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Blick zurück. Und Prost auf 2020

Bernd Seifert ist tagsüber Klempnermeister in Dresden und am Abend Schauspieler. Im Boulevardtheater spielt er sich selbst in »Familie Seifert«. Hier zieht er seine Jahresbilanz
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Bernd Seifert / Foto: Robert Jentzsch

Bernd Seifert / Foto: Robert Jentzsch

Das Jahr 2019 war in erster Linie ein Jubiläumsjahr. Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Ein großer Tag mit großen Errungenschaften. Aber nicht nur. Es gibt Dinge, auf die hätte ich persönlich verzichten können. Genderkonforme Sprache! Geschlechtsneutral! Da kriege ich persönlich Pickel unter der Zunge. Man stelle sich vor, das hätte es damals schon gegeben. Da wäre die Mauer doch nie gefallen. Millionen von Demonstranten können sich doch nur auf einfache Parolen einigen – »Wir sind das Volk«. Hätten wir damals schon genderkonform demonstrieren müssen, hätte es wahrscheinlich geheißen: »Wir sind die Volkerinnen und Volker, Transvolkloristen und diverse!«. Das raubt doch auch Zeit! Da hätten die Montagsdemos wahrscheinlich bis Mittwoch gedauert. Unser Kulti wurde 50! 1969 wurde er unter dem klangvollen Namen »Haus der sozialistischen Kultur« eröffnet. Nur einer war vom Bau nicht so begeistert, und das war Walter Ulbricht. Der wollte nämlich gern einen Turm auf’m Kulti-Dach haben. Einen Turm! Naja, jeder kompensiert es eben anders. Ich mag die alte Hornzsche so, wie sie ist! Apropos alte Hornzsche: In der Septemberoper gibt’s einen Personalwechsel. Unser Opernball verliert zwei prominente Opernbälle. Und zwar die von Sylvie Meis. Wegen der Kleiderordnung. Mehrere Gäste, vermutlich Damen, haben sich beschwert, dass Sylvies Kleider zu tief ausgeschnitten wären. Tja, da muss man eben mal zum BH greifen, Frau Meis! Gerade in Dresden, wo der Büstenhalter ja erfunden wurde. Und letztendlich ist der BH doch auch das demokratischste Kleidungsstück überhaupt. Er vereint Links und Rechts, hält die Massen zusammen und zieht das Volk an. Dass man das Volk allerdings auch ohne BH anziehen kann, das beweisen unsere Dresdner Verkehrsbetriebe. 163 Millionen Fahrgäste im Jahr! Das ist doch Wahnsinn, oder?
Die sind kurioserweise übrigens auch der Grund dafür, weshalb die DVB 2,5 Millionen Euro mehr Schulden machen dürfen als zuvor. Hier komme ich allerdings in’s Stolpern. In meinem Verständnis, als Quereinsteiger in der Marktwirtschaft, war es bisher immer so, dass eine Firma immer bestrebt ist Gewinn zu machen. Bei den DVB ist es scheinbar andersrum: Je erfolgreicher sie sind, desto mehr Schulden dürfen sie machen. Beim Kundenbarometer liegen die DVB wieder auf Platz 1 – mit der besten Note aller Zeiten: 2,2! Da frage ich mich: Warum geben die sich so viel Mühe? Das führt doch nur zu noch mehr Kunden, und somit zu noch mehr Schulden! Einen schwereren Verlust mussten wir im April beklagen: Reinhard Köttnitz, der Bob der Baumeister von Dresdens Alleen und Tiefbauten, wechselt nach 24 Jahren Amtszeit zum Schulverwaltungsamt. Das ist traurig, denn sein Wirken brachte uns viele Errungenschaften, ohne die wir heute noch länger im Stau stehen würden, als wir es eh schon tun. Denken wir nur an die Waldschlösschenbrücke. Zwischen Weltkulturerbe und Hufeisennase schlug er eine Brücke, die vielleicht lieber ein Tunnel geworden wäre. Er sanierte unsere geliebte Albertbrücke und sorgte dafür, dass nicht nur alle sicher über den Fluss kommen, sondern auch dafür, dass die gesamtdeutsche Nation mit neidvoller Ehrfurcht auf unsere Stadt blickt, die sich, zum Schutz ihrer Bürger und Denkmälerinnen, eine Brücke mit zwei Geländern leistete.
Reinhard… Du hinterlässt tiefe Schlaglöcher in unseren Herzen und einige auf Dresdens Straßen. Wir werden dich und deine orange Warnweste vermissen. Für mich die beste Nachricht des Jahres: Die Politessen werden knapp in Dresden! Das ist ein Mangel, mit dem ich persönlich durchaus gut leben kann. Auch sehr schön: Unser altehrwürdiger Ratskeller ist wieder offen. Allerdings muss ich hier die Vorfreude bremsen, denn das schöne Gewölbe dient lediglich als Kantine für die Mitarbeiter vom Rathaus. Wenn Sie also mal wieder im Ratskeller essen möchten, dann empfehle ich Ihnen: Bewerben Sie sich bei der Stadt. Nur bitte nicht als Politesse. Und so schauen wir nach dieser kleinen Rückblende hoffnungsvoll nach vorn und freuen uns auf 2020. Die DVB kündigen den Kauf neuer Straßenbahnwagen an! Diese sind 35 Zentimeter breiter als die alten. Das kommt mir und Dirk Hilbert besonders entgegen, denn, wie man unschwer erkennt, haben wir beide es auch 2019 geschafft, unsere Winterfigur den Sommer über zu erhalten. In diesem Sinne: Ihr Bernd Seifert