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Leserpost - Therapeuten am Limit

Sachsen. 1000 Brife an den gesundheitsminister: Solveig Reinisch, Ergotherapeutin, Heilpraktikerin Psychotherapie, Traumaberaterin schildert ihre Erfahrungen mit dem "Kranken Gesundheitssystem".

Die Situation der Heilmittelerbringer in Deutschland ist mehr als schlecht.
Fachkräftemangel, veraltete Ausbildungsinhalte, eine zu geringe Vergütung durch die Krankenkassen und fehlende Wertschätzung lassen Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen im internationalen Vergleich ganz alt aussehen.

Eine flächendeckende Versorgung von Patienten ist ernsthaft gefährdet.

Um Ihnen dieses Thema näher zu bringen, habe ich in der Anlage eine Zusammenfassung von 1000 Briefen - adressiert und überreicht an Gesundheitsminister Spahn - in denen Therapeutinnen und Therapeuten sehr deutlich über ihre desolate berufliche Lage berichten.

Therapeuten am Limit ? Zusammenfassung der Briefe
Seit Veröffentlichung meines Brandbriefes vom 23.03.2018 haben mich täglich viele Briefe von Heilmittelerbringern aus dem gesamten Bundesgebiet erreicht. Es sind über 1000 Schreiben nicht gerechnet die zahlreichen Posts und Kommentierungen in den Social Media. Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen beschreiben in den Zuschriften ihren Alltag, ihre Sorgen, ihre Wut und ihre Verzweiflung.

Dabei haben sich nicht nur Kollegen gemeldet, die aktuell den Beruf noch ausüben, sondern auch zahlreiche Kollegen, die meist aus finanziellen Gründen gezwungen waren den Beruf oder das Land zu verlassen. Alle schreiben über die unzureichende Vergütung, über das unzumutbare Ausmaß des bürokratischen Wahnsinns, den Fachkräftemangel, hohe Schulden wegen Ausbildung und Fortbildungen, die fehlende Anerkennung und Wertschätzung des geliebten und gesellschaftlich wertvollen Berufes und über noch größere Sorgen was die Zukunft bringt. Im Folgenden Zitate einiger Therapeuten, die hier stellvertretend für alle Zuschriften aufgeführt sind… was uns bewegt!

Unzureichende Vergütung
- „Ich wünsche mir wieder ein Leben zu haben! Ich wünsche mir, dass ich 30 Tage Urlaub
erwirtschaften kann! Ich wünsche mir, dass dann noch genug übrig bleibt um meine Familie zu
ernähren! Das wärs – mehr ist es nicht!“ (Ralph C.)
- „Seit vier Jahren arbeite ich zusätzlich zu der 40?42 Stunden Woche (laut Vertrag) in einem Nebenjob
auf 400€ Basis. Anders könnte ich mir hier ein Leben mit eigener Wohnung und Auto nicht leisten.“
(Lea K., Ergotherapeutin)
- „Ich finde es außerdem absolut ernüchternd, dass ich nach drei Jahren anspruchsvoller Ausbildung
(mit Abitur als Voraussetzung) und mit hohen täglichen Anforderungen für einen Nettostundenlohn
von unter 10€ arbeiten muss (die unbezahlten Überstunden sind hier noch nicht mal
miteinberechnet).“ (Elena, Logopädin)

Bürokratischer Wahnsinn
- „Neben den 30?Minuten?Takt?Behandlungen muss natürlich die Bürokratie noch erledigt werden.
Dokumentationen, Arztberichte und ?telefonate, Rezeptänderungen, Terminvergaben etc.
geschehen nebenbei und selbstverständlich unentgeltlich.“ (Tabea W., Ergotherapeutin)
- „Dabei blieb es nicht ? Patienten terminieren, Hausbesuchs Routen planen, Rezepte für die
Abrechnung vorbereiten (noch einmal kontrollieren ob denn jedes Kreuzchen auch wirklich am
rechten Platz ist) Therapieberichte schreiben fand dann täglich nach Feierabend statt. 7 Monate habe
ich das mindestens dreimal die Woche für je mindestens eine Stunde durchgehalten. DANN WAR ICH
AM LIMIT! 7 Monate im Beruf und grade mal 20 Jahre alt. Es folgten frustrierte Heimfahrten und
dann meine Kündigung.“ (Laura I., Physiotherapeutin)
- „Für all das werde ich nicht bezahlt. Es gibt keinen Abrechnungsposten für „bürokratischen Blödsinn“
oder „Fehler von anderen korrigieren“, auch nicht für „Inkasso für die Krankenkasse“ oder „Hilfe bei
der Statistik“ (Indikationsschlüssel werden von den Kassen beispielsweise dafür benutzt, um
herauszufinden, wie viele „Wirbelsäulenbeschwerden mit kurzfristigem Behandlungsbedarf“
behandelt wurden.“ (Modesta K. Physiotherapeutin)

