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Erinnern Sie sich noch?

Manfred Herzog begleitet durch 70 Jahre Geschichte
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Corona konnte ihn nicht davon abhalten. Jetzt im Herbst 2021 erschien das fünfte Buch von Manfred Herzog (87). Und natürlich hat es wieder etwas mit Neustadt zu tun – mit einer der aufregendsten Geschichtsabschnitte der Stadt.                                                                                          „Vor siebzig Jahren begann es“ so der Titel des Buches, das Manfred Herzog wieder im Eigenverlag in einer Auflage von 100 Exemplaren herausbrachte. Was da vor 70 Jahren begann, war der Aufstieg des Kombinates Fortschritt zu einem der größten Landmaschinen-Produzenten Europas. „Blickt man zurück, ist es schon erstaunlich, was sich seitdem verändert hat – bis zur Wende und danach.  Es gab Euphorie und viele geplatzte Illusionen“, erinnert sich Manfred Herzog. Mittendrin in dieser Entwicklung war Manfred Herzog selbst – als Fortschrittwerker, später als Redakteur und nun als Rentner, der noch sehr aktiv und interessiert alles beobachtet und darüber schreibt. Wenn man durch das Buch blättert, erlebt man die vergangene Zeit nochmal, gespickt mit vielen privaten Geschichten, genauen Beobachtungen und manch skurrilen Anekdoten, zum Teil auch auf säggs’sch.  Die Hälfte der Texte stammen noch aus früheren Jahren, immer mit dem Entstehungsjahr gekennzeichnet – die Hälfte ist neu und spart auch die zwei verrückten letzten zwei  Jahre nicht aus.  „Heute ist vieles nicht mehr vorstellbar, was vor 50 oder 60 Jahren  normal war, aber mit dem Wissen der letzten Jahrzehnte, verständlich. Und ja – es war nicht alles schlecht früher“, meint der Autor. Das sehen die, die das Buch lesen genauso. Auch wenn von der „alten Garde“ nicht mehr viele da sind, sind es oft die Kinder die das Buch als Andenken an den Vater oder die Mutter gerne lesen. Gegliedert ist das Buch in 13 Kapitel mit zahlreichen oft kurzen Geschichten. Der Autor stellt ehemalige Kollegen und Berufe im Fortschritt-Kombinat vor – den Knecht als Kraftfahrer, Heidi die Juristin, Reiner den Einrichter, Thu – Azubi als Maschinenbauzeichnerin oder Elsa vom Gusslager. An Corona geht kein Weg vorbei. Schön, wenn dann angenehme Erinnerungen an die attraktive, blonde Frau, die Impfärztin in Pirna bleiben, die ihm die Spritze verpasst und gleich noch einen zweiten Termin vereinbart.  Und trotz aller Pandemie hofft Manfred Herzog, dass dieses Jahr der Pfefferkuchenmarkt in Pulsnitz stattfindet, denn ihm läuft schon jetzt „das Wasser im Mund zusammen, wenn er an gefüllte Spitzen“ denkt.  Und ja – er erinnert auch an die eigene Schulzeit, wo 1944/45 durch Fliegeralarm und Kriegswirren unzählige Schulstunden ausfielen. „Meine Frau hatte monatelang keine Schule mehr, seit sie mit ihrer Familie Breslau verlassen musste. Trotzdem haben die meisten betroffenen Kinder eine erfolgreiche Entwicklung genommen.“  Darüber sollte man nachdenken! Auch das ist Corona:  wenn Geschäfte geschlossen sind und man dringend einen Schal  benötigt, geht das mit Phantasie auch ohne online-Bestellung, wie der Leser erfährt.  Dazu gibt es viele Erinnerungen an neue Einrichtungen und große Bauvorhaben in Neustadt und im Landkreis und an große Feste, wie den Tag der Sachsen 2002 in Sebnitz oder das Neustadttreffen 1995 und an seine aktive Zeit als Sportler. Als kulturinteressierter Mensch lag und liegt Manfred Herzog natürlich die Neustadthalle mit ihrem vielseitigen, sehr guten  Kulturangebot am Herzen. Und natürlich gibt es eine Hommage auf seinen Zirkel, einst der schreibenden Arbeiter, heute die „Neustädter Autoren“.  Daneben gibt es auch tiefsinnigen Humor, wo  verraten wird, dass das geflügelte Wort „Der Mai ist gekommen“ ganz verschiedene Bedeutung hat, wonach man seine Frau aussuchen sollte oder  was die Capri-Fischer mit der Wissenschaft vom Mond zu tun haben. Diese kleinen Altersweisheiten nimmt man einem gestandenen Mann von 87 Jahren, der noch immer mitten im Leben steht, gerne ab. Wer das Buch lesen möchte, muss sich direkt an Manfred Herzog wenden, denn von den gedruckten 100 Exemplaren sind nur noch wenige da. (caw)