Birgit Branczeisz/rob

Neuer Stadtrundgang zur Geschichte Dresdner Huren

Dresden. Der spannende Blick in die Hinterzimmer der Stadt hat eine neue Dimension bekommen. Grund dafür ist nicht nur Corona.

Bilder
Das Love-Mobil des Gesundheitsamtes - mitten auf dem Altmarkt. 2019 zum Welt-Hurentag am 2. Juni ging das Amt  mit dem Thema bewusst an die Öffentlichkeit.

Das Love-Mobil des Gesundheitsamtes - mitten auf dem Altmarkt. 2019 zum Welt-Hurentag am 2. Juni ging das Amt mit dem Thema bewusst an die Öffentlichkeit.

Foto: Matthias Stiehler

Dresden bekommt einen neuen Stadtrundgang. Schon der Titel hat es in sich: »Geschichte der Prostitution in Dresden - Plätze, Persönlichkeiten, Geheimnisse«. Die Idee für diesen Rundgang kommt nicht etwa von einem findigen Stadtführer, sondern von Dr. Matthias Stiehler, dem Leiter des Sachgebiets Sexuelle Gesundheit in Dresden. Seit der Wende kümmert sich der frühere Pfarrer um die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in der Stadt. Zum Welthurentag am 2. Juni 2019 wollte er mal bewusst mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehen - stellte kurzerhand einen Wohnwagen vors Karstadt an der Altmarktgalerie, es gab Vorträge und Diskussionen mit dem Publikum.

 

Alexandra-Kathrin Stanislaw-Kemenah, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, eine studierte Historikerin, warf einen Blick zurück. »Prostitution im Mittelalter, in der DDR, in der Gegenwart« – und am Ende war allen Beteiligten klar, es gibt eine durchgängige Geschichte des »ältesten Gewerbes« seit es Dresden gibt, ob nun im Mittelalter, im Barock, in der Zeit der Reformation oder der Gegenwart.

 

Tour-Start zum CSD

 

Die Tour startet an der Kreuzkirche, so viel sei schon mal verraten. Nicht zufällig. Hier stand das erste urkundlich 1415 erwähnte »Frauenhaus« an der Lochgasse gleich hinter der Kreuzkirche. Zwischen fünf und zehn Frauen waren »im bösen Haus« angestellt – und zwar bei der Stadt. Die Oberaufsicht führte dann auch der städtische Henker. Fürs Seelenheil der Damen fühlte sich die Stadt allerdings nicht zuständig – nicht von ungefähr stand Dresdens erstes Freudenhaus in der Nähe der Kreuzkirche. Lebte doch der Pfarrer ein Stück weit von den Einkünften der Prostituierten, weil er eine Steuer vom »Hurenhaus« bekam. Als Gegenleistung sollte er Abbitte für die Dirnen leisten. Ob er das getan hat, ist nicht überliefert.

 

Wie August der Starke die illustren Damen hoffähig machte, warum Friedrich II. von Preußen Sachsens Graf von Brühl abgrundtief hasste und wie mit Frauenheld Giacomo Casanova eine wahre Tripper-Epidemie nach Dresden kam, all das und viele andere Begebenheiten aus dem verborgenen Dresden können sich die Gäste des Stadtrundgangs anhören. Nach Corona soll der Start nun am Christopher Street Day am 2./3. September erfolgen.

 

Probleme der Szene

 

Derweil haben die letzten zwei Jahre der Szene ganz neue Sorgen beschert. »Zwei Dinge haben die Betulichkeit Dresdens gehörig durcheinander gebracht«, erklärt Matthias Stiehler nachdenklich. Corona, wegen des langen Arbeitsverbots, was nachhaltig das Vertrauen zur Szene gestört hat und das neue Prostitutionsschutzgesetz von 2018, das jetzt einen Effekt hat, den man genau nicht wollte. »Dresden hatte nach der Wende und den wilden 1990er Jahren eine ruhige, fast beschauliche Szene, ich habe das sogar mal gemeindenahe Prostitution genannt. Die meisten Prostituierten waren Dresdnerinnen, die Treffen liefen in privaten Wohnungen in normalen Wohnhäusern. Man hatte sich im Umfeld arrangiert, eine ruhige Szene.«

 

Das neue Gesetz, das Zwangsprostitution aufdecken will, sieht unter anderem vor, dass alle Personen wenigstens einmal in die Behörde müssen und es gibt bauliche Auflagen, zum Beispiel zwei Toiletten oder den Notknopf und vieles mehr. Große Bordelle haben keine Probleme alle Auflagen zu erfüllen – von den Wohnungen sind jedoch viele plötzlich »nicht mehr genehmigungsfähig«. Die Folge: Die Frauen sind heimlich umgezogen, hinterlassen keine Adressen mehr. Der Kontakt ist abgebrochen, das Vertrauen auch.

 

Stattdessen ist zu beobachten, dass das entstandene Vakuum durch andere ausgefüllt wird. Wohnungen werden neuerdings für zwei, drei Wochen über AirBnB angemietet. Strohmänner erledigen das, dahinter stehen bundesweit agierende Netzwerke. Die schicken die Frauen bundesweit arbeiten. Diese haben keine Chance, sich vertrauensvoll an jemanden zu wenden, beraten oder untersuchen zu lassen. »Die Szene ist verkommen, da ist etwas in Gang gekommen, was nicht gewollt sein kann«, so ein Insider. Sich mit diesem verborgenen Thema öffentlich zu befassen, hat eine neue, ernste Dimension bekommen.