Fachkräftemangel
- „In den letzten zwei Jahren haben sechs Fachkräfte (Logopäden, Ergotherapeuten,
Physiotherapeuten) unsere Praxis verlassen, lediglich zwei neue Fachkräfte sind hinzugekommen.“
(Lea. K., Ergotherapeutin)
- „Der Fachkräftemangel wird immer deutlicher spürbar, es ist kaum noch möglich Therapeuten zu
finden.“ (Diana R., Physiotherapeutin)
- „Für die Behandlung von Hauspatienten findet sich in Berlin kein Therapeut mehr, jeden Tag müssen
wir Patientenanfragen aufgrund Fachkräftemangels ablehnen.“ (Andrea F., Physiotherapeutin)

Patienten erhalten nicht die notwendigen Rezepte
- „Ich liebe meinen Job aber manchmal werde ich müde, müde ständig mit den Kassen zu kämpfen,
ständig in einem immerwährenden "Hamsterrad" zu sitzen, zu sehen, wie Patienten, die Therapie
brauchen, sie nicht bekommen und man kann nicht helfen.“ (Sandy R.B., Physiotherapeutin)
- „Mit Schmerzen muss der Patient alleine zurechtkommen.“ (Natascha C., Physiotherapeutin)
- „Ich beobachte eine zunehmende Einflussnahme der Krankenkassen auf die Heilmittelverordnung.
Es ist bedenklich, wenn zu der Entscheidung "eine Therapie zu verordnen" neben Arzt und Patient,
auch noch Versicherungsfachangestellte befragt werden müssen ob alles seine Richtigkeit hat
(HMR).“ (Mike S., Ergotherapeut)
- „Budgetierung der Ärzte zwingt, diese günstigere Verordnungen zu rezeptieren und nicht diejenigen,
welche benötigt werden.“ (Frank H. Physiotherapeut)

Arbeitsbelastung / Taktung
- „Was mich beruflich ans Limit bringt, ist zum Beispiel der Umstand, dass ich, sobald ich mit meiner
Arbeit beginne, wie am Fließband Patienten behandeln muss. Ich schaffe es gerade mal, meine
Hände zu desinfizieren. Gehe ich pinkeln, bin ich im Verzug. Muss ich was trinken, bin ich im Verzug.
Hat Oma Erna noch eine Frage oder Kummer ... bin ich im Verzug. Und den schleppe ich dann in die
Pause oder in den Feierabend. Das war übrigens auch in der Schwangerschaft so.“ (Sandra M.B.,
Physiotherapeutin)
- „Ich arbeitete täglich fast 12 Stunden für 1800€, am Rande jeder arbeitsrechtlichen Legalität.“
(Madlen T., Physiotherapeutin)
- „Ich habe eine 50?60 ? Stunden? Woche und aufgrund unseres niedrigen Gehalts dennoch niemals
Geld übrig am Ende des Monats.“ (Ruth E. Logopädin)

Hohe Kosten für Aus? und Fortbildung
- „… und müssen dann noch utopische Summen für Fortbildungen ausgeben und haben dann nach
der Fortbildung und mit Zusatzqualifikation nicht mal eine Gehaltserhöhung! Wie kann das sein?“
(Ines G., Ergotherapeutin)
- „Wie kann es sein, dass wir Heilmittelerbringer nach der Ausbildung zunächst mit 20.000 – 30.000
Euro verschuldet ins Arbeitsleben starten, um dann in einem der 20 am schlechtesten vergüteten
Berufe zu arbeiten, und dann noch als Angestellte mit bereits versteuertem Geld Fortbildungen und
Weiterbildungen bezahlen zu müssen, da die Ausbildung nicht zur vollständigen Ausübung des Berufs
ausreicht…“ (Michel J. W., Ergotherapeut)
- „Bachelor Studium zum Physiotherapeutin für 28.000€ oder Ausbildung mit Schulgeld. KEIN Gehalt
während der Ausbildung. Vollzeitausbildung mit insg. 12 Monaten Praktika (40h/Woche am
Patienten) OHNE jegliche Vergütung“ (Tabea P., Physiotherapeutin)

Schulden
- „Vor 1,5 Jahren habe ich mich entschlossen meine Praxis zu verkaufen. Und das, obwohl der
Terminplan übervoll war. Nach langer und nervenaufreibender Suche, habe ich vor 4 Wochen doch
noch verkaufen können. Ich habe nun eine Stelle als Physiotherapeutin und fachliche Leitung in einer
Praxis und obendrein einen Schuldenberg in Höhe von 80.000 Euro.“ (Astrid G., Physiotherapeutin)
- „Es bringt mich an mein Limit, jeden Monat die Ängste zu haben, ob die Einnahmen ausreichen, um
die Gehälter und den Kredit für die Praxisausstattung, ... zu zahlen…“ (Anja G., Logopädin)
- „Letztendlich bin und war ich sehr gerne Physiotherapeutin. Aber meine Rückkehr in den Beruf ist
sehr unwahrscheinlich. Mein BAföG könnte ich mit den typischen Verdiensten nicht zurückzahlen.“
(Uta S., Physiotherapeutin)

