tung mit Computerarbeitsplätzen. In den Abteilungen des Rates der Stadt arbeiteten zwei Robotron A 5120 (Preis 60 000 Mark) und drei Robotron PC 1715 (19 000 Mark). Zum Betrieb der PC waren schwer beschaffbare Disketten erforderlich (10 Stück 1 200 Mark). Den ersten Computer mit Farbbildschirm und Festplatte, den PC 7150, gab es 1988.

Doch zurück zur Honecker-Rede. Im August spitzte sich die Situation in den westdeutschen Botschaften in Prag und Budapest zu. Vermutlich deshalb sagte der Generalsekretär: »Mit unse­ren Leistungen … stellen wir zugleich unter Beweis, dass das Triumphgeschrei westlicher Medien über das Scheitern der sozialistischen Gesellschaftskon­zeption nicht das Geld wert ist, das dafür ausgegeben wird. Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.« Damit lag Honecker bekanntlich falsch. Die Mi­kroelektroniker der DDR hatten unter widrigen Weltmarktbedingungen bemerkenswerte Leistun­gen vollbracht. Honecker und seinem Führungs­zirkel hingegen war im Sommer 1989 allerdings die Realität abhandenge­kommen. Von dem an­schwellenden Strom der Flüchtlinge, von den Bot­schaftsbesetzungen und dem großen Schweigen soll in den nächsten Wo­chen die Rede sein.

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