André Schramm

Marek aus Polen: Der fleißige Nachbar muss raus!

Marek (66) war jahrelang gut genug, wenn sein Vermieter ihn brauchte. Jetzt ist der gebürtige Pole sterbenskrank und hat die Räumungsklage bekommen. Das traurige Ende einer einseitigen Freundschaft in einem Neustädter Hinterhof.
Bilder

"Der Marek war ein stattlicher Mann und fleißig. Ich habe ihn oft auf dem Gerüst oder im Hinterhof arbeiten gesehen", sagt eine Nachbarin. Ihr zerreiße das Herz, wenn sie sehe, was ihm und seiner Familie gerade passiere, schiebt sie noch hinterher. Seit zwei Jahren ist der Pole, der schon seit 30 Jahren mit seiner Frau in Deutschland lebt, verschwunden. Marek hat Leberkrebs und wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben. In drei Wochen müssen sie aus der Wohnung raus. So will es der Vermieter. Seine Frau Barbara (52) sitzt am Küchentisch. Vor ihr liegen Fotos aus einem reichlichen Jahrzehnt. Ein Großteil der Bilder dokumentiert das Baugeschehen an ihrem Zuhause – einem Hinterhofhäuschen in der Nähe der Bautzner Straße. "Das war eine absolute Bruchbude und Müllhalde. Nicht einmal im Grundbuch gab es einen Eintrag", sagt die Nachbarin. Der Marek macht das Wo andere Arbeit sahen, packte Marek ohne zu fragen an. Er baute Balkons, sanierte Wohnungen, strich Treppenhäuser – alles im Auftrag seines heutigen Vermieters, der viele Wohnungen in der Neustadt besitzt. "Mein Vater ging oft 6 Uhr aus dem Haus und war erst 22 Uhr wieder zurück. Die Wochenenden hat er meistens durchgearbeitet. Manchmal habe ich ihn gar nicht gesehen", sagt Sohn Olaf (23). Irgendwann fragte Marek seinen Auftraggeber, was denn mit der Hinterhofruine sei? Beide schlossen einen Deal, der nicht gut gehen konnte: Marek saniert das Haus auf eigene Faust und darf dann für eine Kaltmiete von nicht mehr als 600 Euro mit seiner Familie drin wohnen. Lediglich die Materialkosten sollte der Vermieter tragen. Alles mündlich verabredet im guten Glauben. Schmuckstück Das Haus wurde entkernt, ein Fußboden eingebaut, Sanitäranlagen erneuert u.v.m.. Entstanden ist ein kleines Schmuckstück, das sich inzwischen viel besser vermieten lässt.  "Hätte ich geahnt, wie sich die Sache entwickelt, hätten wir viele Dinge schriftlich regeln sollen. Wir waren einfach naiv", sagt Barbara unter Tränen. Sie habe viel zu sehr auf eine Freundschaft vertraut, die am Ende keine war – trotz gegenseitiger Geburtstagsbesuche und Urlaubskarten. Im April 2008 zog die Familie ein. Eine Abnahme hat es nicht gegeben, auch kein Protokoll. Nur Rechnungen über 28.000 Euro hat sie aufgehoben. Weil der Pakt schon an der Finanzierung der Materialkosten scheiterte, sollte die Familie ihre Unkosten einfach abwohnen, sechs Jahre nur Nebenkosten zahlen. Die Familie befand sich zu dieser Zeit längst in einer gefährlichen Abhängigkeit. Marek war mit seinen goldenen Händen immer wieder gefordert, auch als der Vermieter seine Villa in Blasewitz sanieren ließ. "Auf einen Großteil des Geldes wartet mein Vater heute noch", sagt Olaf. Kostet jetzt 1.700 Euro Miete
2013 steht der Vermieter dann mit einem Mietvertrag vor der Tür. Die Wohnung samt Werkstatt nebenan koste jetzt 1.700 Euro im Monat. "Ich habe den Vertrag nicht unterschrieben. Das konnten wir uns einfach nicht leisten", sagt Barbara. Man wollte aber auch keinen Streit provozieren, sondern nach einer Lösung suchen. Es beginnt eine Juristerei, die im Sommer 2014 in einem Vergleich mündet: 500 Euro Kaltmiete für die nächsten zweinhalb Jahre, danach Auszug. 2015 dann die Schockdiagnose: Leberkrebs. "Mein Vater verlor in zwei Monaten 25 Kilo", sagt Olaf. Eine Operation musste abgebrochen werden, weil das Risiko zu groß war. Barbara gibt ihre Hausmeisterfirma auf, um sich um ihren Mann zu kümmern. Die Familie bekommt Aufschub (Räumungsschutz). Die Tochter unterstützt ihre Eltern finanziell. Letzter Termin ist nun der 31. August. Eine neue Wohnung ist nicht in Sicht, weil die Aufenthaltsbescheinigung von Barbara fehlt (nach 30 Jahren) und der Rentenantrag von Marek nicht bearbeitet wird. "Wir wollen einfach in Würde ausziehen, brauchen aber noch etwas Zeit", sagt Barbara. Vom fleißigen Marek ist nicht mehr viel übrig. Zusammengekauert liegt er wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa und starrt auf sein Lebenswerk.


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