Fehlende Anerkennung und Wertschätzung
- „Selbstzuzahlende Ausbildung, mangelnde Berufsperspektiven und immer noch ungenügende
Akzeptanz unseres verantwortungsvollen Berufes in der Öffentlichkeit sorgen u.a. dafür, dass das
Interesse an der Tätigkeit als Podologen nicht wirklich wertgeschätzt wird ? oder zumindest nur
ungenügend!“ (Martina S., Podologin)
- „Wenn sich nicht bald in den Köpfen der Verantwortlichen etwas tut und die Wertigkeit aller
Pflegeberufe endlich angemessen bewertet wird, auch in der Bezahlung, steuern wir auf eine
Katastrophe zu!“ (Claudia H.G.)
- „Ich empfinde die wirtschaftliche Situation als untragbar und auch ein Stück weit als Missachtung
meiner wichtigen Arbeit. Für technische medizinische Hilfsmittel werden von den Krankenkassen oft
immense Summen übernommen, für die teilweise lebenswichtige, psychisch und fachlich
anspruchsvolle Arbeit von uns Therapeuten ist angeblich einfach kein Geld da...“ (Rike B., Logopädin)

Altersarmut
- „Nach dem letzten Bescheid zu meiner gesetzlichen Rente aus dem Leben vor der Selbständigkeit
komme ich auf ca. 500,?€ Rente. Über 20 Jahre als Physio? u. Manualtherapeut mit Leidenschaft hat
sich daran nur wenig geändert.“ (Mario M., Physiotherapeut)
- „Aufgrund des unterdurchschnittlichen Verdienstes ist eine private Zusatzrentenversicherung
erforderlich, um im Rentenalter nicht von der Altersarmut betroffen zu sein. Das monatliche Gehalt
lässt jedoch keinen Spielraum, um in solche Versorgungsleistungen einzuzahlen.“ (Tabea W.,
Ergotherapeutin)
- „Angst vor dem Rentendasein ohne Rente, aber mit sozialem Abstieg: Das verdiente Geld reicht
hinten und vorne nicht für eine vernünftige finanzielle Absicherung im Alter.“ (Susanne G.,
Logopädin)

Ich liebe meinen Beruf aber…
- „Ich habe mich für ein Masterstudium und ein Leben in den Niederlanden entschieden, weil die
Rahmenbedingungen der Physiotherapie in Deutschland für mich nicht auszuhalten sind.“ (Rebekka
D., Physiotherapeutin)
- „Seit Monaten habe ich schlaflose Nächte und die Gedanken kreisen nur noch um die Praxis und den
daraus resultierenden finanziellen Sorgen. Sorry, das kann so nicht weiter gehen. Es muss sich Etwas
tun!“ (Verena S., Physiotherapeutin)
- „Schon oft habe ich über das Aufgeben des Jobs nachgedacht aufgrund schlechter Bezahlung und
grottiger Arbeitsbedingungen, aber ich mache den Job sehr gerne! Fragt sich wie lange noch?!“
(Kathrin Z.)
- „Wie kann es sein, dass ich trotz finanzieller Geringschätzung meinen Beruf weiterhin ausübe,
obwohl mir massenweise Freunde und Familienangehörige davon abraten? Weil ich sinnvolle Arbeit
am Menschen verrichte. Auch wenn ich aus finanziellen Gründen wohl langfristig aus dem Beruf
ausscheiden muss, so werde ich auch weiterhin berufspolitisch dafür kämpfen, dass unsere Berufe
nicht vollends aussterben.“ (Michel W., Ergotherapeut)

Abschließend kann ich nur noch hinzufügen, dass die vielen Zuschriften gezeigt haben, dass zahlreiche
Therapeuten meine Sorgen und Forderungen teilen. Daher möchte ich auch an dieser Stelle nochmal meiner Forderung aus dem Brandbrief Nachdruck verleihen: Sorgen Sie alle, die für Änderung dieses unhaltbaren Zustandes Mitverantwortung tragen, alsbald dafür, dass die Einkünfte der niedergelassenen Therapeuten eine Anpassung an die notwendigen Erfordernisse erfahren, damit Praxisinhaber und Angestellte angemessen entlohnt werden und davon wieder leben können, dass eine Vorsorge für das Alter wieder möglich werden, dass frustrierte Kollegen wieder in ihren geliebten Beruf zurückkehren und der Fachkräftemangel gestoppt werden kann. Die Ausbildung muss kostenfrei werden. Sorgen Sie dafür, dass diese Berufe die notwendige Anerkennung erhalten, nicht aussterben und Patienten ihre notwendige Versorgung dauerhaft ermöglicht wird.

Verstehen Sie den Warnruf meiner Berufskollegen und mir und handeln Sie – es ist bereits 5 nach 12!
Heiko C. Schneider

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