André Schramm

Als Urlaub Arbeit war

Früher war Urlaub nicht zwingend eine Frage des Geldes, sondern freier Kapazitäten und Beziehungen. Die Sachsen blieben damals trotzdem nicht zu Hause und tun das heute genauso wenig, wie eine neue Ausstellung in Coswig zeigt.
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 Evelies Baumann steht an einer Weltkarte. Gespannt sind kleine Fäden von der Kreisstadt aus in den Rest der Welt. „Hier haben die Coswiger letztes Jahr ihren Urlaub verbracht“, sagt die Museumschefin der Karrasburg. Im Vorfeld der neuen Ausstellung „Der Sachse liebt das reisen sehr“ hatte das Museumsteam eine kleine, nichtrepräsentative Umfrage zu Reisezielen gestartet und bekam Antworten. Alaska, Brasilien, Vietnam, Costa Rica und natürlich sämtliche Länder in Europa wurden 2016 bereist. Ganz anders die Urlaubsziele vor der Wende: Ostsee, Thüringer Wald und Erzgebirge rangierten ganz vorn. „Entweder man fuhr ins Betriebsferienheim oder hatte großes Glück und bekam einen FDGB-Platz“, so Evelyn Baumann. Eine Quittung aus dieser Zeit  zeugt noch von den Kosten: 5 Personen, Übernachtung, eine Woche, 40,80 Mark. „Häufig waren es auch die Verwandten oder Freunde, bei den man unterkam“, sagt Baumann. Gings ins Ausland, dann meistens in die Tschechoslowakei (21 Prozent) und nach Ungarn (17 Prozent), limitierte Urlaubskasse inklusive.  Trotzdem hat es für kleinere Urlaubsmitbringsel gereicht. Davon zeugen Matrjoschkas, bulgarische  Keramik oder die beiden Marionetten Hurvínek & Spejbl. Bei ihren Recherchen zur Ausstellung, stießen die Coswiger aber auch auf ein unrühmliches Kapitel – die „Aktion Rose“. „Unter diesem Titel wurden 1953 an der Ostsee mehr als 400 Hotels, Pensionen und Restaurants enteignet und ein Großteil dem FDGB zugeschlagen“, erzählt die Museumsleiterin. Der Blick in die Geschichte des Reisens geht aber noch weiter zurück. So ist beispielsweise Reiseutensil aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, darunter die Reisetasche eines Dresdner Baumwollhändlers, der in Indien Geschäfte machte. Richtiger Tourismus entwickelte sich erst um 1900, als die ersten arbeitsfreien Tage eingeführt wurden. Die Ausstellung ist vom 18. August (Eröffnung) bis 19. November, Di. und Do. 12 bis 18 Uhr; Sa. und So., 14 bis 18 Uhr, zu sehen.  Museumsgespenst Cosimir nimmt jüngere Besucher mit auf eine pädagogisch wertvolle Weltreise.