Birgit Branczeisz

Frag doch mal den Ronny!

Radebeul/Dresden. Im Stadteilladen Alttrachau ist Zeit fürs Miteinander.
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Ronny Wetzig freut sich in seinem Stadtteilladen auch auf andere Mit-Macher.

Ronny Wetzig freut sich in seinem Stadtteilladen auch auf andere Mit-Macher.

Foto: Branczeisz

Kürzlich lugten zwei ältere Damen durch sein Schaufenster und verkündeten "Hier würden sie gern mal Kaffeetrinken!". Jeder andere hätte sie vielleicht schmunzelnd abgewiesen - Ronny Wetzig meinte nur: "Das machen wir!" Am nächsten Donnerstag standen die beiden mit selbstgebackenem Kuchen vor der Tür der "kreativen Welt" in Alttrachau 46. Ronny hat Kaffee gekocht und die drei verbrachten "seit Langem den schönsten Tag". Sowas passiert Ronny Wetzig mit seinem Stadtteilladen immer wieder.

Leute, die ihn spontan nach einem Töpferkurs umarmen, eine Frau die jetzt Flyer für ihn entwirft, weil sie das eben gut kann - eine Familie, die zwei Nächte bleiben konnte und dafür die Fenster geputzt hat. Junge Mütter treffen sich mit ihren Kleinkindern hier kostenlos einmal im Monat zur Krabbelgruppe, der Yogaverein hat sein Zuhause hier gefunden. Leute mit Kleingewerbe mieten sich bei Ronny ein, es gibt Mal- und Töpferkurse, Feldenkrais-Kurse, Handlettering & Fotografie, es wird gemeinsam gespielt und gekocht.

Und Weihnachten möchte Ronny den Stadtteilladen kostenfrei für Menschen öffnen, die es nicht gerade leicht hatten dieses Jahr, die einsam sind und einfach in einer geselligen Runde Miteinander finden. Das ist sozusagen der Geschäftszweck von Ronnys Laden - Menschen zusammenbringen. Klingt banal, ist aber ganz hohe Schule - die Schule des Herzens, das selbst durch Tiefen gegangen ist. Für den 53-Jährigen war das ein 20-jähriger Job als Prozessmanager.

Doch irgendwann war die Luft raus, er selbst sagt, er sei nur noch eine Hülle gewesen. 15 Monate war er krank, vier davon im Krankenhaus - und irgendwann konnte er wieder fühlen. Nie werde er den ersten Frühling danach vergessen, er war voller Farben und Duft, so intensiv wie nie. "Seitdem ist jeder Job wie Urlaub", sagt er lachend. Er hat sich umgeschaut, schließlich hatte er mal Zootierpfleger gelernt, war Zivi in einem Kinderheim und hatte auch mit psychisch Kranken gearbeitet.

Das Leben - das war jetzt alles, nie mehr "da draußen". Der Stadtteilladen ist seine Antwort auf diese persönliche Erfahrung und auch wenn er in Teilzeit noch bei einem Lieferdienst unterwegs ist - er ist unterwegs und trifft Menschen. Und sie finden ihn. Die Frau, die unbedingt etwas für Sternenkinder-Eltern mache möchte, weil auch sie das erleben musste. Die Filmemacherin, die er jetzt getroffen hat und vorbeikommen will, um mal ganz "bei sich" zu sein.

Nächstes Jahr plant Ronny Wetzig eine "Wünsche- und Träume-Runde" für andere, die mit ihrem Leben eigentlich nicht so glücklich sind - einmal im Monat will man sich treffen. Die Worte "Öffnungszeit" oder "Sprechzeit" haben hier eine andere Bedeutung. Manchmal geht es auch hinaus bis an die Grenzen. Die geplante 50-Kilometer-Wanderung bei Schwerin könnte so eine Erfahrung werden.

Die will er gut vorbereiten mit Aufbauwanderungen, Verpflegungspunkten und Auto, fall es einer doch nicht schafft. Ob es jeder schafft ist eigentlich gar nicht wichtig, sondern den ersten Schritt zu machen.

www.kreative-welt-dresden.de

 


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