Tony Keil

»Unmittelbar betroffene Region geht leer aus«

Görlitz. Die Lausitz bekommt ein Forschungszentrum für Astrophysik. An Standort und Forschungsthema gibt es Kritik.

Bilder
So könnte der zukünftige DZA-Campus in Görlitz auf dem Kahlbaum-Areal aussehen.

So könnte der zukünftige DZA-Campus in Görlitz auf dem Kahlbaum-Areal aussehen.

Foto: DESY, Staab Architekten

Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) kommt in die Lausitz. In Görlitz ist auf dem Kahlbaum-Areal ein offener Campus für Spitzenforschung mit Zentren für Astrophysik und Datenwissenschaften, einem Technologiezentrum und einem Zentrum für Innovation und Transfer geplant. Teil des Konzepts ist zudem ein Besucherpark. In Ralbitz-Rosenthal (Landkreis Bautzen) soll außerdem ein Untergrundlabor für seismologische Messungen entstehen. Das Forschungszentrum will Green Computing und die ressourcensparende Digitalisierung vorantreiben. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Auswertung digitaler Daten sein, die in der Astrophysik in großen Mengen entstehen.

 

Nachdem das DZA Ende September den Zuschlag für die Lausitz erhielt, beginnt nun eine dreijährige Aufbauphase, bevor das Zentrum formal gegründet wird. Dazu sollen zeitnah Planungsteams an den Standorten in Görlitz und Ralbitz-Rosenthal die Arbeit aufnehmen. Nach der Gründung ist eine jährliche Förderung von 170 Millionen Euro vorgesehen. Im DZA selbst sollen rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt werden, außerdem rechnet man mit rund 2000 Arbeitsplätzen, die im Umfeld entstehen.

 

Landrat Dr. Stephan Meyer nannte der Tag der Entscheidung pro DZA einen guten Tag für die Entwicklung der Oberlausitz zur Innovationsregion: »Die Astrophysik ist ein starker Treiber für die Verarbeitung riesiger Datenmengen zur Entwicklung neuartiger Anwendungen insbesondere im Bereich der Digitalisierung. Unser tägliches Leben ist damit bereits jetzt und wird in den nächsten Jahren noch stärker davon berührt sein.« Das DZA biete große Chancen, um jungen Menschen in der Oberlausitz eine spannende Perspektive vor Ort aufzuzeigen. Gleichzeitig ziehe es Menschen aus der ganzen Welt in die Lausitz, um diese einmalige Forschungslandschaft zu nutzen und hier zu arbeiten. »Über den Einsatz von Forschungspersonal hinaus entstehen neue Arbeitsplätze für Facharbeiter technischer und kaufmännischer Berufe von Materialverarbeitung, über Elektronik bis hin zu Einkauf und Administration. Das ist ein starker Beitrag zur langfristigen Strukturstärkung«, so Meyer.

 

Kritik an Standort und Forschungsschwerpunkt

 

In die Freude über die Investition in die Lausitz mischte sich bei manchem aber auch Kritik. So sagte etwa die Landtagsabgeordnete Antonia Mertsching (Die Linke): »Meine Freude ist aber getrübt und ich bin nicht frei von Skepsis. Es wurde ein weiteres Mal über die Region und nicht mit der Region entschieden. Bedauerlicherweise geht die vom Kohleausstieg unmittelbar betroffene Region leer aus – das ist wieder einmal frustrierend. Zudem muss sich erst zeigen, inwiefern die Themensetzung der Großforschungszentren tatsächlich Impulse für eine nachhaltige Entwicklung liefern wird.« Sie hätte mit Blick auf den Klimaschutz und die Erfahrungen und Traditionen in der Lausitz die Themen Bauen und Wohnen bevorzugt.

 

Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst hätte sich einen anderen Forschungsschwerpunkt gewünscht. Er bedauere, dass das LAB - Lausitz Art of Building der TU Dresden in der Lausitz nicht zum Zug gekommen ist. Dies sei eine verpasste wirtschaftliche Chance für die Region. »Ein Bauforschungszentrum, das unmittelbar mit der mittelständischen Wirtschaft hätte kooperieren können, wäre unter diesem Gesichtspunkt für positive wirtschaftliche Effekte in der Lausitz und den Strukturwandel die bessere Wahl gewesen.«

 

Hintergrund: DZA setzte sich in Ideenwettbewerb durch

 

Im Rahmen von »Wissen schafft Perspektiven für die Region!«, einer gemeinsamen Initiative des Bundes, des Freistaats Sachsen und des Landes Sachsen-Anhalt, war ein Ideenwettbewerb für zwei Großforschungszentren im Lausitzer und im Mitteldeutschen Revier ausgerufen worden. Eine Perspektivkommission hatte im Juli 2021 sechs Bewerber ausgewählt, die ihre ausgearbeiteten Konzepte im Mai 2022 zur Begutachtung vorlegten.

 

Ende September fiel nun die Entscheidung. Neben dem DZA in der Lausitz entsteht im mitteldeutschen Revier, genauer in Delitzsch, ein Forschungszentrum für Chemresilienz. Das »Center for the Transformation of Chemistry« (CTC) wird sich mit einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse befassen. Durch nachwachsende Rohstoffe, kurze Transportwege sowie lokale, kostengünstige und nachhaltige Produktionsprozesse soll eine nachhaltige Versorgung wichtiger Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, und Landwirtschaft sichergestellt werden. Der Bund stellt aus dem Strukturstärkungsgesetz bis einschließlich 2038 je 1,1 Milliarden Euro pro Zentrum bereit. Dazu kommen noch Beiträge der Länder.


Meistgelesen